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Alarmiert. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Spiele sind enorm.

© Reuters/Ricardo Moraes

Mafia-Experte Misha Glenny über Olympia: „Rio ist unberechenbar“

Vor den Olympischen Spielen: Der britische Mafia-Experte Misha Glenny über die Sicherheit in der brasilianischen Metropole, den Mythos Favela und die berüchtigten Drogengangs.

Mister Glenny, wie sehen Sie die Sicherheitslage in Rio de Janeiro kurz vor den Olympischen Spielen?
Zuerst die gute Nachricht: Die Zika-Gefahr wurde stark übertrieben. Im August gibt es in Rio fast keine Moskitos. Vor Zika muss sich niemand fürchten.

Und die schlechte Nachricht?

Brasilien erlebt eine monumentale politische und wirtschaftliche Krise, die auch den Bundesstaat Rio de Janeiro trifft. Rio ist pleite und hat den finanziellen Notstand verhängt. Sollte deswegen die Metrolinie in Richtung Olympiapark nicht fertig werden, wäre ein Verkehrsinfarkt die Folge. Zweitens hat man in Rio zwar Erfahrungen mit Großereignissen gesammelt, etwa der Fußball-WM. Aber die Olympischen Spiele sind anders: Sie dauern länger, sind über die Stadt verteilt, verlangen mehr Voraussicht. Die Brasilianer sind zwar Meister der Improvisation, aber wenn nur ein Dach in einer der schnell hochgezogenen Arenen einstürzt, wäre das eine Katastrophe.

Wie sieht es mit der Kriminalität aus? Sie hat dieses Jahr stark zugenommen.

Sie ist eine Folge der Wirtschaftskrise. Mit der Arbeitslosigkeit und den fehlenden Perspektiven kommt die Kriminalität zurück. Außerdem beobachte ich mit Schrecken, wie die UPP kollabieren. Die UPP sind die Befriedungseinheiten der Polizei, die ab 2008 in die Favelas geschickt wurden, um die Macht der Gangs zu brechen. Sie sind total unterfinanziert, viele Polizisten erhalten keine vollen Löhne mehr. Noch schlimmer: Den UPP ist nie etwas gefolgt, was den Menschen eine Perspektive hätte geben können – Kindergärten, Schulen, Jobs, Gesundheitsversorgung. Ich habe mit José Beltrame gesprochen ...

... dem Sicherheitschef von Rio ...

... er ist sehr wütend. Er weiß, dass die Favelas ein soziales Problem sind, kein Sicherheitsproblem. Aber man hat die Polizei alleine gelassen. Jetzt testen die Drogengangs die Grenzen aus. Sie hatten sich ja nur taktisch zurückgezogen. Es gibt Schusswechsel mit der Polizei, fast jeden Tag sterben Unschuldige durch die Kugeln beider Seiten. Einige UPP-Einheiten haben sich auch als korrupt erwiesen, haben Favelabewohner erpresst, misshandelt und ermordet. So hat man den Menschen das letzte Vertrauen in den Staat geraubt. Dieses Vakuum füllen die Gangs.

Was heißt all das praktisch für die Olympischen Spiele?

Unberechenbarkeit. Vor wenigen Wochen haben Drogengangster einen ihrer Bosse aus einem Krankenhaus im Zentrum Rios befreit. Am helllichten Tag. Alles scheint derzeit möglich. Allerdings wird der Staat so viele Polizisten und Soldaten auf die Straßen schicken, dass es rund um die Spiele ruhig bleiben wird. Die Drogengangs wiederum betrachten die Spiele als Geschäftsmöglichkeit. Sie wollen Drogen verkaufen. Sie wissen, dass viele Touristen nach Rio kommen, um Party zu machen. Ihre besten Kunden kommen ja aus der Mittel- und Oberschicht.

Wenn es nur ums Geschäft geht, warum machen die Gangs dann überhaupt Ärger?

Es gibt immer einen Grund dahinter. Sie wollen von einer Drogenlieferung ablenken oder die Verlegung eines inhaftierten Chefs verhindern, Territorien markieren. Was wie Chaos wirkt, ist Strategie.

Manchmal scheint es, als ob es in Rio eine Kultur der Gewalt gäbe.

Die sozio-ökonomischen Umstände sind entscheidend. Vor allem die soziale Ungleichheit. Und natürlich der sinnlose Krieg gegen die Drogen. Ein Beispiel: 1982 war die Mordrate von New York genauso hoch wie die von Rio. Sieben Jahre später war Rios Mordrate um das Dreifache gestiegen. Die Erklärung: Das Kokain hatte Rios Favelas überschwemmt, weil Brasilien zum Transitland für den Stoff auf dem Weg nach Europa geworden war. Mit dem Geld kauften die Gangs Waffen, um sich gegen die korrupte Polizei zu wehren.

Wie viele Drogenkommandos gibt es in Rio?

Das älteste ist das „Rote Kommando“. Es konkurriert mit „Reines Drittes Kommando“ und „Freunde der Freunde“. Jede Gang beherrscht unterschiedliche Favelas, die meist auf Hügeln liegen. Um diese Hügel führen sie Krieg. In São Paulo ist das ganz anders. Dort hat sich mit „Erstes Kommando der Hauptstadt“ eine mächtige Mafiagruppe durchgesetzt, die heute in ganz Brasilien agiert und den Kokainhandel nach Europa beherrscht. Aber in Rio wird weiterhin sehr kleinteilig um Territorien gekämpft. Jede Drogengang betrachtet sich als Herrscher ihrer jeweiligen Hügel. Sie ersetzen dort praktisch den Staat. Als weitere Fraktion gibt es in Rio die Milizen aus ehemaligen Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleuten, die sich auf Schutzgelderpressung spezialisiert haben. Sie beherrschen die Peripherie.

Und die Militärpolizei Rios? Sie hat allein letztes Jahr 645 Menschen getötet.

Die Militärpolizei ist neben Drogengangs und Milizen die dritte kriminelle Fraktion in Rio. Ich beobachte, dass die Beamten in der Krise korrupter und gewalttätiger werden. Sie wollen ihre niedrigen Löhne aufbessern. Darunter leiden besonders die Menschen in den Favelas. Morde durch Polizisten haben zugenommen. Die Opfer sind fast immer junge Schwarze. Es sind viel mehr als in den USA. Die Gesellschaft akzeptiert das.

Der englische Autor Misha Glenny.

© Phillipp Lichterbeck

Favelabewohner haben nicht die gleichen Rechte wie andere

Wie geht es nach den Spielen weiter?

Das kann niemand sagen. Ich halte es für möglich, dass Rio wieder in Gewalt versinkt wie in den Neunzigern. José Beltrame, der Sicherheitsminister, wird wohl seinen Job hinschmeißen, weil er frustriert und erschöpft ist. Das wäre schlimm. Er ist der kompetenteste Politiker, der dieses Amt je innehatte. Wenn ich mir das Niveau der restlichen Politiker in Rio und Brasília anschaue, verzweifle ich.

Favelas werden oft als Orte von Elend und Schrecken beschrieben. Sie haben mehrere Monate in Rocinha gelebt, einer der größten Favelas Brasiliens. Was ist eine Favela?

Favelas sind Armenviertel, die als Reservoir für billige Arbeitskräfte dienen. Sie beliefern den Servicesektor und die Fertigungsindustrie. Die Oberschicht bezieht ihre Hausangestellten von dort. Gleichzeitig herrscht in den Favelas selbst eine enorme ökonomische Aktivität. Die größeren gleichen Kleinstädten, es gibt Restaurants, Bankfilialen, Supermärkte, Geschäfte aller Art. Ein weiteres Charakteristikum ist die Abwesenheit des Staats.

Warum ignoriert der Staat die Favelas?

Es ist das Erbe des portugiesischen Kolonialismus. Die brasilianische Elite wollte nie begreifen, dass der Staat Verantwortung für alle Bürger hat. Die Sklaverei wurde in Brasilien erst 1888 abgeschafft. Aber die Mentalität und der Rassismus der Sklavenhaltergesellschaft existieren bis heute. Favelabewohner haben praktisch nicht die gleichen Rechte wie andere. Ein Beispiel: In den Siebzigern lebten 30 000 Menschen in Rocinha, aber die Stadt hatte nur zwei Wasseranschlüsse gelegt. Sicherheitsminister Beltrame hat mir gesagt, dass die Befriedungspolizei auch der Versuch gewesen sei, diese Versäumnisse wieder gutzumachen.

In Ihrem Buch „Nemesis“ haben Sie die Geschichte des berühmten Drogenbosses Antônio Francisco Bonfim alias Nem aufgeschrieben. Er gehörte zu ADA und war Statthalter in der Favela Rocinha. Sie scheinen Sympathie für ihn zu empfinden.
Ich habe lange mit ihm geredet – er sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis –, aber auch mit Favelabewohnern, Staatsanwälten, Polizisten. Alle waren sich einig: Nem versuchte, Gewalt zu vermeiden. Die Säulen seiner Macht waren Geld und die Bestechung der Polizei. Er war ein Geschäftsmann, der Wert darauf legte, dass die Bücher stimmten. Für viele in Rocinha ist er ein Held, weil er für Ruhe und Stabilität sorgte. Die Menschen sagen: „Ja, er hat Falsches gemacht, aber die Wirtschaft brummte.“ Heute ist die Angst nach Rocinha zurückgekehrt. Die neue Generation der Drogenbosse ist gewalttätiger. Nem war eine Art aufgeklärter Diktator.

Sehen Sie einen Weg, um die Macht der Drogenmafia zu brechen?

Die einzige Lösung ist die staatliche Regulierung des Drogenhandels. Es wird immer Menschen geben, die Drogen nehmen. Anstatt das zu akzeptieren, führt die Politik seit 40 Jahren einen sinnlosen „Krieg gegen die Drogen“. Allein in Brasilien sterben jährlich 55 000 Menschen. Die Hälfte davon als Folge des Drogenkriegs. Dazu kommen all die Toten in Mexiko, Zentralamerika, Kolumbien. In einigen US-Bundesstaaten hat man Marihuana legalisiert und die Zivilisation ist nicht untergegangen. Im Gegenteil: Der Staat nimmt doppelt so hohe Steuern ein wie aus dem Alkoholverkauf. Entweder man überlässt der Mafia das Geschäft, oder man entreißt es ihr. Es wäre ein Politikwechsel mit vielen positiven Effekten für die ganze Welt. Es würde viel Geld frei, um die wirklichen Bedrohungen unserer Gesellschaften zu bekämpfen.

Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck.

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