zum Hauptinhalt
Besucher bei der Eröffnung der James-Simon-Galerie, 2019.

© picture alliance/dpa

Tagesspiegel Plus

Manche feiern Rekordjahre: Wie Berlins Galerien der Pandemie trotzen

Die Szene der Hauptstadt hat sich durch die Krise professionalisiert. Und digital steht sie besser da als jemals zuvor.

„Hi Guys!“, sagt Joachim Lambrechts. Er sitzt in Antwerpen im Atelier und schwärmt von seiner Berliner Ausstellung „Allegro“ mit lauter großen, vor Farben und Leben strotzenden Bildern, die 2020 im Lockdown entstanden sind. Weil das Leben europaweit wegen Corona erneut heruntergefahren worden ist, kann die Ausstellung im Januar 2021 dann aber gar nicht eröffnet werden.

Die Türen der Berliner Galerie Kristin Hjellegierde in Mitte bleiben zu, alle Mühe ist umsonst, das Geld für den Transport aus Belgien, die Hängung, die Einladungen zur Vernissage dennoch ausgegeben. Nur der junge Antwerpener Maler redet über den „Bagpipe Player“, sein Porträt des jungen Wynton Marsalis, und über die universelle Sprache der Musik, als hingen die Gemälde direkt hinter ihm.

Joachim Lambrechts „Ghetto blaster“ (2020) sollte im Januar bei Kristin Hjellegierde zu sehen sein. Dann kam der Lockdown.
Joachim Lambrechts „Ghetto blaster“ (2020) sollte im Januar bei Kristin Hjellegierde zu sehen sein. Dann kam der Lockdown.

© Galerie Kristin Hjellegierde

Das Video, bis jetzt auf Vimeo zu sehen, war eine der ersten Notmaßnahmen seitens der Galerie. Wenn die Kunst hinter verschlossenen Türen bleiben muss, braucht es andere Öffentlichkeitsstrategien. Für Kristin Hjellegierde und ihre Schwester Eva Maria Ostendorf, die die Berliner Galerie-Dependance seit der Eröffnung im Frühjahr 2018 leitet, ist das nichts Neues.

Auf Instagram sind sie mit ihrem Programm seit Langem präsent, die Zahl der Follower wuchs kontinuierlich auf aktuell 20 000. „Wir haben die Taktung bei Instagram noch einmal erhöht“, erklärt Ostendorf, „haben Videoführungen angeboten, das Interview mit Joachim Lambrechts in seinem Atelier gemacht und eine Entscheidung getroffen: Wir verschieben keine unserer Ausstellungen und sagen keine ab.“ Egal, welche Konsequenzen die Pandemie noch für die Kunstszene hat.

Wie richtig das war, zeigt sich im Resümee. Die Galerie blickt auf zwei Rekordjahre zurück, „sowohl in Berlin als auch in London“, wo Hjellegierde vor fast einem Jahrzehnt ihre ersten Räume eröffnete. Was immer an Kunst seit März 2020 an einem der Standorte zu sehen war, verkaufte sich nahezu vollständig. Selbst wenn, wie im Fall von Lambrechts, kein Livebesuch möglich war.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Als Trigger diente die mediale Aufmerksamkeit, Empfänger der Botschaften war ein von der Galerie sukzessive aufgebautes Netzwerk, das trotz Corona wächst, weil die internationalen Sammler:innen auch untereinander kommunizieren. Die Galerie wurde empfohlen, plötzlich meldeten sich Interessenten aus Hongkong oder Los Angeles.

Aktivität wird belohnt, daran zweifelt Eva Maria Ostendorf nicht. Trotz des finanziellen Risikos, das die Galerie eingegangen ist. Schließlich eröffnete sie wie geplant ihre nächste Adresse in einer ehemaligen Garnelenfabrik nahe Oslo und lud im Sommer auf Schloss Goerne in Brandenburg, wo ebenfalls eine Gruppenschau zu sehen war. Auch wenn das Publikum regional blieb, ließ sich global traffic im Internet damit generieren.

Erfolge, die Werner Tammen bestätigt. Zum einen als Galerist, der ebenfalls auf zwei erfolgreiche Jahre zurückblickt, dafür aber „dreimal so viel gearbeitet hat wie sonst“. Zum anderen als Vorsitzender des Landesverbandes Berliner Galerien (LVBG), dessen Mitglieder sich mit diversen Problemen konfrontiert sahen: Kunstmessen von der Art Karlsruhe bis zur Art Basel wurden abgesagt, die Ausstellungsräume der Galerist:innen immer wieder für die Öffentlichkeit geschlossen.

Wir stehen nicht schlechter da als vorher.

Hannes Kuckei, Galerist

Dennoch, so Tammen, habe keine der im LVBG organisierten Galerien für immer zugemacht. Ein langer Atem sei nötig, nicht immer aus eigener Kraft geschöpft, sondern auch mit Unterstützung von Landes- wie Bundeshilfen – vor allem dem „Neustart“-Programm der ehemaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Tatsächlich beurteilt Tammen die Entwicklung der vergangenen Monate nicht nur negativ. Die gesamte Berliner Galerienszene habe sich in der Krise professionalisiert, lautet sein Fazit. Digital sei sie besser aufgestellt als jemals zuvor. Eine Entwicklung, die die rund 300 professionellen Adressen der Stadt international ganz anders sichtbar macht als noch vor zwei Jahren.

Profitiert hat auch sein Verband. In den letzten 24 Monaten wuchs die Zahl der Mitglieder um über ein Drittel auf aktuell 100 Galerien. Darunter sind große Player wie Capitain Petzel, Konrad Fischer, Kewenig, Thomas Schulte oder Esther Schipper. Ein Gewinn für alle, denn mit den neuen Akteuren baut der Landesverband auch seinen Einfluss auf politischer Ebene merklich aus. Tammen freut sich über das Interesse, er glaubt, es hat ebenfalls mit Corona zu tun. Ohne den internationalen Messekalender sei der Blick jener Galerien wieder vermehrt darauf gefallen, was „vor der eigenen Berliner Haustür“ geschieht. Daraus resultiere ein verstärktes Engagement. Unter anderem in jenen Gesprächen von einer Handvoll Galerist:innen mit Grütters, die einen wichtigen Impuls für die „Neustart“-Finanzhilfen lieferten.

Von einer Phase der Besinnung spricht Hannes Kuckei. Seit knapp 30 Jahren führen er und sein Bruder Ben die Galerie Kuckei + Kuckei in der Linienstraße, fünf Messeauftritte jährlich gehörten zum Normalbetrieb. Bis der erste Lockdown kam und mit ihm die Absage fast aller Reisetätigkeiten. Ein „Hamsterrad“ sei das bis dahin gewesen, meint Hannes Kuckei, ohne Zeit zum Reflektieren, „jedes Mal mit aufwendiger Vorbereitung, großem materiellen Einsatz und den besten Arbeiten unserer Künstler:innen“.

Eine Retrospektive zum Künstler Brixy in der Galerie Tammen.
Eine Retrospektive zum Künstler Brixy in der Galerie Tammen.

© Galerie Tammen

Nun machen sie weniger Umsatz, haben jedoch auch geringere Kosten. „Wir stehen nicht schlechter da als vorher“, resümiert der Galerist. Das volle Adressbuch mit Kontakten zu Sammlern in alle Welt verdankt sich allerdings jener Zeit, in der sich eine Messe an die nächste reihte. Davon zehren die Brüder nun, genau wie von der Webseite, die sie seit 1999 pflegen. Jede Ausstellung wird fotografisch dokumentiert, ihre Gemälde, Skulpturen oder fotografischen Arbeiten finden sich hier wieder. Das Internet macht den Zugriff jederzeit von überall aus möglich.

Für die persönliche Nähe sorgten sie mit Corona-konformen Dinners und privaten Einladungen in die Galerie, wo endlich auch wieder Gespräche über Kunst stattfanden. Denn trotz aller geschäftigen Präsenz sind die Brüder oldschool, wenn es um Inhalte geht. Nach wie vor verzichten sie auf die Digitalisierung ihrer Ausstellungen, einen 3D-Rundgang kann sich Hannes Kuckei bis heute nicht vorstellen.

Und so froh sie anfangs über die Entschleunigung waren, so glücklich hat sie die Teilnahme an der Berliner Messe „Paper Positions“ im vergangenen Frühjahr gemacht. Es war eine bewusste Entscheidung für ein kleineres Format jenseits der Megaschauen in Paris oder Miami, an denen Kuckeis sonst teilnehmen – und eine Erfahrung für die nahe Zukunft. Die Messe für Kunst aus Papier, so Hannes Kuckei, sei für die Galerie erfolgreich gewesen, weil sie sich ein Konzept für ihren Auftritt überlegt hätten. So plane man es auch für die Zukunft: passgenau statt breitenwirksam, zumal die Messen immer teurer würden.

Wenn Werner Tammen von der Resilienz der Berliner Galerien spricht, hat er eine vergessen, in der bald doch das Licht ausgehen soll. Aber vielleicht glaubt der Verbandsvorsitzende ebenso wenig an die Endgültigkeit der Entscheidung wie Semjon H.N. Semjon selbst, der gegen einen übermächtigen Vermieter kämpft. Die Nicolas Berggruen Holdings haben ihm die Räume seiner Galerie nach über zwei Jahrzehnten gekündigt. Kein Appell, nicht einmal ein offener Brief aus dem Bundestag, den Mitte Dezember neben Annika Klose auch Kevin Kühnert und der Ex-Regierende Michael Müller aufsetzten, kann derzeit daran etwas ändern. Außer für Semjon, der sich in seinem Widerstand bestärkt sieht und nun anwaltlich gegen die Kündigung vorgeht.

Die Kanzlei von Peter Raue wird ihn vertreten. Semjon, der sich nicht von den „Herren Goliath“ seine Existenz zerstören lassen will, bleibt, trotz der Deadline zum Ende dieses Monats. Nicolas Berggruen nennt er einen „Kunstzerstörer“, der sich für seine Schenkungen an das vom Vater Heinz Berggruen gegründete Museum feiern lässt, während er Galeristen wie ihn, die sich für übersehene Künstler:innen engagieren, aus seinem Immobilien-Portfolio entlässt. Semjon harrt also aus, macht sich die Korrektur „vom Narrativ des edlen Kunstfreundes“ zur Aufgabe. So wird er zum David der Berliner Galerienszene, die kämpferisch in das Jahr 2022 startet.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false