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Die Sängerin Juliette Gréco in Paris.
© Pierre Guillaud/AFP

Nachruf auf Juliette Gréco: Sie war die letzte Grande Dame des französischen Chanson

Juliette Gréco wurde zur Muse der Existentialisten. Und eine Königin unter den Chansonnièren. Dabei litt sie zeitlebens unter einem Trauma. Ein Nachruf.

Ein junger schwarzer Mann und eine junge weiße Frau spazieren Hand in Hand die Seine entlang. Er ist dreiundzwanzig, sie ist zweiundzwanzig und beide erleben einen seltenen Moment von Freiheit. Er darf sich erstmalig als Schwarzer in der Öffentlichkeit mit einer weißen Frau zeigen, sie erlebt ihre erste große Liebesaffäre nach den Jahren von Krieg und Okkupation.

Die Szene spielt im Mai 1949, die Protagonisten heißen Miles Davis und Juliette Gréco. Eine Freundin hatte sie in das erste Auslandskonzert des jungen Trompeters eingeschleust. Von der Kulisse der Salle Pleyel aus sieht sie das „Profil eines ägyptischen Gottes“.

Jean-Paul Sartre, der Mentor der jungen Frau, die später zur Muse von Saint-Germain werden sollte und zur Ikone des französischen Chanson, fragt den amerikanischen Jazz-Musiker, ob er Juliette nicht heiraten wolle. Dazu liebe er sie zu sehr, sagte Miles, der den Rassismus in seiner Heimat kennt.

Jahre später trifft die Gréco den Musiker in New York wieder. Im Dachrestaurant des Waldorf Astoria sei dem Ober die Kinnlade heruntergefallen, er habe sie auf das Essen warten lassen und ihnen schließlich die Teller hingeknallt wie wilden Tieren. Bis zu seinem Tod im Jahre 1991 haben sich die beiden immer wieder einmal getroffen.

Juliette Gréco, die am 7. Februar 1927 in Montpellier geboren worden war und während des Krieges bei ihren Großeltern aufwuchs, hatte eine schwierige Kindheit und wohl auch deshalb alle Voraussetzungen für eine eigenwillige Biographie. Ihr Vater, ein Polizist korsischer Abstammung, hatte die Familie früh verlassen. Zur Mutter, einer engagierten Nonkonformistin und Widerstandskämpferin, hatte die schweigsame Juliette Gréco ein schwieriges Verhältnis.

Die Mutter, ihre ältere Schwester Charlotte und sie selbst wurden 1943 von der Gestapo verhaftet. Schwester und Mutter wurden ins KZ Ravensbrück deportiert, Juliette kam ins Gefängnis von Fresnes, aus dem man die Minderjährige kurze Zeit später wieder entließ.

In Paris lernt sie den Philosophen Maurice Merleau-Ponty kennen, der für das junge, verlorene Kind zum Vaterersatz wird. Die Gréco erlebt in der Zeit nach der deutschen Okkupation in den Kellerbars und Clubs des Quartier Latin eine kulturelle Revolution: die Befreiung der Körper und der Seelen nach Jahren von Angst und Unterdrückung.

Da wurde eine Jugend nachgeholt, die im Frankreich der Naziherrschaft nicht zum Ausdruck kommen konnte, befeuert vom Jazz, den neben Miles Davis auch viele andere schwarze amerikanische Musiker nach Paris brachten, von jungen Intellektuellen und vom Existenzialismus eines Jean-Paul Sartre, der das Individuum und dessen notwendige Freiheit in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte.

Für diese existentialistische Selbsterfindung wurde die Gréco eine Ikone mit emblematischer Symbolkraft: Weiße Haut im schwarzen Kleid, eine ausgreifende Gestik, die Konsonanten scharf konturierende Diktion, intellektuell-poetische Texte: Expressionismus à la française.

Jean-Paul Sarte und Simone de Beauvoir traf die Gréco erstmalig im „Montana“, wenig später schenkt er ihr für ihr Debüt als Sängerin sein Gedicht „La Rue de blanc Manteaux“. Vertont von Joseph Kosma wurde die ironisch-lakonische Anklage der Todesstrafe zu einer der Grundpfeiler im Repertoire der Chansonnière.

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Allerdings war ihre eigenwillige Vorstellung von französischem Chanson und ihr Start in den kleinen Konzerthäusern der Seinemetropole keineswegs ein Selbstläufer. Die Gréco erinnerte sich an Buhs, an eine feindselige Stimmung im Publikum. Zeitlebens hat sie vor Auftritten ein lähmendes Lampenfieber, schaut bei ihren Auftritten dem Publikum misstrauisch in die Augen, in panischer Angst, dass sich das Trauma der Anfänge wiederholt.

Mit Charles Aznavours „Je hais les dimanches“ gelingt ein Durchbruch. Auch „Si tu t’imagines“ des großen Romancier und Poeten Raymond Queneau wird ein Hit: Eine bittersüße Meditation der Vergänglichkeit der weiblichen Jugend und Anziehungskraft.

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Einen Kontrapunkt bildet das ironisch-verspielte „L’éternel féminin“, ein Chanson über das ewig Weibliche als maskuliner Projektionsfläche. „Je suis comme je suis“ setzt das Motiv sexueller Selbstbestimmung und Autonomie einer skandalumwitterten Chansonnière fort.

Auch ihr „Deshabillez-moi“ konnte in einer immer noch verdruckst-prüden Gesellschaft eine eigenwillig laszive Wirkung entfalten. Parallel zu ihren Auftritten im „Boeuf sur le toit“, „La Rose Rouge“ und den Existentialistenkellern des Quartier Latin spielte sie auf der Theaterbühne unter anderen in Roger Vitracs „Victor oder die Kinder an der Macht“ und übernahm Filmrollen wie in Jean Cocteaus „Orphée“.

Eine Hauptrolle gab ihr Starregisseur Jean-Pierre Melvilles in seinem Drama „Quand tu liras cette lettre“ von 1953.

2015 gab sie ihre Abschiedstour

Nach ihrer Affäre mit Miles Davis war Juliette Gréco unter anderem mit dem Rennfahrer Jean-Pierre Wimille liiert, der nach einem Unfall in Buenos Aires starb. Verheiratet war sie mit dem Schauspieler Philippe Lemaire; die Ehe, aus der ihre Tochter Laurene Marie hervorging, scheiterte nach kurzer Zeit.

Michel Piccoli wurde ihr zweiter Ehemann; die längste Ehe verband sie mit dem Pianisten und Arrangeur Gérard Jouannest, der sie bereits seit 1968 bei ihren Konzerten begleitet hatte. Die führten sie allerdings dann auch nach Deutschland, das der großen Sängerin für die Geste der Aussöhnung sehr dankbar war.

In der Philharmonie gab sie 2002 ein gefeiertes Konzert. Von ihren Fans verabschiedete sie sich mit einer großen Tournee „Merci“ im Jahre 2015. Im Chanson „L’embellie“ sang sie: „Le coeur bat, c’est son rôle“ („Das Herz schlägt, dafür ist es da.“) Am 23. September hat das Herz der letzten großen Vertreterin des französischen Chanson aufgehört zu schlagen.

Eberhard Spreng

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