Porträt eines Sammlers : Prousts teure Fragen

Die größte Angst des Sammlers und Urologen Reiner Speck ist, mit voller Blase zu sterben. Auch das hat etwas mit Marcel Proust zu tun.

Vielfragend. Der junge Marcel Proust.
Vielfragend. Der junge Marcel Proust.Foto: imago

Das größte Glück ist wohl das Liebesglück. Ihm auf den Fersen folgt allerdings das Sammlerglück. Beide verbindet, dass der Glückliche das Objekt seiner Leidenschaft zumeist besitzen will. Jedenfalls gilt das für den Sammler, in dem oft auch ein Jäger steckt. Aber sein größtes Glück verdankt sich wie im Spiel (oder in der Liebe) bisweilen dem Zufall. Der ungeahnten Entdeckung.

Tatsächlich war dieses kleine Heftchen, waren diese leicht vergilbten, vom ursprünglichen Hellblau ins eher Grünliche changierten acht Blätter, im Querformat gerade 13,7 x 10,7 Zentimeter messend, unverhofft da. Waren im April 2018 plötzlich auf dem Markt. Der Pariser Antiquar Laurent Coulet, ein renommierter Spezialitätenhändler in dritter Generation, bot da beim Internationalen Salon seltener Bücher im Grand Palais von Paris die achtseitige Mini-Broschur mit dem Titel „Mes Confidences“ an. Der Preis jener „Geständnisse“ oder „Bekenntnisse“: 250.000 Euro.

Es war eine Sensation. Und schnell zugelangt hat ein zunächst anonym gebliebener privater Sammler. Auch das war eine Überraschung. Denn die angebotene Rarität schien nach einer öffentlichen Institution, nach der Französischen Nationalbibliothek zu rufen. Schon auf dem Deckblatt des Broschürchens nämlich steht in hübsch geschwungener Handschrift der Name des Konfidenten: Marcel Proust.

Und zwei Zeilen darunter Ort und Datum der nachfolgenden Notate: Paris, am 25. Juni 1887. Proust, der Weltberühmte, hat dies zwei Wochen vor seinem 16. Geburtstag geschrieben. Hat auf den acht Blättern mit 30 vorgedruckten Fragen nach persönlichen Vorlieben oder Abneigungen folglich als Teenager geantwortet.

Doctor Bacon ist Urologe

Ist das freilich so viel Aufhebens, Geld und an diesem Sonntag in der exquisiten Kölner „Bibliotheca Proustiana“ eine erlauchte Konferenz und ab Beginn der Woche dann die erste öffentliche Ausstellung jenes Fundstücks wert? Proustianer aus aller Welt werden sofort mit einem schallenden JA antworten. Denn tatsächlich geht es um ein viel größeres Spiel, als acht vermeintliche Kinderheftseiten vermuten lassen. Eben deshalb hat hier sein Glück auch der zunächst ungenannte Sammler gesucht, in dem Kenner sehr bald Reiner Speck aus Köln am Rhein vermuteten.

Der Eigentümer der genannten „Bibliotheca Proustiana“ besitzt neben unzähligen Werken der modernen Kunst (von Beuys bis Twombly) ja auch die größte private Kollektion von Proust-Handschriften und verwandten Kostbarkeiten weltweit. Als emeritierter, in seinem Fach ziemlich prominenter Urologe, Stifter eines Kunstmuseums und internationaler Sammler der Spitzenklasse ist Dr. Speck (Aliasname „Doctor Bacon“) keineswegs von mangelndem Selbstbewusstsein befallen. So hat er sich denn auch rasch zum Erwerb des teuren Heftchens bekannt.

Urologe und Proust-Sammler: Reiner Speck
Urologe und Porust-Sammler: Reiner SpeckFoto: Andrea Stappert

Auf die Frage nach der Viertelmillion wiegt er nur vielsagend den Kopf und sagt, „die Sache ist es allemal wert“. Speck, der vorab durch die werdende Ausstellung führt, erzählt, dass Monsieur Coulet auf seine Anfrage erst mit einem „vendu!“ (verkauft!) geantwortet habe. Wohl ein Russe sollte der Erwerber sein, was Speck für plausibel hielt, da der junge Proust zur Zeit des datierten Fragebogens (französisch: „Questionnaire“) gerade in eine russisch-stämmige Lyzeumsschülerin verliebt war. „Doch dann habe ich noch mal nachgefragt, und siehe da: Der Kaufpreis war nicht bezahlt, und ich hatte meine Hand auf dem Questionnaire.“

Der „Proust-Fragebogen“ ist schon für sich genommen ein Kult-Begriff. Bis Ende der 1990er Jahre das wöchentliche Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eingestellt wurde, gehörte dort „der Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust in seinem Leben gleich zweimal ausfüllte“, so die regelmäßige Ankündigung, weit über die „FAZ“ hinaus zum populären Repertoire. Von Helmut Schmidt bis Hildegard Knef haben ihn Stars und Sternchen beantwortet.

Größtes Unglück: mit voller Blase zu sterben

Auch Reiner Speck, der an diesem Montag zur Ausstellungseröffnung fit und fein seinen 78. Geburtstag feiert, wurde einst befragt. Selbstredend hat er Proust als Lieblingsautor benannt, als favorisierten Lebensort „eine Schloss-Bibliothek auf einem Felsen am Meer“, als Lieblingsvogel „Ledas Schwan“ und als größtes Unglück „Mit voller Blase zu sterben“.

Die bisher übliche Angabe, Marcel Proust habe viele Jahre, bevor er seine über 4000 Seiten umfassende „Recherche“, den Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ begann, jenen Fragenkatalog insgesamt „zweimal“ beantwortet, ist nun als erstes zu korrigieren. Es gibt seit der Neuentdeckung, die der Proust-Biograf Jean-Yves Tadié mit seiner Echtheitsexpertise versehen hat, offenbar drei Versionen.

Und das Besondere an dem jetzt präsentierten Questionnaire ist: Nur diese frühesten „Bekenntnisse“ hat Marcel Proust (1871 – 1922) wirklich vollständig ausgefüllt und auf dem Titelblatt über den Namen hinaus sogar mit der Angabe seines Geburtsorts Auteuil versehen.

Der kaum 16-Jährige bezieht sich nicht auf die Hauptstadt Paris, obwohl Auteuil schon zum Zeitpunkt seiner Geburt über ein Jahrzehnt lang eingemeindet war. Proust nennt lange vor Beginn seines großen Werks also den Namen des auch später bei ihm klangmalerisch assoziierten Provinzvororts – als Vorschein gleichsam einer Kindheit, einer Frühzeit, welcher der erwachsene Autor später immer wieder nachsuchen wird. Wie seinem Atlantis.

Ein Hinweis auf seine Homosexualität

Auch das macht Prousts vermeintliches Kinderspiel mit dem Fragebogen, den er für eine seiner Kameradinnen aus den nachmittäglichen Schulzeitspielen am Rande der Champs-Élysées ausgefüllt hat, zum Indiz. Reiner Speck sagt, dass die frühen Antworten bereits den künftigen Proust „in nuce enthalten“. Zehn Wochen später, am 4. September 1887, hat der junge Marcel einen solchen – als Spiel mit den erhofften Indiskretionen und Enthüllungen beliebten – Fragebogen wiederum ausgefüllt.

Und dann letztmals ohne Datum, nach neuesten Forschungen wohl 1893/94. Im bislang für den Erstling gehaltenen zweiten Questionnaire von 1887 beantwortet der 16-jährige nur 19 von 24 (auf Englisch formulierten) Fragen. Im dritten Anlauf, als junger Mann, der seinen Wehrdienst hinter sich hatte, sind es 30 Antworten auf 31 Fragen. Wenn er dabei als Lieblingseigenschaft bei einem Mann „weiblichen Charme“ benennt, ist das auch schon ein Hinweis auf seine eigene Homosexualität.

Frühe Bekenntnisse. Die ersten Antworten des knapp 16-jährigen Proust erhalten bereits den späten Schriftsteller „in nuce“.
Frühe Bekenntnisse. Die ersten Antworten des knapp 16-jährigen Proust erhalten bereits den späten Schriftsteller „in nuce“.Foto: Katalog Rainer Speck/Bibliotheka Proustiana

Obwohl es durch Proust seinen besonderen Nimbus hat, war das persönliche Frage-Antwortspiel, oft eingebunden in Poesiealben, ein von England aus ab dem 19. Jahrhundert weit verbreitetes, bald auch von Zeitungen und Magazinen genutztes Gesellschaftsspiel. Karl Marx und Agatha Christie haben da mitgespielt, Claude Debussy, Thomas Mann oder in den USA auch Marilyn Monroe. Jean-Paul Sartre hat den bei ihm als Schulkind in rotes Leder mit Goldschnitt gefassten Fragen eine schöne Passage in seinen Jugenderinnerungen „Die Wörter“ gewidmet. In Deutschland gehörte das Fragespiel, wie Reiner Speck in seinem Essay zur Kölner Ausstellung im demnächst erscheinenden Katalog-Buch schreibt, mit zum „fidelen Kaffeeklatsch“.

Für Proust, den kommenden Großschriftsteller, der schon als Schüler eigensinnig gewitzte, beispielsweise in sexuellen Fragen erstaunlich altkluge Briefe schrieb, waren die „Bekenntnisse“ freilich schon Strategie. Den dritten Fragebogen überschrieb er „Marcel Proust par lui-même“, als bewusste Selbstdarstellung.

Die auch später das eigene Werk durchziehenden musikalischen Vorlieben, mal Beethoven, Wagner, Schumann, mal Mozart und Gounod, oder favorisierte Poeten wie Baudelaire und Musset klingen in der zweiten und dritten Version an. Am rührendsten, weil die intonierenden Motive der späteren „Recherche“ und der wiederzufindenden Kindheit treffend, ist das Bekenntnis des Anfangszwanzigers zum größten Unglück: „von Mama getrennt zu sein“.

Der schönste Moment?

Bemerkenswert an der jetzt aufgefundenen frühesten Konfession ist indes Prousts Vorbehalt, erst mal keine Namen zu nennen. Die Frage nach dem Lieblingsschriftsteller, beantwortet er noch ausweichend: „Derjenige, den ich mit größtem Vergnügen lese“. Doch beweist der junge Mann auch schon seine entschiedene Schlagfertigkeit. Das beklagenswerteste Schicksal? „Das eines Dummkopfes.“ Der schönste Moment in seinem Leben? „Das werde ich Ihnen sagen, denn es gibt nun einmal Dinge, die man lieber nicht schreibt.“

So schreibt der sich im Vielsagenden erst Erprobende. Und was antwortet der künftig sensibelste Beobachter aller menschlichen Regungen auf die Frage nach dem schmerzlichsten Moment? „Der Tag meiner schlimmsten Verdauungsbeschwerden.“ Jahrzehnte später notiert in seinem Tagebuch fast das Gleiche der reife Thomas Mann – wenn gerade ein Weltkrieg ausbricht.

Es ist ein spektakuläres Quartier, in dem Reiner Speck am heutigen Sonntag zunächst der von ihm einst gegründeten Deutschen Marcel-Proust-Gesellschaft und danach der Öffentlichkeit bis zu 150 Raritäten und Kuriosa rund um den Questionnaire präsentiert. Er selbst hat akribisch die Herkunft des Fragebogens recherchiert, und eine früher mit Prousts Schulfreundinnen verbundene Familie in Grenoble ermittelt. Dort wurden 2015 im Nachlass einer mit 104 Jahren gestorbenen Dame die Blätter entdeckt. Zufall – und spätes Sammlerglück.

Trumps Antworten vom Fragebogen

Die Ausstellungsstücke, darunter viele Autografen – Speck besitzt allein gut 120 Briefe des Meisters, seine Haarlocke und das mit Zeichnungen versehene Originalmanuskript von Prousts „Tage des Lesens„ – sind nun dargeboten im ersten Stock des früheren Ideal-Hauses des Architekten Oswald M. Ungers. Den Bau an einer stillen Waldrandstraße von Köln-Müngersdorf hat Speck nach Ungers Tod 2007 erworben: ein zweistöckiger Quader (Spitzname „Die Kaaba von Müngersdorf“) mit vier exakt gleichen Seiten, bis hin zu vier Eingangstüren, in Anspielung auf Robert Musils berühmten Roman auch benannt als „Haus ohne Eigenschaften“.

Innen eine Zentralhalle mit Gemälden und Großfotografien von Jannis Kounellis und Andreas Gursky sowie Ungers originalen Bücherschränken, in denen einst die mit Vitruvs Schriften beginnende Architekturbibliothek des Erbauers verwahrt war. Heute beherbergen die edlen dunklen Holzschränke Reiner Specks zweiten Schatz: die weltweit bedeutendste Privatsammlung zum Renaissance-Poeten Francesco Petrarca, darunter etwa 80 illuminierte Handschriften auf Pergament und singuläre Inkunabeln.

In der Galerie darüber, einerseits eine Küche mit Speiseraum und Flügel, gesäumt von einem Riesengemälde Sigmar Polkes. Und auf der Seite gegenüber, vorbei an Kabinetten etwa mit Balthus’ Zeichnungen zu Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ die Schauvitrinen, Regale, aufgezogenen Schubladen mit allen Proustiana. Und auch ein ziemlich zeitgenössisches Objekt, ein Heft der US-Zeitschrift „Vanity Fair“.

In dem Magazin hat am 1. September 2004 ein gewisser Donald Trump den Proust-Fragebogen beantwortet. Sein Lieblingsschriftsteller? Antwort: „Es gibt so viele großartige, ich kann sie nicht alle nennen. Aber einer der besten von ihnen ist einer der größten Bestseller – ich selbst.“ Was schätzt er an einem Mann am meisten? „Integrität und Loyalität.“ Was würde er an seinem Äußeren am liebsten ändern? „Meine Haare!“ Das immerhin. Irgendwie bleibt das Proust-Fragespiel doch eine Verführung, auch zur tieferen Wahrheit.

(„Le Questionnaire de Proust“ in der Bibliotheca Proustiana Reiner Speck, Kämpchenweg 58 in Köln-Müngerdorf, vom 1. Juli 2019 bis 5. Januar 2020, Samstag und Sonntag 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung (info@dmpg.de). Im November planen Reiner Speck und die Deutsche Marcel Gesellschaft im Berliner Literaturhaus ein öffentliches Symposion zum Thema Marcel Proust und die Juden“.)

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