Retrospektive auf der Berlinale : Kämpferinnen aus Ost und West

Weibliche Perspektiven nach 1968: In der Berlinale-Retrospektive laufen Filme von Regisseurinnen aus drei Jahrzehnten.

Rebecca Pauly als Historikerin in Claudia von Alemanns "Die Reise nach Lyon" von 1980.
Rebecca Pauly als Historikerin in Claudia von Alemanns "Die Reise nach Lyon" von 1980.Foto: bpk / Abisag Tüllmann / Berlinale

Ein Dorf in der Rhön Ende der 1970er Jahre. Einfamilienhäuser mit Steildach, etwas Fachwerk, abgeblätterte Fensterrahmen. Eine junge Frau in weißer Hose, roter Manchester-United-Jacke, weißen Westernboots, pest misstrauisch beäugt auf einem Moped durch die Straßen. Ein kleines Mädchen pflückt Blumen, halb verborgen vom Gestrüpp. Recha Jungmann erzählt in „Etwas tut weh“ (1980) vom Herkunftsort ihrer Familie und kommt dabei auch zum ehemaligen Wohnhaus, das mit eingeschlagenen Fenstern verfällt. Dann beginnen die Dörfler zu erzählen: vom Großvater, der 1933 als Einziger den Nazis seine Zustimmung verweigert, seiner Ausgrenzung und Verbitterung. Ein Geschichtsfilm, weit entfernt von jeder familiengeschichtlichen Nabelschau. In der diesjährigen, von der Deutschen Kinemathek ausgerichteten Berlinale-Retrospektive „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen 1968 - 1999“ kann man ihn in digital restaurierter Form neu entdecken.

So wie Claudia von Alemanns Erinnerungs-Travelogue „Die Reise nach Lyon“ (1978). Es geht den Spuren der Sozialistin und frühen Frauenrechtlerin Flora Tristan nach. Mithilfe alter Tonaufnahmen erforscht ihre Protagonistin Elisabeth , wie Vergangenheit und Gegenwart einander durchdringen. Der französische Tonkünstler Daniel Deshays hat dafür Soundscapes mitentwickelt.

Die ersten 100 Jahre Frauenwahlrecht, die aktuelle Präsenz nationalistischer Männlichkeit und die Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für weibliche Autorenschaft mögen diese Retro inspiriert haben, die sich den Filmen von Regisseurinnen aus Ost und West und dem vereinigten Deutschland über 30 Jahre hinweg widmet. Eine einheitliche weibliche Ästhetik lässt sich hier keineswegs finden. Die Filme leben von vielgestaltigen Suchbewegungen und – vor allem bis zur westdeutschen filmpolitischen Wende in den 1980er Jahren – von offenen Erzählstrukturen. So prägt praktisches politisches Engagement Cristina Perinciolis „Für Frauen 1. Kapitel“ (1972). Der halbstündige Film, mit Laiendarstellerinnen besetzt und von Miet-Aktivistinnen aus dem Märkischen Viertel geschrieben, erzählt vom Streik vierer Supermarktangestellten. Eine Agit-Soap, die auf der Veränderbarkeit der Verhältnisse beharrt.

Acht Filme von DDR- und Nach-DDR-Regisseurinnen sind zu sehen

In der DDR entstanden andere Solitäre, etwa Iris Gusners „Die Taube auf dem Dach“ (1973), der zu seiner Zeit nicht freigegeben wurde. Die Behörden glaubten, er wolle der Arbeiterklasse ins Gesicht spucken. Als Regisseurin lange in die Assistenz gedrängt, war Gusners Film lange verschollen, bevor das Farboriginal 2010 in Schwarzweiß rekonstruiert werden konnte. Es geht um die sexuelle Selbstbestimmung einer Großbaustellenleiterin zwischen zwei Männern und um einen kritischen Blick auf das Funktionärstum.

Insgesamt acht Filme von DDR- und Nach-DDR-Regisseurinnen sind zu sehen: „Kennen Sie Urban“, von Ingrid Reschke (1971), Evelyn Schmidts „Das Fahrrad“ (1982) Sybille Schönemanns „Verriegelte Zeit“ (1991), zwei Filme von Helke Misselwitz sowie die mit einer auffällig elaborierten Titelgrafik versehene Dokumentation „Sie“ (1970),von Gitta Nickel über eine Gynäkologin, die in einem Textilbetrieb Sexualaufklärung betreibt. Es ist spannend, ost- und westdeutsche Kämpfe in diesen Filmen zu vergleichen.

Nach dem Oberhausener Manifest 1962, einer Abrechnung mit „Papas Kino“, die eine reine Männerschar vornahm, deren Filme doch auch vielfach etwas der Arbeit hervorragender Cutterinnen verdankten, und nach den ersten Filmschulen in Ulm, Berlin und München tauchen 1968 zwei Filme auf, deren Strategie unterschiedlicher nicht sein könnte. Ula Stöckls Film „Neun Leben hat die Katze“ und „Zur Sache, Schätzchen“ von May Spils.

Insbesondere „Neun Leben hat die Katze“, im Format Techniscope gedreht, wendet sich so radikal der mehrperspektivischen Darstellung weiblicher Lebensentwürfe zu, dass der Film damals bei männlichen Filmjournalisten oftmals auf Unverständnis stieß. Er erntete einen Schwall übellauniger Besprechungen. Nur Frieda Grafe, bis 1974 die einzige Autorin der Zeitschrift „Filmkritik“, fand differenziertere Worte für Stöckls entschiedenen Stilwillen. May Spils gleichzeitig entstandener Überraschungserfolg „Zur Sache Schätzchen“ übertraf mit 6,5 Millionen Zuschauern alle damaligen Filmstarts. Die ebenso verzopften wie flauen Busen- und Fummel-Witze, die häufig reproduzierten Fotos der Regisseurin, die eben gerne im Bikini drehte, kamen an. Antibürgerlicher Charme oder kleinbürgerlicher Mief?

"Ich denke of an Hawaii" von Elfi Mikesch aus dem Jahr 1978.
"Ich denke of an Hawaii" von Elfi Mikesch aus dem Jahr 1978.Foto: Deutsche Kinemathek / Elfi Mikesch / Berlinale

Restauriert ist auch „Ich denke oft an Hawaii – Ein Film für jedes Wohnzimmer“ von Elfi Mikesch (1978). Ein experimenteller Dokumentarfilm über die Pubertätsträume eines Mädchens und die Putzarbeit der Mutter, eine spielerische Inszenierung in leuchtenden Farben. Mikeschs Kamera setzt Körper und Gesichter dieser Suburbia-Familie mit väterlicherseits US-puertoricanischem Hintergrund so in Szene, dass sie vor Sinnlichkeit strahlen. Das setzt sich dann ganz anders fort in Maria Langs Schwarzweiß-Filmen „Familiengruft – Ein Liebesgedicht an meine Mutter" (1982) und „Zärtlichkeiten“ (1985), einer von Chantal Akermans „Toute une nuit“ inspirierten episodischen Inszenierung der damaligen Berliner Lesbenszene.

Eine weitere Migrationsgeschichte erzählt Ayse Polat mit „Ein Fest für Beyhan“ (1995). Die andauernde Aufbruchsbewegung ihrer Figur Beyhan, die mit Wanderschuhen und Rucksack weite atmende Landschaften, Wälder, Äcker und Bahnhöfe durchmisst, spannt eine große transnationale Bewegung auf, die von der stoischen Selbstbehauptung der Heldin getragen wird.

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