Simon Rattle dirigiert Staatskapelle : Alle Lust des Diesseits

Großes Klangkino in der Berliner Staatsoper: Dirigent Simon Rattle wirkt nach dem Ende der Philharmoniker-Ära gelöst und voller Lust auf Musik.

Sir Simon Rattle, Chef des London Symphony Orchestra
Sir Simon Rattle, Chef des London Symphony OrchestraFoto: Oliver Helbig

Möglicherweise hat kein anderes Bauwerk die Musikgeschichte so beeinflusst wie der Markusdom. Im Bestreben, die Mutterstadt Konstantinopel und ihre Hagia Sophia zu übertrumpfen, bauten die Venezianer eine Kirche mit fünf Kuppeln. Der hallige Raumklang war kaum zu bändigen und zwang die Kapellmeister zu neuen Wegen, etwa zur Mehrchörigkeit. In der Berliner Staatsoper kann man ahnen, wie das geklungen haben muss, als die Bläser der Staatskapelle die kurze Fanfare „Canzon septimi et octavi toni a 12“ von Giovanni Gabrieli anstimmen. Der Organist am Markusdom starb 1613, im selben Jahr wurde Monteverdi dort Kapellmeister. Flächige Sphärenklänge, darüber sich imitierende Oberstimmen: eine glanzvolle Einstimmung auf das Konzert.

Simon Rattle, der bald am Haus Rameaus „Hippolyte et Aricie“ dirigiert, wirkt nach dem Ende der Philharmoniker-Ära gelöst und voller Lust auf diese Musik – auch in Haydns 86. Symphonie, die er mit kerniger, expressiver Gestik angeht. Ohne Podest, so kann er sich einzelnen Stimmführern ganz direkt zuwenden. Leichtfüßig und lieblich gerät das einleitende Allegro spiritoso, den kleinteiligen Menuettrhythmus des dritten Satzes arbeitet er wunderbar heraus, dabei dem Trio durch geschicktes Anziehen und Loslassen des Tempos Charakter und Würze verleihend. Im Finale stellt er das spritzige Hauptthema aus fünf Achteln unaufdringlich in den Vordergrund. Haydn als weltlicher, sinnesfroher Genussmensch.

Ein verstörendes, aber faszinierend vitales Werk

Obwohl es ein geistliches Stück ist, wirkt auch das Hauptwerk des Abends ganz im Diesseits verankert. Janaceks massive „Glagolitische Messe“ , uraufgeführt 1927 in Brünn, ist ein Trumm von Musik für großes Orchester und Chor. Der mit Religion fremdelnde Janacek hat seinen persönlichen Pantheismus in Töne gegossen, auf den Text der katholischen Liturgie. Spaltklänge von hohen und tiefen Instrumenten ohne Mittelstimmen, vier Gesangssolisten (Iwona Sobotka, Anna Lapkovskaja, Simon O’Neill, Jan Martiník), ein wildes Orgelsolo (Christian Schmitt), ostinate Motive, Anrufungen, Rede, Gegenrede: Dramatisch und opernhaft wirkt das, großes Klangkino. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn verwischt manchmal seine Einsätze, singt aber ausdrucksstark. Dennoch formt Rattle daraus kein organisches Ganzes, vor allem die Dynamiken stehen schroff nebeneinander. So bleibt der Eindruck eines verstörenden, aber faszinierend vitalen Werks. Das sich, darin Brahms’ großem Requiem nicht unähnlich, eher an die Lebenden richtet als an die Toten.

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