Retrospektive Maria Schell : Das bebende Kinn

Die Filme der Schauspielerin Maria Schell im Zeughauskino.

Therese Mausbach
Tränenreich. Maria Schell in Helmut Käutners Film „Die letzte Brücke“ (1954).
Tränenreich. Maria Schell in Helmut Käutners Film „Die letzte Brücke“ (1954).Foto: picture-alliance/ dpa

Als die „Bravo“ 1957 den ersten Otto an Maria Schell verlieh, galt Warhols berühmtes Diktum von den 15 Minuten Ruhm noch nicht. Die blonde Wienerin hatte damals bereits einen Ruf von Weltrang, nach ihrer Rolle der armen Wäscherin in Réne Cleménts oscar-prämierter Zola-Adaption „Gervaise“ (1956) hatte sie das Studio Metro Goldwyn Mayer mit einem Siebenjahresvertrag ausgestattet.

Ein amerikanischer Traum. Hollywood erkennt in der ersten Schauspielerin auf dem Cover des „Time Magazine“ ein neues Weiblichkeitsideal: eine emanzipierte und kultivierte Europäerin, „die amerikanische Frauen gerne wären und die amerikanische Männer suchen“. Wasserstoffblonde Sexbomben wie die gleichaltrige Marylin Monroe konkurrieren vergeblich um die Figur als wilde Gruschenka in Richard Brooks’ „Die Brüder Karamasow“. Dass die Frau mit der tiefen Stimme sich nie königlicher und aufrechter gefühlt habe als in der Theaterrolle der Maria Stuart, suggeriert einen natürlichen Feminismus, der auch in dem Goldschürfer-Drama „The Hanging Tree“ (1959) sichtbar wird. Ihr Auftritt an der Seite von Gary Cooper krönte eine kurze Welle von „Frauenwestern“.

Ihre größte Stärke war der spannungsvolle Wechsel zwischen tiefen Gefühlswelten. Ihrer Darstellung als „zartes Seelchen“ in der Arztromanze „Dr. Holl“ neben Dieter Borsche verdankt Maria Schell ihren ungeliebten Spitznamen, der ihre wandlungsfähige Spielweise auf den Punkt bringt: „Ich kenne nur ein Gesetz: mit meinem Wesen, meiner Seele, meiner Vorstellungskraft, meinem Können und meinem Einsatz suche ich das Erlebnis, versuche es zu vermitteln.“

Heilung für das Trümmerdeutschland

Dass ihr Schauspiel von zäher, nicht von zarter Natur ist, bewies sie in internationalen Erfolgen wie Helmut Käutners Kriegsklassiker „Die letzte Brücke“. In Robert Siodmaks Hauptmann-Verfilmung „Die Ratten“ (1955) fällt ihrer perspektivlosen Pauline das Neugeborene einem Kindesraub zum Opfer. Ihre nuancierte Mimik, vom strahlend weißen Lächeln bis zu tränenerfüllten Augen und bebendem Kinn, wirkt auf das gefühlskarge Trümmerdeutschland heilsam.

Die Filmreihe „Antlitz ohne Grenzen“ im Zeughauskino erinnert noch einmal an die wechselhafte Karriere der Tochter eines Schweizer Schriftstellers und einer österreichischen Schauspielerin. Maria Schell und ihr Bruder Maximilian entstammten zwar einer intellektuellen Bohème, dennoch blieb ihr schauspielerisches Bedürfnis bodenständig. Auch ein Grund für ihre Popularität im Nachkriegsdeutschland. Ihr Ziel verglich sie mal mit einem Fußballspiel: Sie wolle ihrem Publikum ein positives Gemeinschaftserlebnis verschaffen.

Wie ihre jüngeren Geschwister folgte sie – entgegen den Vorstellungen des Vaters – der musischen Begabung ihrer Mutter. Als „höchste Schule“ empfand sie ihre Lehrjahre am Züricher Schauspielhaus. Kriegsbedingt bildete die Schweiz ein Refugium vieler großer Theaterdarsteller, von deren Erfahrungen die fleißige Jungschauspielerin in fast 50 Theaterinszenierungen profitierte.

Selbstbewusst debütiert die 16-Jährige „Gritli Schell“ im Schweizer Heimatfilm „Steibruch“. Ihre Disziplin zahlt sich aus, als ihr gleich in ihrer zweiten Filmproduktion der internationale Sprung gelingt. Karl Hartls Literaturverfilmung „Der Engel mit der Posaune“ (1948) wird nur zwei Jahre später in England, ebenfalls mit Maria Schell, von neuem für die Leinwand inszeniert. Dort verhilft ihr ein Treffen mit der gleichaltrigen Queen zu noch größerer Popularität. Es folgen Filme in Frankreich, Italien, Spanien, schließlich in Hollywood.

Wie bei vielen weiblichen Stars des klassischen amerikanischen Starkinos ist auch der Stern der 2005 verstorbenen Maria Schell früh verblasst. In den 1970ern dreht sie zunehmend fürs Fernsehen, „Antlitz ohne Grenzen“ zeigt auch zwei Folgen der Krimiserien „Derrick“ und „Kojak“. Die Reihe im Zeughauskino erinnert noch einmal an die Vielseitigkeit der Ausnahmeschauspielerin. Ein Kuriosum im Programm ist der Frauengefängnisfilm „99 Women“(1969) von Kultregisseur Jess Franco.

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