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Kölner Kunstherbst: Spiegel aus Marmor

Die Art Cologne als älteste und wichtigste deutsche Kunstmesse trotzt der Pandemie und findet künftig mit der Cologne Fine Art & Design statt

Fast wie früher! Ein kollektiver Stoßseufzer geht durch die Hallen der Art Cologne, die nach zweieinhalb Jahren erstmals wieder Besucher empfängt. Als eine der ersten Kunstmessen versank sie im April 2020 im Lockdown, um jetzt in etwa zu ihrem einstigen Herbsttermin, den sie 2006 zugunsten des Frühjahrs aufgegeben hatte, wieder aufzutauchen. Damit hat die älteste Messe für zeitgenössische Kunst nach einer Terminrochade und mehreren Verschiebungen die Cologne Fine Art & Design im Huckepack. Beide Veranstaltungen sollen auch künftig parallel stattfinden. Das ist absolut sinnvoll, vor allem mit Blick auf die kleinere Schwester mit ihrem bunten Programmmix von der Antike über Antiquitäten und Design bis hin zu zeitgenössischer Kunst.

Letztere ist bekanntlich die Domäne der größeren Art Cologne, die sichtbar gut durch die Krise gekommen ist. Die Reduzierung auf rund 150 Galerien und die breiteren Gänge machen die Qualität des Angebots sichtbar. Platz- und Ansteckungsangst kommt auch während der Vernissage nicht auf, die durchaus gut besucht war. Das Publikum ist erwartungsgemäß regionaler, US-Amerikaner sind, wie zuvor schon in Basel und London, kaum auszumachen, doch auch europäische und sogar süddeutsche Sammler machen sich rar.

Die Aussteller nehmen es mehrheitlich gelassen. Einerseits war damit zu rechnen, andererseits zeigt sich die bewährte Stärke des Rheinlands. „Die rheinische Museumszene ist geschlossen hier, wie immer“, erklärt Daniel Marzona aus Berlin, der sich mit der Galerie Sexauer einen Stand in der jungen Sektion „Collaborations“ teilt – ein Format, das es Galerien ermöglicht, Standkosten zu sparen und Synergien zu entwickeln. Sexauer zeigt Gouachen von Caroline Kryzecki, die mit Pinselabdrucken auf Rasterpapier an Op Art erinnernde Effekte erzielt (4500–15 000 €). Marzona bedeckt den Boden des Standes mit einer spiegelnden Installation von Mischa Kuball (50 000 €). Zwei große Privatsammlungen haben laut Galerist bereits Interesse angemeldet.

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Zuverlässig kaufen in Köln Institutionen wie etwa das Museum Ludwig, das bei Thaddaeus Ropac aus Salzburg drei Fotos von Valie Export aus den 1970er Jahren erworben hat. Die Ankaufskomission des Bundes entschied sich für drei Fantasieporträts auf Postkarten von Axel Geis – ein Lockdown-Projekt, dessen Ergebnisse von Jan Wentrup aus Berlin für 2200 Euro angeboten werden. Gemälde bestimmen das Bild, auch das kennt man von anderen Messen dieses Jahres und generell aus Krisenzeiten, als vermeintlich sichere Bank. PPC aus Frankfurt gehört zu den wenigen Ausnahmen, die ausschließlich auf Skulptur setzen – mit Erfolg. Die Koje ist ein echter Hingucker: Zwischen lila Wänden tummeln sich bizarre und durchaus launige Figuren, Kerzenleuchter, eine Art Bocca di Verità mit langer Zunge - und das alles in extrovertierter Farbgebung und Materialanmutung von Tina Kohlmann zu Preisen zwischen 4000 und 12.000 Euro. Die bisherigen Käufer kommen aus Paris und Frankfurt.

Schwerer hat es die Cologne Fine Art & Design

Das Untergeschoss mit klassischer Moderne und Kunsthandel meldet die Kehrseite des Phänomens, das schon andernorts in diesem Jahr zu beobachten war: Während junge Kunst bei Sammlern gerade sehr beliebt sind, erfährt der Sekundärmarkt eine gewisse Käuferzurückhaltung. Auf die Frage, ob das Engagement auf der Messe bereits Früchte getragen habe, antwortet Silke Thomas aus München: „Früchtchen“. In ihrem Fall meint das die Faltungen und Zeichnungen von Simon Schubert, die bei Preisen zwischen knapp 1000 und 6000 Euro regen Zuspruch gefunden hätten. Bei der angestammten klassischen Moderne und den Blue Chip-Künstlern wie Tony Cragg sei hingegen noch Luft nach oben.

Nicht ganz so einfach stellt sich die Situation der Cologne Fine Art & Design dar. Nach jahrelangem Niedergang versucht sie jetzt einen Neuanfang, der in Teilen sehr schöne Früchte trägt. Einige Stände punkten mit frischerem Design, das mehr ist als nur Kosmetik: Der seit seiner Einführung von Ausstellern oft als Abladeplatz für Mittelmäßiges genutzte Stand für junge Sammler heißt jetzt „Showroom“. Er sieht nicht nur zeitgemäß aus, er versucht auch darzustellen, wie altes und neues Design zusammenfinden kann.

[Art Cologne und Cologne Fine Art & Design, Messehallen Köln; bis 21. November, www.artcologne.de]

Geduldig arbeitet die Messe an einer Wiederbelebung des Genres Antiquitäten, das im Rheinland einmal Konjunktur hatte. Ein gutes Zeichen ist schon einmal, dass man einen Antiken-Händler wie Jean-David Cahn aus Basel für die Messe gewinnen konnte. Der Begriff Crossover ist aus Gründen der Abnutzung aus dem Wortschatz der Branche praktisch schon wieder verschwunden, doch es ist genau das, was Cahn zusammen mit Dierking aus Zürich praktiziert. In dem weitläufigen Doppelstand fallen die zarten Messingskulpturen von Otto Bohl (um 20.000 €) zunächst kaum auf, die filigran zwischen römischen Marmortorsi und hellenistischen Bronzefiguren stehen.

Die Sonderschau ist nach dem Bauhaus in der letzten Ausgabe der Messe nun Wien um 1900 gewidmet und wird von der Galerie Zetterer bei der Albertina und Wienerroither & Kohlbacher bestritten, die gemeinsam einen Salon der Jahrhundertwende nachstellen. Eine Altlast ist die Einstreuung zeitgenössischer Galerien, die noch aus der Zeit stammt, als sich die Cofa solo behaupten musste und die Lücken der ausbleibenden Antiquitäten- und Altmeisterhändler mit mittelprächtiger Neuware füllte. So erklärt sich auch, dass Deutschlands wichtigste Galerie für aktuelle afrikanische Kunst, Sakhile & Me aus Frankfurt, hier gelandet ist, denn als die Art Cologne das letzte Mal stattfand, war sie just erst gegründet. Nächstes Jahr wird sie hoffentlich dort zu sehen sein. Aber nächstes Jahr wird ja sowieso alles besser.

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