Sängerin Mine im Porträt : Zerschlage den Spiegel

Deutschpop mit intimen Texten: Die Berliner Musikerin Mine stellt ihr neues Album „Klebstoff“ live in Berlin vor. Eine Begegnung.

Julia Friese
Jasmin Stocker nennt sich Mine und hat für ihr viertes Album eine klebrige Optik gewählt.
Jasmin Stocker nennt sich Mine und hat für ihr viertes Album eine klebrige Optik gewählt.Foto: Simon Hegenberg

Sie ist 33. Sie sagt, je nachdem in welchem Licht sie sich sieht, lebt sie entweder das beste aller Leben, oder sollte ganz schnell etwas anders machen. Denn sie ist 33, und lebt noch immer in einer kleinen Wohnung. Doch Jasmin Stocker alias Mine verdient ihr Geld mit der Musik. Ihrer Musik. Die sie schreibt, arrangiert, spielt, singt. Warum macht sie das? Musik.

Das fragt sie sich an schlechten Tagen. Tagen an denen man beim Aufwachsen die eigene Existenz abcheckt. Die Unterschiede kritisch sieht. Obwohl es die Unterschiede sind, die das eigene Leben lebenswert machen. An den guten Tagen, weiß sie es, dass sie glücklich ist. Denn sie ist gesund, hat Freunde, überhaupt ein Dach über den Kopf, und ihre größte Neigung, die ist auch noch ihr Beruf.

Musik als Tagebuch

„S/W“ heißt ein Song auf ihrem neuen Album „Klebstoff“, der von der wechselhaften Wahrnehmung der eignen Umstände handelt. Das Album beginnt mit einer Handyaufnahme, die sie einer ihrer ältesten Freundinnen 2018 in München gemacht hat. Es war ein nahezu idealer Frühlingstag. „Ich will wissen, ob du noch fühlen kannst, wie krass grün dieses Gras war, und wie rosa der Baum“, sagt sie da. Der Song heißt „Zukunfts-Ich“, denn an dieses ist er gerichtet. Wie eigentlich all ihre Musik, sagt sie, nicht absichtlich, aber es sei doch so. Wenn sie ihre Musik höre, dann könne sie sich immer in die jeweilige Lebenssituation zurückversetzen, in der sie war, als sie sie aufnahm, sagt sie. Sie ist wie ein Tagebuch eigentlich, die Musik, war ihr auch schon immer ein Mittel ihre Gefühle auszudrücken. „Musik gibt mir viel, aber nimmt mir auch viel ab“, sagt sie. Sorgen, meint sie.

Schon früher, in dem Dorf in der Nähe von Stuttgart, in dem sie aufgewachsen ist, war das so. Damals als Tochter zweier Nicht-Musiker. Aber der Vater, ein Edelstahltechniker, habe viel Musik gehört. Laut. Die Oma in Tirol habe gejodelt. Die Liebe zur Musik sie wurde ihr mitgegeben, das Musizieren, Komponieren, Singen, das hat sie selbst erworben. Mit Anfang 20 studiert sie Jazzgesang in Mainz. Nach dem Studium arbeitet sie als Dozentin für Musik. Nebenbei studiert sie noch weiter. Produzieren und Komponieren an der Popakademie in Mannheim. Da entstand ihr Projekt, wie sie es nennt: Mine. Pop mit einem Schuss Deutschrap.

Sie ist unzufrieden mit ihren Live-Album

Inzwischen lebt sie in Berlin und hat vier Studioalben aufgenommen. Dazu ein Live-Album. Entstanden 2018 in Berlin, als sie ihre Songs in Orchesterarrangements übersetzte und sie live spielte. Sie sagt, all ihr Erspartes hat sie draufgehen lassen für diesen einen Abend. Und dann war sie nicht damit zufrieden. Warum? In der Probe sei noch alles wunderbar gewesen, aber live sei sie zu aufgeregt gewesen. Schon beim Intro sei etwas schief gegangen. Nicht schlimm schief, aber sie habe es gemerkt, und von da an war ihre Laune schief. Sie kam nicht rein, sagt sie. Sie konnte sich nicht im Geschehen auflösen. Die Ansagen, die sie machte, fand sie daneben. Alle. Wenn sie sich ihr Live-Album anhört, dann hört sie all das. Sie ärgert sich. Ihre Kritiker hören das nicht. Sie nominieren sie für Pop-Preise. Mine aber will es nochmal machen. Besser. Sie ist selber ihre schärfste Kritikerin. Das singt sie auch auf „Klebstoff“, in „Guter Gegner“, unterstützt von der Berliner Band Grosstadtgeflüster.

Sie arbeitet gerne mit anderen zusammen. Mit Samy Deluxe, Fatoni, Die Orsons, Dagobert hat sie bereits gesungen und komponiert. Sie hat viele Musikerfreunde, die meisten lernt sie auf Veranstaltungen kennen. Manch ein Kontakt kommt aber auch über Instagram zustande. Wie der zur Comedy-Autorin Giulia Becker, aus der Neo-Royale-Redaktion, die den „Verdammte Scheide“-Song schrieb. Mine verlinkte sie in einem Instagram-Beitrag, Becker reagiert, die beiden stellen fest, dass sie Fans voneinander sind. Kurzerhand nehmen sie dann gemeinsam einen von Mines Songs auf. In „Einfach so“ heißt es: „Ich wohne in einem Schloss 50 Quadratmeter groß. Ich fühle mich wie ein King auch wenn ich es nicht bin.“ Wieder geht es also um Selbstzweifel und Selbstakzeptanz. In „Mirror Killer“, den sie mit Berliner Pop-Dubstep Duo AB Syndrom geschrieben hat, geht es darum dass man nicht stillsteht, der Charakter sich immer verändert.

Zum Aufnehmen fährt sie nach Baden-Württemberg

Ihre Texte sind Bekenntnislyrics. Ihre Musik ein Dschungel aus unterschiedlichsten Instrumenten Streicher, Synthesizer, Flöten, Orgeln, sogar ein Dudelsack ist auf dem Album vertreten. Sie sagt, sie will keine langweiligen Alben machen. Kein Bon-Jovi-Album, sagt sie. Man kann ihr aber versichern, sie hat auch kein Mark-Forster-Album gemacht. Sie macht Deutschpoesie über interessant vielseitigen Kompositionen. Sie will nicht, dass jeder ihrer Songs gleich klingt, sagt sie. Es ist eine Sorge, die man ihr nehmen kann.

Dass die Songs thematisch alle zueinander passen, passiere ihr einfach so, weil sie sie in einem kurzen Abstand hintereinander geschrieben habe. Das Meiste schreibt sie daheim in ihrem Wohnzimmer. Für die Aufnahmen fährt sie nach Sandhausen in Baden-Württemberg. Dort nimmt sie seit dem erstes Album immer auf. Sie sagt, sie mag den Vibe dort. Mine mag, dass in diesem Studiokomplex Menschen zwischen 19 und 80 Jahren zusammenkommen und Musik machen, um des Musikmachens Willen. Die Stimmung dort sei „Happy Hippie Place“ nicht „Hit Geballer“.

Live soll es anders klingen als auf dem Album

Ob sie einen Hit lande oder nicht, sei ihr nicht wichtig. Wenn sie Erfolg habe, genieße sie den Umstand, dass sie nicht nebenbei arbeiten müsse, und so mehr Zeit für die Musik habe, und das sie außerdem ausgefallenere Videos drehen könne, und die Menschen mit denen sie zusammenarbeite gut bezahlen könne. Sicher, das sei ihr alles wichtig. Aber sie könne sich auch vorstellen wieder als Dozentin zu arbeiten. Ein Hit ist nicht ihr Ziel. Lieber nochmal mit Orchester auftreten oder einen Song mit Peter Fox aufnehmen. Beim Konzert am heutigen Freitag im Berliner Huxleys wird sie mit etlichen Instrumenten auf der Bühne stehen. Mine mag es, wenn sich die Live-Arrangements deutlich von denen der Platte unterscheiden.

Einen Dudelsack, wie im Klebstoff-Song „Du kommst nicht vorbei“, wird es auf der Bühne also nicht geben, dafür viel Trockeneisnebel und eine Keytar. Mit diesem Umhängekeyboard wird sie den Dudelsackpart nachspielen. Sicher ein Hingucker, der eine kurze Irritation auslösen wird – also genau richtig.

„Klebstoff“ ist bei Caroline erschienen. Konzert: 10.5., 20 Uhr, Huxleys Neue Welt

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