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Strahlende Momentaufnahme. Cassius Clay (Eli Goree, mit Fliege) feiert seinen WW-Sieg mit seinen Freunden Jim Brown (Aldis Hodge, l.) und Sam Cooke (Leslie Odom Jr., r.).
© Amazon

„One Night in Miami“ im Stream: Schwarze Helden sterben jung

Was hätten Cassius Clay, Malcolm X und Sam Cooke über Amerika gesagt? Das Filmdrama „One Night in Miami“ gibt Antwort.

Von Andreas Busche

Das Gedankenspiel ist reizvoll. Mal angenommen, Bob Dylan wäre Afroamerikaner: Wäre dann „Blowin’ in the Wind“ vielleicht nicht die Hymne der Friedens-, sondern stattdessen der Bürgerrechtsbewegung geworden? Andererseits stünde natürlich zu bezweifeln, dass eine im Klima der sechziger Jahre so radikale Anklage des Establishments aus dem Mund eines schwarzen Sängers überhaupt ein Hit hätte werden können.

Dylan hat später ja tatsächlich eine weiße linksradikale Bewegung inspiriert („You don’t need a weather man / To know which way the wind blows“). Die erste Hymne der Bürgerrechtsbewegung wurde dagegen erst nach dem gewaltsamen Tod von Sam Cooke ein Hit – wohlgemerkt in den offiziellen Pop-Charts, nicht wie damals üblich in der segregierten schwarzen Hitparade. Mit einer Live-Version seines wohl berühmtesten Songs „A Change Is Gonna Come“, gesungen von Cooke-Darsteller Leslie Odom Jr., endet auch Regina Kings Regiedebüt „One Night in Miami“.

Der Fernsehauftritt ist der emotionale Schlusspunkt einer faszinierenden Fantasterei. Nach Cassius Clays Sieg im WM-Kampf gegen den haushohen Favoriten Sonny Liston im Februar 1964 treffen sich die vier größten afroamerikanischen Ikonen ihrer Zeit in einem Motelzimmer in Miami: der frischgekrönte Boxweltmeister, Soulsänger Sam Cooke, der Footballstar Jim Brown und Malcolm X.

Dieses Treffen fand damals tatsächlich statt, der reale Hintergrund liefert die fantastische Prämisse für Kemp Powers Theaterstück „One Night in Miami“ von 2013, das der Dramatiker nun selbst für die Leinwand adaptiert hat.

Eingeladen zur Feier in kleiner Runde hat Malcolm X, seine Gäste trudeln nacheinander in bester Partylaune ein; doch das Zusammentreffen hat einen ernsten Hintergrund. Am nächsten Morgen will Clay verkünden, dass er zum Islam konvertiert und den WM-Titel unter dem Namen Muhammad Ali verteidigen wird. Seine Popularität soll künftig einer guten Sache dienen. „Macht bedeutet eine Welt, in der wir ungefährdet wir selbst sein können,“ sagt Cassius (Eli Goree): jung, schwarz, rechtschaffen, berühmt, kompromisslos. „Ihr seid unsere strahlende Zukunft,“ erinnert Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) die Freunde.

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Um diese Frage gesellschaftlicher Verantwortung dreht sich die Verfilmung von Oscar-Preisträgerin Regina King („If Beale Street Could Talk“), die ab Freitag auf Amazon Prime zu sehen ist. Malcolm X ist es auch, der in „One Night in Miami“ Dylan ins Spiel bringt. Warum ein weißer Junge aus Minnesota ein Lied vom gesellschaftlichen Aufbruch singe, versucht er Cooke zu provozieren, und nicht der erfolgreichste schwarze Sänger?

Der argumentiert ökonomisch – mit den Rolling Stones. Sein Protégé Bobby Womack hatte kurz zuvor für Cookes Label den R'n'B-Hit „It’s All Over Now“ geschrieben; reich wurde Womack aber erst, als die Stones seinen Song coverten. Er ziehe seinen weißen Fans das Geld aus den Taschen und gibt es seinen Künstlern, rechtfertigt sich Cooke. Malcolm X bietet ihm nur spöttisch eine Portion Eis an: „Du magst ja Vanille so gern.“

Mit vier historischen Figuren dieses Kalibers in einem Raum kann die Luft natürlich schnell dünn werden. Powers aber hält den Ton spielerisch, zwischen die großen Reden mit dramatischem Punch platziert er immer wieder kurze freundschaftliche Sparringduelle, in denen der Witz und die Verletzlichkeit dieser überlebensgroßen Persönlichkeiten durchscheinen.

Clay und Brown sind zwar die Sportsmänner im Quartett, die Dynamik von „One Night in Miami“ aber bestimmt der verbale Schlagabtausch zwischen dem Bürgerrechtler und dem Schmusesänger, der von einem Beverly Hills für Schwarze träumt. „Du warst früher doch so ein witziger Typ,“ beschwert sich Cooke einmal über seinen Gastgeber.

Über den Gesprächen liegt eine Todesahnung

Malcolm X hat 1964 Grund zur Sorge, um sich und seine Familie: Er fühlt sich vom FBI und von seinen Gegnern in der „Nation of Islam“ verfolgt. Ben-Adir spielt ihn nicht als selbstgerechten Dogmatiker, sondern als charismatischen Intellektuellen, der seine Zweifel an Amerika mit moralischen Ansprüchen und ironischen Sprüchen überspielt. Über den Gesprächen der Freunde liegt bereits eine Todesahnung. Nur ein Jahr später sind sowohl Malcolm X als auch Sam Cooke tot, erschossen.

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Die feindselige Realität der sechziger Jahre dringt immer wieder in das Motelzimmer vor; in Florida herrschte damals noch Segregation. Aber „One Night in Miami“ ist, anders als so viele Filme der jüngeren Zeit („Green Book“, „Hidden Figures“), die den Rassismus aus einer historischen Perspektive erzählen, um auf Amerika zu blicken, wirklich ein Film über die Gegenwart.

Die Frage, was aus den Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung geworden ist, wenn weder ein George Floyd noch ein Colin Kapernick in Frieden in diesem Land leben können, streifen fast alle Dialoge, selbst die, die auf eine komische Pointe hinauslaufen.

Als Brown (Aldis Hodge) stolz erzählt, dass er demnächst in seiner ersten Kinorolle zu sehen ist (er hat in den Siebzigern noch eine zweite Karriere als Actionstar), lacht Clay nur. Denn natürlich stirbt der schwarze Revolverheld im Western „Rio Conchos“ schon nach der Hälfte des Films.

Die Nacht wird zur Gesellschaftsparabel

Es ist bemerkenswert, dass aktuell mit „Ma Rainey’s Black Bottom“ und „One Night in Miami“ zwei Kammerspiele mehr über die black experience in Amerika erzählen, als die großen Selbstermächtigungsfantasien, die Hollywood gewöhnlich anbietet.

Ein Grund ist sicher, dass mit August Wilson und Kemp Powers zwei kluge afroamerikanische Dramatiker hinter den Filmen stehen; aber im Fall von „One Night in Miami“ mit Regina King eben auch eine Regisseurin, die die Beschränkungen des Theaters in eine Stärke verwandelt. Ihre Inszenierung ist unaufgeregt, konzentriert und gibt jedem der vier Darsteller, die selbst noch am Beginn vielversprechender Karrieren stehen, Raum für kleine, leuchtende, intime Momente.

So wird die Nacht in Miami zur Gesellschaftsparabel, nicht zur Schnittstelle von vier Ausnahmebiografien. Jeder Triumph schmeckt bittersüß. Nur drei Jahre später wird Muhammad Ali der WM-Titel aberkannt, weil er den Wehrdienst verweigert. In „One Night in Miami“ verkörpert Eli Goree Cassius Clay noch als verspielten Jungen, dem die Welt zu Füßen liegt. Kings Film hält einen Übergangsmoment fest, dieses Wissen verleiht ihrer warmherzigen Inszenierung eine melancholische Note. Dass dieselben Fragen weiterhin Relevanz besitzen, zeigt auch, dass sich das Land noch mitten im Umbruch befindet.

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