Rias Kammerchor : Feier von Musik und Liebe

Wunderbare wilde Oratorienwelt: Der Rias Kammerchor startet in der Philharmonie mit ganz viel Händel ins neues Jahr.

Justin Doyle
Justin DoyleFoto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Der Rias Kammerchor ist eine Händel-Trutzburg. Die Aufführungen seiner Oratorien, die der gewiefte Musikdramatiker nach dem Niedergang der italienischen Oper in Britannien ersann, bescheren einem treuen Berliner Publikum immer wieder Konzerthöhepunkte. Zur Jahreswende holte das Ensemble mit einem Doppelschlag aus. Zuerst dirigierte Robin Ticciati den „Messiah“ mit dem DSO, eine Aufführung, in der der Rias Kammerchor zwar seine große Vertrautheit mit dem Werk beweisen konnte, deren Raumarrangement aber echte musikalische Dichte unmöglich machte. Da erscheint es absolut nachvollziehbar, dass Justin Doyle mit seinem Chor zum traditionellen Neujahrskonzert in der Philharmonie noch tiefer in Händels wilde, weite Oratorienwelt eintauchen will.

Wochenlang umgab sich der britische Chefdirigent, der mit der händelbegeisterten Chortradition seiner Heimat aufwuchs, mit Noten zu Chören aus unterschiedlichsten Werken, von „Saul“ über „Israel in Egypt“ bis zu „Acis and Galatea“. Das verspricht Erbauung und Amüsement, die für Händel ohnehin nicht zu trennen waren. Um ganz sicherzugehen, dass Doyles beziehungsreiche Kompilation auf orientierte Ohren stößt, wurde Radiomoderatorin Grit Schulze angeheuert. Wie schwer es ist, diesem Genie in Worten nahezukommen, zeigen die Biografien zum 250. Todestag: Außer ein paar spektakulären Anekdoten wissen wir wenig über den verfressenen, zürnenden, auf seine Weise gottesfürchtigen Starkompositeur.

Glanzvolles Entrée zum Gotteslob

Mit Pauken und Trompeten aus „Saul“ bereiten Doyle und die Akademie für Alte Musik den Sängerinnen und Sängern ein glanzvolles Entree zum Gotteslob, gleich darauf biegen sie mit „Judas Maccabaeus“ auf den Weg des auserwählten Volkes ein, in dem sich die Briten gerne selbst erkannten. Doch bevor es der Weihe zu viel wird, breiten sich auch schon die Plagen über Ägypten aus – und nach dem Ausschwärmen und Hageldonnern ist es Klang gewordene Finsternis, die die Philharmonie gänzlich in Stille fallen lässt. Der Glaubenskrieg, der in „Samson“ quer durch den Chor fegt, wirkt dagegen allzu gesittet, das imaginierte Straßentreiben in „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ eher beschaulich. Technische Brillanz lässt Zyklop Polyphem bei „Acis and Galatea“ inmitten einer Fuge auftauchen, eine Bedrohung für die vernarrten Liebenden, die in einen fragilen Augenblick höchster Kunst eindringt. Vollends unwiderstehlich, mit beiläufiger Präzision und lachendem Jubel, gelingt die Zugabe aus „Alexander’s Feast“ – eine offenherzige Feier von Musik und Liebe. Diesem Weg, das spürt man, will Doyle folgen. Das ist eine Aussicht!

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