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Undercover im roten Anzug. So extravagant ist Court Gentry (Ryan Gosling) im Einsatz selten.
© Paul Abell/Netflix

„The Gray Man“ im Kino: Schwerbewaffnet mit Hundeblick

In dem Agentenfilm „The Gray Man“ um die Romanfigur Court Gentry darf sich Ryan Gosling als Actionheld beweisen. Aber dafür wirkt er eigentlich viel zu nett.

Von Andreas Busche

Am Ende kriegt Netflix doch alle. Nach Martin Scorsese, Dwayne Johnson, Ryan Reynolds, Chris Hemsworth und der Oscar-Preisträgerin Jane Campion ist Ryan Gosling der jüngste Neuzugang im Portfolio des Streamers, der allmählich den Gesetzen des Kinomarktes zu folgen scheint. „The Gray Man“ von den Marvel-Regisseuren Joe and Anthony Russo, nach den Romanen des Thriller-Autors Mark Greaney, soll der Startschuss für das erste Netflix-Franchise sein. Zehn Romane über den CIA-Agenten Court Gentry, Codename Sierra Six, sind bereits erschienen, für Nachschub ist also gesorgt.

Netflix hat den Vorteil, dass die Wirtschaftlichkeit solcher Projekte nicht an Zuschauerzahlen gebunden sind. Trotzdem hat man viel Geld investiert, damit diese Premiere glatt läuft. Mit geschätzten 200 Millionen Dollar ist „The Gray Man“ die teuerste Netflix-Produktion, kostspieliger als die Actionkomödien „Red Notice“ und „6 Underground“, die man qualitativ allerdings eher unter „Content“ verbuchen konnte: dazu da, die Algorithmen hochzutreiben.

Vornehmlich soll „The Gray Man“ wohl dazu dienen, Ryan Gosling mit seinem süßen Hundeblick – wie vor zwanzig Jahren Matt Damon in den „Bourne“-Filmen – als Actionhelden zu etablieren. Tatsächlich erinnern die Figuren stark an Protagonisten aus der Sorte Agententhriller, die man im Buchladen am Flughafen kauft, um sich die Langeweile zu vertreiben.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn Court Gentry dasselbe Schicksal ereilt wie schon den Romanhelden Jack Reacher, der nach zwei Kinofilmen mit Tom Cruise zum Serienhelden zurechtgestutzt wurde. „The Gray Man“ ist ein comichaftes Actionvehikel ohne erzählerische Finesse – dafür mit schönem Gruß vom military entertainment complex, der ein eindrucksvolles Arsenal an Waffen zur Verfügung gestellt hat. Auch die Actionszenen erinnern an die Greenscreen-Exzesse, mit denen die Russo-Brüder schon bei ihren Marvel-Filmen Erfahrungen sammeln konnten.

CIA-Geheimnisse auf dem USB-Stick

Die titelgebende Schattengestalt ist der von Gosling gespielte Court Gentry, der für die besonders schwierigen Fälle zu Hilfe gerufen wird. Den eiskalten Auftragskiller nimmt man Gosling sowieso nicht ab, die Russos und ihr Ko-Autor Christopher Markus geben sich aber auch gar nicht erst die Mühe, Ambivalenzen bei seiner Figur zu entdecken. Er ist der good guy with a gun, der nach einem Komplott um eine illegal operierende CIA–Einheit unter Denny Carmichael („Bridgerton“–Darsteller Regé-Jean Page) plötzlich zum Abschuss freigegeben ist.

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Ein USB-Stick(!) mit inkriminierenden Daten landet auf dem Postweg in Prag, auf dem Schreibtisch der pensionierten CIA-Direktorin Maurice Cahill (Alfre Woodard) – neben seinem früheren Auftraggeber Donald Fitzroy (Billy Bob Thornton) und der ebenfalls kalt gestellten Agentin Dani Miranda (Ana de Armas) Gentrys letzter Verbündete in der Firma. Dort kommt es dann zwischen Prag-Touristen zum ersten großen Action-Setpiece, das die Russos generalstabsmäßig inszenieren. (Irgendwas muss man an einem Marvel-Set schließlich lernen.)

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Zum Comic-Appeal von „The Gray Man“ trägt entscheidend CIA-Bluthund Lloyd Hansen (Chris Evans) als Gentrys Widersacher bei, der den Ex-Kollegen im Auftrag Carmichaels töten soll und dafür freie Hand bekommt. Evans spielt den psychopathischen Killer als Cartoon-Bösewicht, an der Grenze zur Peinlichkeit.

(In 13 Kinos. Ab 22.Juli auf Netflix)

Damit setzt er aber den passenden Ton für einen Film, der sich nicht entscheiden kann, ob er lieber „Mission Impossible“ oder „Fast & Furious“ nacheifern will. Als Einzige bewahrt Ana de Armas in den Kampfszenen – und in den Dialogen – eine Restwürde und empfiehlt sich damit, nach ihrem Auftritt im Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“, für ein eigenes Action-Franchise. Jedenfalls eher als Ryan Gosling, der gerade vor allem mit seinen „Ken“-Fotos im Social Web für Aufsehen sorgte. Kaum vorstellbar, dass sich Gosling gleich zu einer ganzen Filmreihe verpflichtet hat.

Überhaupt wird man aus der Netflix-Strategie im Moment nicht so recht schlau. Der Aboservice stagniert, zum Leidwesen der Aktionäre, da scheint sich das Kino mehr und mehr als lukrative Ergänzung zu erweisen – obwohl die größte Kinokette Cinemaxx hierzulande Netflix weiter boykottiert. Aber teure Dutzendware wie „The Gray Man“ ist vielleicht doch besser auf Streamingplattformen aufgehoben, selbst in einem Blockbuster-armen Sommer wie diesem.

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