Polnisch-deutsche Familiengeschichte : Warum so viel Gewalt, und so wenig Liebe?

Zeitalter der Extreme: Schriftsteller Artur Becker begibt sich in „Drang nach Osten“ auf die Spuren seiner polnisch-deutschen Großeltern.

Klaus Hübner
Viel erlebt und viel gelesen. Arthur Becker ist ein großartiger Erzähler.
Viel erlebt und viel gelesen. Arthur Becker ist ein großartiger Erzähler.Foto: picture-alliance/ dpa

Es gibt tatsächlich Romane und Erzählungen von Artur Becker, die nicht in Masuren spielen. Doch ob Venedig („Sieben Tage mit Lidia“, 2014) oder Frankfurt am Main („Der unsterbliche Mr. Lindley“, 2018) – Polen ist immer mit dabei, vor allem der südliche Teil des einstigen Ostpreußen, aus dem der mit 17 Jahren nach Deutschland gelangte Autor stammt. „Drang nach Osten“, Beckers bisher persönlichster Roman, nimmt das turbulente Schicksal seiner polnisch-deutschen Großeltern ins Visier, die nach 1945 ein neues Leben in Masuren beginnen wollten. Oder mussten. (Artur Becker: Drang nach Osten. Roman. Weissbooks, Frankfurt am Main 2019. 398 S., 24 €).

Den nicht besonders sympathischen Romanhelden Arthur Bekier – hier nimmt sich der Autor selbst auf die Schippe – wühlt die Vergangenheit seiner Familie auf: Warum so viel Gewalt, warum so wenig Liebe? Wie konnten all die vielen Verbrechen geschehen? Woher kommt das Böse? Ist Freiheit möglich, und was ist ihr Preis? Das sind Fragen, die Arthur auch mit Malwina diskutiert. Mit dieser mutigen und klugen Warschauer Professorin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, verbindet ihn eine leidenschaftliche und zärtliche, aber durch und durch unglückliche Liebe ohne realistische Zukunftsperspektive. Die Arthur-Malwina-Gegenwart und die Zeit der Großeltern- und Elterngeneration gehen fast unmerklich ineinander über, sodass sich ein breites, durchaus widersprüchliches Panorama der kommunistisch-katholischen Volksrepublik Polen bis in die chaotischen 1980er Jahre hinein entfaltet. Doch im Zentrum des Geschehens steht die unmittelbare Nachkriegszeit. In einem kriegsbeschädigten Schloss in der Gegend um Allen- und Bartenstein – neuerdings muss man „Olschtin“ und „Bartoschütze“ sagen – kreuzen sich die Wege von Arthurs Großeltern und die zahlreicher anderer Figuren, jede von ihnen mit einem mehr oder minder kuriosen Lebenslauf.

Ungezügelte Fabulierlust auf hohem Niveau

Polnische Stalinisten gelangen an die Macht und schrecken vor keinem Verbrechen zurück. Die in den von Kriegsgerät übersäten Wäldern hausenden Partisanen agieren nicht weniger brutal. Vergewaltigungen und Morde sind an der Tagesordnung. Alle sind traumatisiert, viele besitzen Waffen. Heizen ist schwierig, nur der Wodka wärmt ein bisschen, und gottlob sind die masurischen Seen voller Fische. Unrecht und Unordnung erscheinen als Signatur einer Epoche, die voll ist von traurigen, grausamen, doch unbedingt bewahrenswerten Geschichten. Mittendrin der geheimnisvolle Mann mit der Baskenmütze, der ständig von Schuld und Sünde predigt und den man gern als Anspielung auf Heinrich Böll verstehen darf. Wie es denn überhaupt jede Menge Anspielungen auf Literaten und Intellektuelle gibt. Sie dienen vor allem dazu, den zentralen Anspruch dieses Romans zu bekräftigen: dem Gedenken und der Trauer den ihnen gebührenden Platz in der Gesellschaft zuzuweisen.

Ungezügelte Fabulierlust also – auf hohem Niveau. Artur Becker hat viel erlebt und viel gelesen, deshalb muss er auch viel erzählen. Die in „Drang nach Osten“ ausgebreiteten Lebensgeschichten, Reflexionen und Lektürefrüchte nehmen schier kein Ende, und in einem Interview hat Becker angekündigt, „weiterhin Bücher über Ermland und Masuren“ schreiben zu wollen. Dass er vor Wiederholungen nicht zurückschreckt und Fans manches bereits aus früheren Romanen kennen, ist weniger das Problem. Doch diesmal ist die Verdichtung des überbordenden Erzählstoffs nicht wirklich gelungen. Sonst wäre aus Beckers bestens recherchiertem, mühelos lesbarem und immer wieder tief berührendem Familienroman große Literatur entstanden.

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