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„Song Sung Blue“ im Kino: Lieder können Leben retten
Der Film „Song Sung Blue“ erzählt von einem Paar, das mit der Musik von Neil Diamond berühmt wird. Hugh Jackman und Kate Hudson singen alle Songs selbst, manchmal windschief, aber immer euphorisch.
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Lieder können Leben retten, jedenfalls fast. In einer Turnhalle tief in der amerikanischen Provinz haben sich ein, zwei Dutzend Menschen in einem Stuhlkreis versammelt. Einer von ihnen, der ein faltiges Gesicht, schulterlange schwarze Haare und beeindruckende Koteletten hat, sagt: „Mein Name ist Mike und ich bin ein Alkoholiker.“
Statt weiterzureden, beginnt er, auf seiner Akustikgitarre zu spielen, und singt: „Song sung blue / everybody knows one / song sung blue / every garden grows one.“ Und nach ein paar Zeilen singen alle anderen mit. Das Lied „Song Sung Blue“, das Neil Diamond 1972 veröffentlichte, handelt vom Halt und Trost, den man in der Musik finden kann. Jeder hat mal den Blues. Aber ein Song kann helfen, ihn zu überwinden.
„Song Sung Blue“, so heißt nun auch der Spielfilm des Regisseurs Craig Brewer, der von der erstaunlichen Karriere der Pop-Enthusiasten Mike und Claire Sardina erzählt. Sie lernten sich 1987 kennen, verliebten sich ineinander, heirateten bald und standen jahrelang zusammen auf der Bühne.
Dort nannten sie sich Thunder and Lightning und spielten ausschließlich die Hits von Neil Diamond. Anfangs tingelten sie durch Kneipen, später füllten sie große Konzerthallen. Der Plot beruht auf einem Dokumentarfilm über das Paar, der 2008 herauskam und ebenfalls den Titel „Song Sung Blue“ trug.
Gefangen in der Nostalgie
Musiker, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie Rockstars nachahmen, sind in ihren Rollen gefangen. Einmal Elvis-Imitator, immer Elvis-Imitator. Es ist eine Nostalgiefalle, und für den, der sich darin verfängt, gibt es kein Entkommen. Man mag vielleicht so aussehen wie Elvis, vielleicht kann man auch beinahe so wie Elvis singen. Aber wirklich Elvis sein, das konnte nur Elvis selbst.
Elvis-Imitatoren gibt es gleich mehrere auf der Wisconsin State Fair, auf der auch Mike Sardina sein Glück bei einem Legends-Wettbewerb machen möchte. Außerdem im Angebot: James Brown, Willy Nelson, Tina Turner und Barbra Streisand. Claire verkörpert die Countrysängerin Patsy Cline und singt eine hinreißende Version von deren Klassiker „Walkin’ After Midnight“.
Mike ist sofort schockverliebt. Für ihn selbst läuft es weniger gut. Erst gerät er mit einem Elvis-Darsteller in Streit, weil er „Suspicious Mind“ singen will. Dann bekommt er Bühnenverbot, da er nicht in einer fremden Rolle auftreten möchte, sondern als er selbst, als Lightning. Die Legends-Show entwickelt sich zum grotesken, fast gruseligen Event.

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Neil Diamond, inzwischen 84 Jahre alt, zählt zu den größten Songwritern der Popgeschichte, doch seine Musik steht noch immer unter Kitschverdacht: zu viel Schmalz und Pathos, zu wenig Abgründigkeit und echter Rock’n’Roll. Auch Mike Sardina kann zuerst wenig mit seiner Musik anfangen, spielt sie dann aber doch: weil es eine Marktlücke ist.
Musik unter Kitschverdacht
Dass „Song Sung Blue“ trotzdem ein mitreißender Film geworden ist, liegt vor allem an den Hauptdarstellern. Hugh Jackman und Kate Hudson werfen sich mit Verve in ihre Rollen und singen alle Songs selbst, von „I’m a Believer“ über „Forever in Blue Jeans“ bis „Sweet Caroline“. Manchmal etwas windschief, aber immer euphorisch.
„Ich will kein Imitator sein, sondern ein Interpret“, sagt Mike einmal. „Ich möchte kein Sexsymbol sein, ich möchte Menschen unterhalten.“ Und Claire fügt hinzu: „Ich will keine Friseurin mehr sein. Ich will singen, ich will tanzen. Und ich möchte einen Garten und eine Katze haben.“

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Zwar wird der erste Gig von Thunder and Lightning zum Flop, weil sie ausgerechnet in einer Dorfkneipe vor Motorradrockern auftreten, die Neil Diamond hassen. Aber dann scheint sich alles zum Guten zu wenden. Irgendwann bekommt Mike einen seltsamen Anruf. „Was ist Projam?“, fragt er irritiert.
Von Pearl Jam, der Band des Anrufers Eddie Vedder, hat er noch nie etwas gehört. Vedder lädt ihn und Claire als Vorgruppe zur nächsten Pearl-Jam-Tour ein. Thunder and Lightning werden von tausenden Fans gefeiert, bei „Forever in Blue Jeans“ singt Vedder sogar mit. Danach sind sie weltberühmt, jedenfalls im Mittleren Westen.
Anruf von Eddie Vedder
„Good times never seemed so good“, heißt es im Text von „Sweet Caroline“. Aber selbst die besten Zeiten enden. In diesem Fall, als Claire von einem Auto erfasst wird und ihr linkes Bein verliert. Sie kann nicht mehr auftreten, zieht sich ins Bett zurück, wird depressiv.
„Song Sung Blue“ beginnt als überdrehte Komödie und wird zum finsteren Drama. Auch Mike kämpft mit Dämonen. Der Vietnamkriegs-Veteran kriecht in Alpträumen in unterirdischen Vietcong-Gängen über Leichen. Finanziell lebt er prekär, mit der Rückzahlung der Hypothek für sein Haus ist er oft monatelang in Verzug. Außerdem erleidet er mitunter einen Herzstillstand.
Gerettet werden Thunder und Lightning durch die Musik. Nach einem Aufenthalt im Sanatorium fasst Claire wieder Mut. Sie lernt, mit einer Prothese zu laufen, und stellt sich wieder hinter das Keyboard. Noch einmal werden „America’s Singing Sweethearts“ in einer ausverkauften Konzerthalle bejubelt.
Auf der Bühne singen Mike und Claire Zeilen, die klingen, als ob Neil Diamond sie nur für sie geschrieben hätte. Wie den Refrain von „I’m a Believer“: „Then I saw her face, now I’m a believer / Not a trace of doubt in my mind / I′m in love / I’m a believer, I couldn’t leave her if I tried“. „Song Sung Blue“ ist vor allem eins: ein großer Liebesfilm.
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