Politdrama „Wackersdorf“ : Über die Arroganz der Macht

Rätselhaftes Bayern: Der politische Heimatfilm „Wackersdorf“ über die Proteste gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in den 80er Jahren.

Die „Körndlfresser“. Anna Maria Sturm (l.) als örtliche WAA-Aktivistin.
Die „Körndlfresser“. Anna Maria Sturm (l.) als örtliche WAA-Aktivistin.Foto: Alamode

Wer Mitte der achtziger Jahre in Bayern gegen den Bau der atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (WAA) auf die Straße ging, der machte eine reizende Bekanntschaft: Die Wasserwerfer der Polizei versprühten großzügig Tränengas. CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß pries die Bevölkerung der Oberpfalz bei der Atomindustrie mit dem ihm eigenen Zynismus als „industriegewohnt“ an. Schließlich war von gut 3000 Arbeitsplätzen für die brachliegende Bergbauregion die Rede. So ist Oliver Haffners politischer Heimatfilm „Wackersdorf“, der angesichts der Bilder aus dem Hambacher Forst plötzlich Aktualität gewinnt, in erster Linie eine eindringliche Studie über die Arroganz der Macht.

„Aufrichtig, gottesfürchtig und fleißig dabei“ lauten die goldenen Schriftzüge einer Grubenfahne, die im Wirtshaus hängt. Davor lässt der Regisseur seinen klassischen Helden Hans Schuierer akkurat mit Messer und Gabel eine Weißwurst verzehren. Der aus München angereiste Umweltminister dagegen – Kabarettist Sigi Zimmerschied in einer Glanzrolle – ist ein „Zutzler“, der die Wurst gar nicht erst häutet, während er dem ahnungslosen Provinzler das Großprojekt schmackhaft macht. Haffner konzentriert sich durchgehend auf die ruhige, knorrige Ausstrahlung des österreichischen Schauspielers Johannes Zeiler als Schwandorfer SPD-Landrat Schuierer. Für den gelernten Maurer und Wegemacher, Sohn eines KZ-Häftlings, sind das Wohl der Bevölkerung und die Achtung des Rechts eherne Grundsätze.

Gegensatz zwischen Provinz und Stadt fast karikaturistisch

„Wackersdorf“ führt hinein in ein raues, schweigsames Bayern. Kaspar Kavens Kamera setzt die verhaltene Schönheit der Hügel und Wälder in Szene, als würde die Natur den gewaltigen Widerstand antizipieren, der sich über sieben Jahre hinzog und am martialisch umkämpften Bauzaun drei Menschen das Leben kostete. Fast karikaturistisch wird der Gegensatz zwischen angeblich tumber Provinz und der Landeshauptstadt aufgebaut. Aus ihr reisen die alerten Überzeugungstäter und Feinschmecker an, allen voran ein Herr Billinger (Fabian Hinrichs) als fröhlich-impertinenter Vertreter der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DKW). Aber warum nur haben es die Propagandisten der „sauberen und effizienten Hochtechnologie“ so eilig?

Dem anfangs begeisterten Landrat Schuierer kommen bald Zweifel – konkret werden sie, als Schuierer auf den Bauplänen einen 200 Meter hohen Kamin entdeckt, der für die „gleichmäßige Verteilung“ der radioaktiven Partikel sorgen soll. Schuierer und der Verwaltungsjurist Bössenecker (Peter Jordan), die zu heimlichen Verbündeten werden, eignen sich in der Bibliothek Fachwissen an. In diesen Szenen stimmt jedes Detail bis hin zur Microfichefolie, während die Kernkraftgegner und „Körndlfresser“ um die junge Mutter Monika Gegenfurtner (Anna Maria Sturm) recht plakativ agieren.

Zum Casting waren 800 Komparsen erschienen

Oliver Haffner, der mit Gernot Krää auch das Drehbuch schrieb, bewundert die Sozialdramen von Mike Leigh und Ken Loach. Deshalb fokussieren sie die Ereignisse ganz auf die Person des Landrats, der durch eine „Lex Schuierer“ entmachtet wird. Indem er minutiös aufzeigt, wie sich Schuierer vom Befürworter zum entschiedenen WAA-Gegner wandelt, geht Haffner zwar ästhetisch konventionell vor, erreicht aber doch so etwas wie Wahrhaftigkeit.

Die Stärke dieser Fernsehproduktion ist ihre hörbare regionale Verankerung. Zum Casting waren 800 Komparsen erschienen, das Thema bewegt die Oberpfälzer noch immer. Die bayerische Regierung hat bis heute kein Wort der Entschuldigung für ihr brachiales Vorgehen gefunden. Nach Tschernobyl verlor die Atomindustrie das Interesse an der Anlage, 1988 wurde das megalomane Vorhaben eingestellt. Die Mehrheit der örtlichen CSU blieb stets ungefährdet: rätselhaftes Bayern.

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