• Sexualmoral im Nachkriegsdeutschland: Kein Sex vor der Ehe - am besten auch nicht danach

Sexualmoral im Nachkriegsdeutschland : Kein Sex vor der Ehe - am besten auch nicht danach

Als die Pornohefte brannten: Historikerin Dagmar Herzog blickt auf die Keuschheitsfantasien Nachkriegsdeutschlands. Die Literaturkolumne Flugblätter.

Ist das Unzucht? Szene aus der wenig erfolgreichen Bühnenverfilmung "Liebe 47", in der ein Kriegsheimkehrer eine neue Frau findet.
Ist das Unzucht? Szene aus der wenig erfolgreichen Bühnenverfilmung "Liebe 47", in der ein Kriegsheimkehrer eine neue Frau findet.Foto: IFTN/imago

Anstand sollte herrschen, Sittlichkeit, Moral. Im Westdeutschland der fünfziger Jahre drehten sich erstaunlich viele Diskurse um die Gefahren von „Schmutz und Schund“, also allem, was mit Lust und körperlicher Liebe zu tun hatte. Bedroht erschienen die guten Sitten durch Sex vor der Ehe, das Zeigen bloßer Haut im Kino oder öffentliches Küssen. Gewarnt wurde vor Ehebruch, Abtreibung, Homosexualität, Masturbation, Kuppelei und Sexualverbrechen. 1951 und 1952 steckten Mitglieder katholischer Jugendorganisationen Kioske in Brand, an denen Pornohefte verkauft worden waren, 1953 demolierten sie Kondomautomaten.

Phänomene wie diese untersucht die in New York lehrende Dagmar Herzog, die 2011 bei Cambridge University Press ihre brillante Studie „Sexuality in Europe. A Twentieth-Century History“ vorlegte. Jetzt erscheint eine Anthologie, die mit deutschen und englischen Essays einen Überblick über die Forschung der zweisprachigen Zeithistorikerin bietet, abgerundet durch ein Interview mit der Autorin und ein Nachwort von Norbert Frei, der Herzog als Gastprofessorin nach Jena eingeladen hatte.

Waschechte Anti-Sex-Obsessionen

Besonders beeindruckend sind Herzogs Beobachtungen zur Gesellschaft Nachkriegsdeutschlands, bei der sie eine im Wortsinn waschechte Obsession mit sexuellen Thematiken diagnostiziert. Der Aufsatz zu „Sexuality, Memory, Morality. West-Germany in the 1950s–1960s“ nimmt diese Epoche auf neue, verblüffend einleuchtende Weise in den Blick.

Gab es unmittelbar nach 1945 eine kurze Phase der Libertinage, schlug das Klima ab Beginn des Wirtschaftswunders um in die berüchtigte Spießigkeit und Muffigkeit der Fünfziger, in der Eltern, Erzieher und Kirche die Keuschheit vor allem der Jugend kontrollierten. Parallel war die gesellschaftliche Praxis eine andere, Doppelmoral der Standard. Im Drang, deutsche Reinlichkeit zu demonstrieren, erkennt Herzog eine diskursive Verschiebung: Es ging darum, die Schuldverstrickung und Scham angesichts der unmittelbaren Vergangenheit zu meiden, sich sittlich abzugrenzen von den durchaus lustbesetzten Exzessen und Gewaltorgien der NS-Zeit.

Mit dem Revoltieren der Jugend etablierte sich dann eine komplett gegenläufige Deutung des Nationalsozialismus als repressiv, lustfeindlich, so sehr von Sexualtabus geprägt, dass Triebstau und Aggression zum Massenmord geführt hätten. Auch damit gelang das Umschiffen der Thematik von Schuld und Verstrickung, während sie zugleich auch in diesem Diskurs chiffriert war.

Vergessene, einst einflussreiche Texte dienen Herzog als Quellen. Substanzreich sind sämtliche Aufsätze dieses kompakten, enorm anregenden Bandes, etwa auch die Betrachtungen zum Wandel der Freud-Rezeption im Kalten Krieg, zu den Diskursen über Abtreibung und Behinderung oder zu den Ambivalenzen der „sexuellen Revolution“ in Europa.

Auch im Hinblick auf MeToo interessant

Ergänzend lässt sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Mittelweg 36“ (www.hamburger-edition.de) lesen. Sie widmet sich dem Oszillieren von Sexualität zwischen normativen Erwartungen, die an Liebe, Eros und Sex geknüpft sind.

Durchaus im Kontext der #MeToo-Initiative zu lesen, stellen die Beiträge gängige Definitionen dessen infrage, „was eigentlich das Gewalthafte, was demgegenüber das Sexuelle und was schließlich genau die Verletzung sei, die durch sexuelle Gewalt verursacht werde“, wie es die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Laura Wolters, ausgehend von Margaret Atwoods dystopischem Roman „Report der Magd“, zu Beginn des Hefts formuliert.

Entsprechend schillernd scheint etwa Ann Cahills Essay „Unrechter Sex. Vorüberlegungen zu einer feministischen Sexualkritik“, wenn er sich in den Grauraum der Facetten weiblicher Lust wagt und Fragen zur Eindeutigkeit einvernehmlicher Geschlechtsakte aufwirft. Produktive Wagnisse, auch hier.

Dagmar Herzog: Lust und Verwundbarkeit. Zur Zeitgeschichte der Sexualität in Europa und den USA. Wallstein, Göttingen, 238 Seiten, 15 €.

Grauzonen. Über sexuelle Gewalt. Mittelweg 36, Heft 4, August/September 2018, Hamburger Edition, 2018, 9, 50 €

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