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Die Schriftstellerin Birgit Vanderbeke
© Julian Vanderbeke/Piper Verlag

Erzählung „Das Muschelessen“ machte sie bekannt: Schriftstellerin Birgit Vanderbeke gestorben

Schlichtheit und Stilempfinden: Zum Tod der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin und Erfolgsschriftstellerin Birgit Vanderbeke. Ein Nachruf.

Es war für Birgit Vanderbeke eigentlich ein Einstand nach Maß in der literarischen Welt: Gleich mit einer ihrer ersten Erzählungen, mit „Das Muschelessen“ setzte sie sich 1990 beim Klagenfurter Wettlesen gegen Konkurrenten wie W.G. Sebald und den späteren Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl durch und gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Allerdings wurde diese Entscheidung der Jury im Anschluss daran heftig kritisiert und als Irrtum empfunden Mit dem sprachlich an Thomas Bernhard angelehnten Text über einen tyrannischen Vater, der von seiner Familie richtiggehend gestürzt wird, konnte das Feuilleton nicht viel anfangen, was nichts daran änderte, dass „Das Muschelessen“ später zur Schullektüre werden sollte.

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Diese Mischung aus Erfolg und viel Kritik an ihrer literarischen Arbeit sollte Birgit Vanderbeke immer begleiten. Sie wurde mit Preisen ausgezeichnet wie dem Kranicher Literaturpreis oder dem Bad Gandersheimer Roswitha-Preis, und hatte die Brüder-Grimm-Professur inne. Mit ihren Büchern wandelte sie häufig auf einem schmalen Grat: einerseits Schlichtheit, Naivität und manchmal fast Kitsch, anderserseits ein bewusstes Stilempfinden und gute literarische Stoffe.

Reich-Ranicki lobte sie im Literarischen Quartett überschwänglich

Auf die brave, 1995 veröffentlichte Erzählung „Ich will meinen Mord“ über eine Schriftstellerin, die sich während einer Bahnfahrt Geschichten über ihre Mitreisenden ausdenkt, ließ sie den ungleich ambitionierteren und gelungeneren Roman „Friedliche Zeiten“ folgen, der von einer Kindheit in den sechziger Jahren handelt, einem Thema, das sie in höherem Alter nicht mehr losließ.

Nach „Das Muschelessen“ hatte sie mit der Erzählung „Alberta empfängt einen Liebhaber“ 1997 einen weiteren Bestseller, der von Marcel-Reich Ranicki im Literarischen Quartett als „grandios geschrieben und hocherotisch“ gefeiert wurde. Sie schrieb dann aber auch wieder eher unsägliche, missglückte Bücher wie „Sweet Sixteen“, in dem sie sich als Jugend- und Generationsversteherin versucht und doch nur diverse Mediendiskurse der frühen nuller Jahre vermischt hat.

Zuletzt schrieb sie über häusliche Gewalt

Geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, verließ Vanderbeke mit ihren Eltern 1960 die DDR und wuchs in Frankfurt am Main auf. Seit 1993 lebte sie in Südfrankreich, das auch die Kulisse und das Thema in Büchern von ihr wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“, „Der Sommer der Wildschweine“ oder „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ bildet.

Hatte sich Vanderbeke immer gegen eine autobiografische Lesart von „Das Muschelessen“ gewehrt, bekannte sie in den vergangenen Jahren, dass sie als Kind Schläge und sexuelle Gewalt erleiden musste. Darin besteht auch der Kern einer autobiografischen Trilogie, die sie zuletzt, vom Feuilleton kaum beachtet, geschrieben hat: „Ich freue mich, dass ich geboren bin“, der erste Teil, erzählt von einem siebenjährigen Mädchen, das mit seiner Familie von Ost nach West flüchtet. Und in dem nachfolgenden „Wer dann noch lachen kann“ erinnert sich eine Schriftstellerin ihrer Kindheit und Jugend.

In beiden Büchern thematisiert Vanderbeke häusliche Gewalt und kaputte Familienbeziehungen, und die schlicht-kühle, fast frostige Sprache wirkt hier dem Erzählten ungemein angemessen.

Wie erst jetzt bekannte wurde, starb Birgit Vanderbeke überraschend am Heiligabend in ihrem Domizil in Südfrankreich. Sie wurde 65 Jahre alt.

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