Simon Stones Frauendrama am Berliner Ensemble : Der Spott des Gemetzels

Weg mit den Männern, lasst die Frauen frei! Simon Stone erfindet am Schiffbauerdamm „Eine griechische Trilogie“.

Hinter Glas, im Nebel. Constanze Becker
Hinter Glas, im Nebel. Constanze BeckerFoto: Thomas Aurin

Dieser Abend vereint so vieles, was Theater stark macht. Da spielt ein genuines Berliner Ensemble mit Constanze Becker, Caroline Peters, Judith Engel, Martin Wuttke und Andreas Döhler, und die junge Carina Zichner zeigt eine feine, fiebrige Präsenz. Unter den verschärften Bedingungen schlagen sie sich gut – die Schauspielerinnen und Schauspieler hinter der Glaswand, die Bühne und Zuschauerraum trennt. Bob Cousins hat die Sperre entworfen, die Menschen wirken in dieser Installation wie Versuchstiere; es erinnert an den deutschen Pavillon 2017 bei der Biennale von Venedig mit Anne Imhofs preisgekrönter „Faust“-Beschau. Mit Simon Stone gewinnt das BE einen der intelligentesten Regisseure unserer Zeit. In Berlin war er nur in Gastspielen zu sehen. Die Schaubühne zeigte das Amsterdamer „Ibsen House“, beim Theatertreffen lief Stones Tschechow aus Basel: herausragende zeitgenössische Klassiker-Entwicklungen.

In seiner „Griechischen Trilogie“ geht er den Frauen nach, nimmt die „Lysistrata“-Komödie des Aristophanes und zwei Tragödien des Euripides, „Die Troerinnen“ und „Die Bakchen“, als – sehr fernen – Hintergrund. Frauen haben Macht in den Dramen, die unsere Theatertradition begründen, diese Urkraft ging über die Jahrhunderte und Jahrtausende weitgehend verloren. Stone will das ändern. Er schrieb einen Text, aus dem Englischen übersetzt von Martin Thomas Pesl, der sich aus einer Vielzahl kleiner Szenen oder Dramolette zu einem Intimbild von Gesellschaft heute zusammenfügt. Es wirkt wie ein brutalisierter Botho Strauß auf Speed; der hat in seinen Boulevardtragödien auch antike Quellen angezapft.

Wie bei den Athener Dionysien einst beginnt es bei Simon Stone mit dem komödiantischen Teil. Die Frauen ziehen sich auf einen Selbstversorger-Bauernhof zurück, ohne Internet und ohne Männer. Caroline Peters und Stefanie Reinsperger, die ihre Tochter spielt, liefern sich einen unterhaltsamen Clash der Lebensentwürfe. Kathrin Wehlisch, Chefin auf dem Hof, hat einen Hasen geschossen, aber natürlich ist das nichts für die Vegetarierinnen. Nach gut drei Stunden, treffen sich hier alle wieder zum großen Fressen und Abmurksen. Im Grunde beginnt das Elend der Inszenierung schon beim Einchecken in der Wildnis: Die Frauen sind nicht wirklich ernst zu nehmen. Ihr Kampf gegen häusliche Gewalt und die Scheißtypen – eine Farce.

Das spielt irgendwie in Berlin. Am Flughafen Schönefeld, auf einem Charlottenburger Spielplatz, in diversen Wohnungen. Alles immer hinter Glas, die Akteure sprechen über Mikroport und sind oft nicht zu verstehen. Sehr oft sagen sie lustvoll- zwanghaft Sachen wie „Fick dich“ oder eben „Scheiße“, wie kleine Jungs. Bei fast jeder Begegnung geht es von Null auf Hundertachtzig. Dichter Nebel liegt über der Szenerie. Und natürlich eignet sich das Glas sehr gut, um daran die Nase plattzudrücken, Blut und Spaghetti mit Tomatensoße darauf zu verschmieren. Constanze Becker spielt die Frau, die am härtesten getroffen wird von männlicher Willkür. Ihr Mann, Andreas Döhler, frustriert im Beruf und sexuell auch, zelebriert seinen Sadismus gekonnt. Er wird mit einem spitzen Hammer von der gequälten Frau nicht ins Jenseits, aber in den Rollstuhl befördert.

Eine Welt ohne Männer

Gewalt folgt aus Gewalt, ansatzlos die Ausbrüche, unvermittelt. Wie Natur. Simon Stone hat in seiner „Griechischen Trilogie“ eine unangenehme Art, auf Schock zu spekulieren. Alle Männer sind Schweine. Alle Frauen leiden und sind ein bisschen doof. Nun, offenbar ist das kein Problem für die intelligenten und erfahrenen Schauspielerinnen in diesem Ensemble. In ihrer Hilflosigkeit haben die Kerle, ihrer Frauen beraubt, auch rührende Episoden – wenn Martin Wuttkes Chefarzttyp herumirrt wie der blinde Ödipus, denn nun hat ihn auch sein Gedächtnis verlassen. Hilft nichts. Er wird zum Finale wie alle anderen Männer abgeschlachtet, als Letzter. Zum dem überraschend lahmen Schlussgemetzel geht die Sonne im Nebel auf, grell und warm, sie scheint auf eine Welt ohne Männer. Ganz toll!

Beim Zeus, dieser Abend hat blöderweise auch so vieles, was Theater schwer erträglich macht: aufgesetzte Brutalität, schnell dahin behauptete Figuren, unheilvoll dröhnende Musik, Längen, Untiefen, Mikroport-Gehechel, eine autoritäre Künstlichkeit, die aggressiv stimmt und abstößt. Geht es hier wirklich, wie angedeutet, um Sexualstrafrecht, um häusliche Gewalt, um Behörden, die wegsehen? Tilo Nest spielt einen Polizeibeamten, der einer misshandelten Frau (das ist wieder Constanze Becker, alle hängen mit allen zusammen) nicht helfen kann oder will. Warum? Judith Engel spielt die – viel zu schicke – Anwältin, die den brutalen Ehemann vertritt; und sie ist mit dem Polizisten verheiratet. Das müsste man mal sehen – wie die beiden ihren Alltag und die schrecklichen Fälle bewältigen. Stattdessen ausführlich: ihre Sexprobleme. Sex ist die Katastrophe. Weil Männer immer wollen. Das ist aber wirklich mal eine differenzierte Erklärung! Die Lösung heißt lesbische Liebe oder keine Liebe.

Ja, klar, verstanden: Man muss in einer Zeit der Trumps und Kavanaughs, die Frauen und ihr Leid denunzieren, mit schwerem Geschütz dagegenhalten. Und wer hat etwas davon? Am Ende bleibt das blutverschmierte Gesicht von Martin Wuttke im Aquarium, während das Licht ausgeht.

Bei Ibsen und Tschechow hat Simon Stone sich für jeden seiner Bühnenmenschen interessiert, mit einer Leidenschaft, die multiple Erzählungen nicht nur erlaubte, sondern auch forderte. Die Figuren saßen im Glashaus, fanden Wege ins Freie und wieder zurück. Die „Griechische Trilogie“ gleicht einem Gefängnis. Lebenslänglich „Fick dich“!

Eine Frau fragt: Warum bin ich mit ihm gegangen? Weil ich einen Tag betrunken war. Warum habe ich ihn geheiratet? Weil ich eine Woche lang betrunken war. – Dafür bekommt Constanze Becker einen Lacher. Und da kommt einmal das Anarchische, Archaische, das Ungesteuerte durch, es geht über den passgenau ausgedachten Klein-Tarantino-Text hinaus.

Bei den alten Griechen gab es die Götter, die schauten den Sterblichen gern beim Krieg zu und verführten Frauen, sich in Orgien zu stürzen und dann mal einen Mann zu zerreißen. Heute gibt es den Regisseur. Beim Applaus rutscht Simon Stone auf der kunstblutverschmierten Bühne aus und sitzt auf dem Hosenboden. Ihn verschonen die Furien.

Vorstellungen wieder am 13., 20. und 21. Oktober.

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