Robert Forster im Festsaal Kreuzberg : Der Strand und die Stadt

Der australische Singer/Songwriter liest immer noch Surfmagazine - und schwärmt im Festsaal Kreuzberg vom Wellenreiten.

Christian Schröder
Robert Forster
Robert ForsterFoto: Bleddyn Butcher

Manchmal, wenn er mit dem Mikro in der Hand eine Ballade deklamiert und dabei jedes einzelne Wort mit einer melodramatischen Geste begleitet – seine Augenbrauen hochreißt, gespreizte Finger auf die Brust legt,den Kopf in den Nacken legt und einen Scheinwerfer ansingt, als wäre das der Mond –, wirkt Robert Forster wie ein Herz-Schmerz-Artist in der Tradition großer Pop-Pathetiker wie Serge Gainsbourg oder Scott Walker. Klar, er kann croonen. Aber sein Bühnengehabe ist so überkandidelt und selbstironisch, dass es bisweilen einer Parodie gleicht. Wir sind auch nicht in Las Vegas, sondern im Festsaal Kreuzberg, in jenem Berliner Stadtteil also, den der australische Singer/Songwriter „Kraizbörg“ ausspricht und in dem er, wie er erzählt, im apokalyptisch heißen Spätsommer 2018 sein Album „Inferno“ aufgenommen hat, „gleich um die Ecke in einem Studio an der Köpenicker Straße“.

Euphorisches Tremolo

Der Abend beginnt mit der Kopf-Hoch-Hymne „Remain“, die vom trotzigen Weitermachen handelt. „I know what it’s like to be forgotten“, singt Forster, um dann, als sich der Gitarrenbeat seiner Begleiter ins euphorische Tremolo steigert, zu rufen: „Hey!, big city screens, big city dreams, remains.“ Es geht um einen melancholischen Filmregisseur, vielleicht aber auch um den inzwischen 61-jährigen Sänger selbst, der 1978 in Brisbane die Go-Betweens gegründet hat, eine der besten, immer noch unterschätzten Popbands.

Zwischen Träumen und Dämmern

Nachdem sein Mitstreiter Grant McLennan, dem Forster mit seinem Buch „Grant & I“ ein liebevolles Denkmal setze, 2006 starb, sind die Go-Betweens Geschichte. Neben „Remain“ spielt Forster noch vier weitere Songs aus seinem aktuellen Soloalbum, das es bis auf Platz 17 der deutschen Charts brachte, darunter die herausragende, zwischen Träumen und Dämmern schlingernde Ballade „The Morning“ und die Folkfamiliensaga „Life Has Turned a Page“, zu der der Drummer klingelnde Xylofon-Weckrufe beisteuert.

Drei Akkorde, ein Solo

Die dreiköpfige Band – Gitarrist Scott Bromiley, Bassist Jonas Thorell, Schlagzeuger Magnus Olsson – spielt wuchtig und präzise. Den saisonal passenden Go-Betweens-Klassiker „Spring Rain“ verwandeln sie zum Punk-Country-Gassenhauer. Forster reißt Witze. Einmal kündigt er das „einzige Gitarrensolo dieser Show“ an, um dann vier Töne zu zupfen und zwischen drei Akkorden zu wechseln. An der Mundharmonika aber ist er mindestens so gut wie Dylan. Nach 80 Minuten und 18 Songs endet das Konzert mit „Surfing Magazines“, einer gleißenden Apotheose des Wellenreitens. Als die Musik immer leiser wird, zählt Forster flüsternd die Namen von Stränden in der Nähe von Brisbane auf. Cylinder Beach, Honeymoon Bay, Ocean Beach. Berlin liegt am Meer.

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