Schau im Kupferstichkabinett : Zarte Knaben, stolze Krieger

Kunst ohne Grenzen: Das Berliner Kupferstichkabinett präsentiert ausgewählte Neuerwerbungen aus dem letzten Jahrzehnt.

Sprung ins Blaue: Dieter Goltzsche schenkte sein Aquarell „Sandbank“ dem Kupferstichkabinett.
Sprung ins Blaue: Dieter Goltzsche schenkte sein Aquarell „Sandbank“ dem Kupferstichkabinett.Foto: Dietmar Katz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Der Herr gähnt herzhaft im Eisenbahncoupé. Die Zeit auf Reisen kann einem lang werden, zumal wenn aufheiternde Gesellschaft fehlt. Über 70 Jahre lang reiste der von Adolph Menzel treffsicher in Farbe hingestrichelte Zeitgenosse allein. Jetzt hat er seine Partnerin wieder. Sie äugt mit neugierig gereckter Nase unterm breitkrempigen Reisehut durchs Zugfenster nach draußen: auf separatem Blatt, aber augenscheinlich auf derselben Polsterbank platziert wie ihr Gatte. Die beiden Menzelpastelle wurden im Zweiten Weltkrieg in den Reichsbanktiefkeller ausgelagert. Aber die Dame blieb verschollen. Kriegsverlust? 2019 konnte sie zurückgewonnen werden.

Es sind lauter glückliche Geschichten, die das Kupferstichkabinett unter dem doppelsinnigen Ausstellungstitel „In bester Gesellschaft“ erzählt. 75 Glanzstücke aus den vielen Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre werden in bunten Kreuz- und Querverbindungen vorgestellt. Die Neuzugänge von Schinkel bis Chloe Piene, von Beckmann bis Rosemarie Trockel finden sich in der 1831 gegründeten Sammlung tatsächlich in exzellenter Gesellschaft. Oftmals fanden sie ihren Weg hierher nur durch die „Graphische Gesellschaft zu Berlin“. Der Freundeskreis kümmert sich seit 1998 darum, dass das an Erwerbungsmitteln klamme Haus auch in Zukunft weiterwachsen kann. Man versteht sich als offenes Netzwerk, nicht als exklusiver Liebhaberzirkel.

Manchmal schwebt ein Blatt aber auch einfach mit dem Wind des Zufalls herein. Als die Skulpturensammlung 2014 eine spätgotische Schnitzmadonna erwarb, gab es ein winziges Pergamentfragment dazu. Darauf steht eigentlich nur der Buchstabe „E“. Aber was der anonyme toskanische Meister um 1300 daraus machte, bezaubert. Der Jesusknabe begrüßt seine drei geschenkbringenden Könige so lebhaft mit Lächeln und Gestik, als sei er für einen Comic gemacht. Das andere Extrem im Spektrum der wandlungsfähigen grafischen Künste verkörpert eine riesige, farbintensive Acry-Improvisation von Katharina Grosse, auf der das leuchtende Kolorit befreit fließen darf. Das dynamische Prachtstück konnte mit Klassenlotterie-Mitteln erworben werden.

Sie ermöglicht es der Kunstförderung des Senats, jährlich aktuelle Arbeiten aus den Ateliers der Hauptstadt herauszufischen. Neuerdings gilt eine Geschlechterquote, was hervorragende Neuzugänge von Frauen befördert. Die subtil verschwommenen Selbstbildnisse der japanisch-schweizerischen Künstlerin Leiko Ikemura gehören ebenso dazu wie die gestischen Notate von Friederike Feldmann, die sich neben Wilhelm-Busch-Zeichnungen als Paraphrasen von dessen populären Szenen erweisen.

Abstrakt pulsierende Blätter

Größere Ankäufe älterer Kunst dagegen können oft nur als Gemeinschaftsanstrengung gelingen. Der 124 Blatt starke „Kleine Klebeband“ mit Zeichnungen meist aus dem 15. und 16. Jahrhundert gehört jetzt den Augsburger Museen und dem Kupferstichkabinett zugleich. Aufgeschlagen ist eine flotte Skizze von Hans Holbein dem Älteren, die drei Kriegern mit Helmbusch und Flatterfahne eine Bühne gibt.

Um die 650 000 Blatt umfassende Sammlung zu bereichern, ist Spürnase gefragt, Netzwerkerei auch. Einen zarten Knaben mit Hut sieht man gleich zweifach porträtiert, aber nicht identisch: Friedrich Overbeck und Heinrich Maria von Hess zeichneten ihr Modell in Rom 1822 Seite an Seite. Italienisches Flair strahlt auch, mit vollem Ölfarbenschmelz, ein weinberankter Terrassenausblick auf den Vesuv aus.

Das spezielle Genre der Ölmalerei auf Papier bildet einen eigenen Sammlungsschwerpunkt. Besonders stolz ist man, wenn größere Konvolute in die Sammlung bugsiert werden können. Das „Flottenversteck“ von DDR-Altmeister Gerhard Altenbourg, 1955 geschaffen, steht mit seinen geologischen Seelenschichten stellvertretend für die glückliche Erwerbung von über 100 Arbeiten des Künstlers aus einer schwedischen Sammlung.

Näher war der Anreiseweg für die abstrakt pulsierenden Blätter von Brice Marden. Die Mehrfarbdrucke des Amerikaners hingen als Privatleihgabe im Büro von Sir Simon Rattle in der Philharmonie, bis der Dirigent letzten Sommer seinen Abschied nahm. Das Kölner Sammlerpaar entschied, sie dürfen in Berlin bleiben. Wer die Augen über die Linienschwünge wandern lässt, spürt die Musikalität darin. Kunst auf Papier kennt keine Grenzen, außer denen des Blatts.

„In bester Gesellschaft. Ausgewählte Erwerbungen des Berliner Kupferstichkabinetts 2009–2019“, bis 4. August. Di–Fr 10–18 Uhr, Sa–So 11–18 Uhr, Mo geschlossen.

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