Satiriker Christian Y. Schmidt : Karneval im Kopf

Lebt in China, kommt aus Berlin und debütiert als Romancier: eine Begegnung mit dem langjährigen „Titanic“-Redakteur Christian Y. Schmidt.

Ist des satirischen Schreibens überdrüssig. Christian Y. Schmidt, 62.
Ist des satirischen Schreibens überdrüssig. Christian Y. Schmidt, 62.Foto: Michelle Galassi

Genialer Anfang, keine Frage: „Ich weiß nicht.“ Dieser erste Satz ist a) ein kompletter Offenbarungseid, der den Ich-Erzähler von vornherein entschulden und als unzurechnungsfähig einführen soll, b) ein plumpes Identifikationsangebot, denn wer um Himmels willen weiß schon irgendwas, oder c) ein Gag.

Beim nächsten Satz erwacht die Neugier dann vollends, auch wenn zwei „würde“ hintereinander eins zu viel sind. „Ob ich auch zu Viktors Beerdigung gekommen wäre, wenn ich geahnt hätte, dass das eine Kette von Ereignissen in Gang setzen würde, an deren Ende ich tot daliegen würde?“ Der Roman „Der letzte Huelsenbeck“ ist offenbar als Lebensbericht in der Rückschau verfasst. Doch Tote schreiben keine Bücher. Und was ist das für ein Scherzkeks von Autor, der gleich zu Beginn so eine makabre Bombe explodieren lässt?

Der Name des späten Debütanten ist bekannt. Christian Y. Schmidt ist Jahrgang 1956, war lange Jahre „Titanic“-Redakteur, Kolumnist bei verschiedenen, vorzugsweisen linken Gazetten, schmückt sich mit dem Blödsinnstitel Senior Consultant der vor zehn Jahren angesagten Zentralen Intelligenzagentur und hat seit seiner Übersiedelung nach Peking im Jahr 2005 hauptsächlich durch China-Bücher auf sich aufmerksam gemacht. Sie sind satirisch grundiert und weisen Schmidt als China-Versteher aus, der sich auch regelmäßig über die in seinen Augen undifferenzierte deutsche China-Berichterstattung beschwert.

Schmidt offenbart sich als Hypochonder

An einem sonnigen Tag im vorherbstlich verdorrten Volkspark Friedrichshain ist er in seiner alten Heimat Berlin anzutreffen. Schmidt, der sich das Y wegen der besseren Abgrenzung zu anderen Trägern seines Allerweltnamens zugelegt hat und dessen Biografie einige Parallelen zu der seines Protagonisten Daniel S. aufweist, hat hier eine Wohnung behalten, als er seiner Frau Yingxin Gong 2003 erst nach Singapur und dann nach Peking gefolgt ist. Die Chinesin leitet das Informationszentrum der Frankfurter Buchmesse in Peking, weswegen ein oktoberlicher Frankfurt-Aufenthalt bei Schmidt ebenso gesetzt ist wie ein paar Wochen Berlin davor.

Im bunten Treiben des Café Schönbrunn im Friedrichshain nimmt sich die Miene des im „Letzten Huelsenbeck“ in lakonischem Stil die Egomanie alternder Männer vorführenden Herrn ein wenig blass aus. Schmidt kommt vom Arzt. „Seltsame Blutwerte“, seufzt er und offenbart sich als Hypochonder. Da fangen im Hirn Fantasien zu kreisen an.

Vom Maoist zum undogmatischen Linken

Im Kopf von Daniel S., der sich im Buch von einem David Lynch verehrenden Psychiater mit Hypnose und reichlich Psychopharmaka behandeln lässt, „scheint dagegen ständig jemand Karneval zu feiern“. Wahn und Wirklichkeit, die schnöde Gegenwart und die glorreiche, vom Wunsch nach Revolte befeuerte Jugend, das läuft alles durcheinander. Wie es halt so geht, wenn man sich in den siebziger Jahren in Bielefeld in einer „Huelsenbecks“ genannten Clique von Neo-Dadaisten mit Drogen zugeballert hat und dann als alter Kiffer, aus Hongkong ins beschauliche Berlin zurückgekehrt, nur noch umrissartig an die verlebten Tage und Nächte erinnern kann.

Dass mit der im Buch beschriebenen „Anstalt“ die Bodelschwinghschen Anstalten im Bielefelder Stadtteil Bethel gemeint sind, liegt angesichts von Christian Y. Schmidts Vita auf der Hand. Der Vater war dort Diakon, die Eltern stark christlich bewegt, er selbst hat nach dem Abitur ein halbes Jahr als Pflegehelfer in der geschlossenen Psychiatrie gearbeitet. Und vorher schon sein Herz für China entdeckt, genauer gesagt für den Maoismus. Erst Christ sein, dann Hausbesetzer und schließlich Kommunist – das lag in den siebziger Jahren nahe beieinander, schmunzelt Schmidt: „Dass die Maoisten den Lehrern während der Kulturrevolution sogenannte Schandhüte aufsetzten und sie durch die Straßen trieben, hat mir als Schüler besonders zugesagt.“ Die im Roten Buchladen erworbene Illustrierte „China im Bild“ mit ihren tollen Landschaftsbildern fütterte zusätzlich die Faszination. Bis zu Maos Tod im Jahr 1976. „Da war das Kapitel vorbei, und ich bin undogmatischer Linker geworden.“

Das Reich der Mitte hat Christian Y. Schmidt dann erst 1998 als Tourist erstmals bereist. Und natürlich fand es als Schauplatz Eingang in seinen Roman. Das Aussteigerpaar Daniel und Sandy hat auf der Hongkonger Insel Lantau eine Heimat gefunden. In der dortigen, ehedem als Luxus-Resort geplanten Wohnsiedlung See Ranch, deren Beschreibung allerdings plastischer hätte ausfallen können. Zumal Teilzeit-Chinese Schmidt angibt, alle Details genau recherchiert zu haben und sie als Social-Media-Fan auch in einer Batterie von Youtube-Clips dokumentiert.

In Peking ist es voller, lauter, hektischer als ins Berlin

Ansonsten tritt das China-Thema diesmal eindeutig hinter den Bielefeld- und Berlin-Komplex zurück. Kein Wunder. „Der Alltag in Großstädten wie Berlin und Peking unterscheidet sich kaum“, sagt Schmidt. Zumindest nicht für ihn. Und solange man keinen verstärkten Umgang mit Dissidenten pflegt oder eine politische Partei gründen will. Am Schreibtisch sitzen, zum Vietnamesen essen gehen, Freunde treffen und privat offene Meinungen austauschen, fände hier wie dort statt. Bloß, dass es in Peking voller, lauter, hektischer und in Berlin leerer, leiser, ruhiger sei. Das Einzige, was sein rosiges China-Bild stört, ist die Gentrifizierung Pekings, das planmäßig aufgehübscht und von illegalen Zuwanderern gesäubert werde. Und die nicht vorhandene chinesische Einwanderungspolitik. „Die sind der Ansicht, dass sie selbst so viele sind, das keine Ausländer mehr reinpassen.“ Das kann Schmidt nun gar nicht gutheißen.

Aufs Romanschreiben ist er übrigens verfallen, weil er des satirischen Schreibens überdrüssig wurde. „Der ,Huelsenbeck‘ sollte mein düsterstes, dunkelstes Buch werden.“ Das klappt nur bedingt. Nicht nur, weil die Binnenspannung nach dem furiosen Beginn mit einer Friedhofskeilerei zwischen Anzug- und Jeansträgern im zweiten Drittel deutlich absackt, bevor sie dann im letzten Drittel noch einmal steigt. Sondern weil ein Wort wie „Krähenscharbe“, das auf Seite 311 einen Vogel bezeichnet, unweigerlich Lachkrämpfe zur Folge hat. Das gilt auch für die anderen, symbolisch aufgeladenen Federviecher in der zeichenstarrenden Welt des Hobbyornithologen Daniel. Die schrullige Schiene erinnert genauso wie das ganze Psychogramm eines verpeilten Labersacks an Eckhard Henscheids selige Verballhornungen deutscher Spießerhöllen der ach so unkonventionellen Siebziger. Einmal „Titanic“ heißt eben immer Neue Frankfurter Schule.

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck. Roman, Rowohlt Verlag, 397 S., 22 €. Der Autor liest am 25.10., 20 Uhr, in der Raumerweiterungshalle, Kopenhagener Straße 17, Prenzlauer Berg.

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