Reisereportagen von Lafcadio Hearn : Blau, blauer, Indigo

„Die Inseln über dem Winde“ : Der Reporter Lafcadio Hearn schreibt lebendig und malerisch über seinen Dampfschiff-Trip durch die Tropen.

Saint-Pierre im Nordosten von Martinique
Saint-Pierre im Nordosten von MartiniqueFoto: AFP / Gabriel Bouys

Auf einer Reise zu den Westindischen Inseln 1887 müssen dem Reporter Lafcadio Hearn die Augen übergegangen sein. Eine Farbskala vom dunkelsten Blauton über das feurigste Smaragdgrün bis zum satten bräunlichen Gelb! Die Natur geht verschwenderisch um mit ihrer Pracht, und Hearn kommt aus dem Staunen nicht raus: „Ich lese ein, zwei Stunden; schlafe im Sessel ein; erwache plötzlich, blicke aufs Meer – und schreie auf! Dieses Meer ist unmöglich blau! (…) Es scheint, als würde man in einen unermesslichen Färbkessel blicken oder als ob der gesamte Ozean mit Indigo verdickt worden wäre. Dies muss die natürliche Farbe des Wassers sein – ein flammendes Azurblau – herrlich, unmöglich zu beschreiben.“

Hearn wird noch häufig verzückt sein, aber auch überfordert und reizüberflutet auf seinem sommerlichen Dampfschiff-Trip von New York zu den Amerikanischen Jungferninseln, zu den Windward Islands Martinique und Barbados bis nach Britisch-Guayana an der Nordküste Südamerikas, und auf dem Rückweg nach Trinidad und Grenada. Die Notizen, die der vor allem durch seine Japan-Bücher berühmt gewordene Hearn von seiner Reise mitbringt und die erstmals 1888 in „Harper’s New Monthly Magazine“ erscheinen, haben gleichwohl etwas höchst Poetisches. Man könnte sie zunächst noch hellwach nennen, dann schläfrig, bis sie sich melancholisch färben, was einen interessanten Kontrast zu den dunklen Farben des Meeres, den grellen der Insellandschaft, der Dörfer und Städte erzeugt.

Ein mitunter rassistischer Blick

Spannend sind die am Rande, aber feinsinnig wahrgenommenen ökonomischen Bedingungen, unter denen die Menschen leben, und Hearns Aufmerksamkeit für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die hier als billige Arbeitskräfte nach Abschaffung der Sklaverei gelandet sind. Bemerkenswert ist sein Augenmerk auf die Körper der Einwohner, die er unverhohlen voyeuristisch beschreibt – dahinter verbirgt sich nicht nur der Reiz des Exotischen, sondern auch eine Form der Kolonialisierung des „Wilden“.

Unangenehm ist der mitunter zeitgebunden rassistische Blick des eigentlich so weltoffenen Hearn auf die schwarze Bevölkerung, die ehemaligen Sklaven, die als Feinde der kreolischen Buntheit betrachtet werden. Zumal Hearn in seiner frühen Zeit in Cincinnati eine Afroamerikanerin geheiratet hatte, eine illegale Handlung, die ihn seinen Job kostete. „Die Inseln über dem Winde“ ist trotzdem eine lohnende Lektüre, und das vor allem aufgrund von Hearns Sprachkraft. Kaum jemand vor oder nach ihm hat je so lebendig, schwelgerisch und malerisch über die Tropen geschrieben.

Lafcadio Hearn: Die Inseln über dem Winde. Eine Sommerreise. Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Pechmann. Jung und Jung, Salzburg und Wien 2018, 138 Seiten, 20 €.

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