Spotify 2019 : Capital Bra dominiert die deutschen Streaming-Charts

International war 2019 Post Malone der am meisten gestreamte Künstler. In Deutschland lag Capital Bra aus Berlin vorn. Seine neu Konkurrenz heißt Apache 207.

Auf die meisten Streams in Deutschland kam 2019 der Berliner Rapper Capital Bra.
Auf die meisten Streams in Deutschland kam 2019 der Berliner Rapper Capital Bra.Foto: Uli Deck/dpa

Streaming ist im Pop seit einigen Jahren das Maß aller Dinge und Spotify mit über 100 Millionen zahlenden Abonnenten das größte Portal. Wer hier die meisten Streams sammelt, darf sich wie ein König oder eine Königin fühlen.

In diesem Jahr geht die Krone an den amerikanischen Rapper Post Malone, der vor Billie Eilish und Ariana Grande die weltweiten Jahrescharts von Spotify anführt. Der 24-Jährige ist zudem der am dritthäufigsten gestreamte Künstler des Jahrzehnts. Die Spitzenposition nimmt sein kanadischer Kollege Drake ein, der mit 28 Milliarden Streams vorne liegt. Platz zwei gehört Ed Sheeran.

In Deutschland zeigte sich in den letzten elf Monaten eine geradezu erdrückende Hip-Hop-Dominanz. So belegen mit Capital Bra, Samra, RAF Camora, Kontra K und Bonez MC fünf Männer des Genres die vorderen Plätze der Spotify-Charts. Die erste Frau in den Top 20 findet sich auf Platz 13. Es handelt sich um die 17-jährige Blitzstarterin Billie Eilish, die weltweit 2019 an zweite Stelle kam. Ähnlich monoton sieht es bei den zehn beliebtesten Songs der deutschen Charts aus. Hier ist Capital Bra allein viermal vertreten, davon zweimal im Duett mit Samra.

Die Pole Position konnte der 25-jährige Capital Bra, der sich derzeit von einem arabischen Clan bedrängt sieht, allerdings nicht erobern. Die ging an Volkan Yaman alias Apache 207 mit seinem Song „Roller“. Der groß gewachsene Sonnenbrillen-Träger aus Ludwigshafen ist auch sonst der Mann der Stunde: Derzeit befinden sich vier Titel von seinem im Oktober veröffentlichten Debütalbum „Platte“ in den deutschen Single-Charts. Wäre die EP mit den acht Titeln früher erschienen, hätte Apache 207 es wahrscheinlich noch weiter nach vorn geschafft.

Rapper, die nur noch singen

Der 22-Jährige verkörpert den derzeit angesagten Sound, der die abgeebbte Cloud-Rap-Welle in Richtung eines kuscheligen R’n’B-Pops weiterreitet. Zwar kann Apache 207 auch rappen, doch die meiste Zeit trägt er seine Texte über Liebe, Sex und ein wenig Crime in einem melancholischen Gesangsstil vor. Dazu kommen einfache pulsierende Beats und Achtziger-Synthies – das kann schon mal etwas klebrig-schlageresk werden. Was wiederum von den sexistischen und gelegentlich auch homophoben Untertönen konterkariert wird. Ein bisschen böse muss man ja schon sein.

Diesen Sanft-Hart-Spagat hat in letzter Zeit vor allem Capital Bra kultiviert und zuletzt auf seinen Alben „CB6“ und „Berlin lebt 2“ (mit Samra) demonstriert. Er singt mit Autotune auf der Stimme über krumme Deals, teure Autos, Uhren und Frauen. Härte bringen dabei seine Gäste ein, er selbst pflegt einen lässig-schläfrigen Stil. Was den aggressiven Straßenrap-Rap früherer Generationen ziemlich alt aussehen lässt. Skandalmacher wie Kollegah und Farid Bang sind etwa in den diesjährigen Spotify-Charts gar nicht vertreten. Ob Haftbefehl, dessen neues Album nun schon seit fünf Jahren auf sich warten lässt, den hart Hip-Hop noch einmal wiederbeleben kann, scheint äußerst fraglich.

Drake hat die Dekade geprägt

Dass man vom Rap kommend auch mit sanften Tönen extrem erfolgreich sein kann, hat nicht zuletzt Drake vorgemacht. Sein leicht leiernder Gesangsstil war prägend für die Dekade. So hat sich auch Jahresstreamingsieger Post Malone aufs Singen verlegt. Zwar verweisen auf seinem Album „Hollywood’s Bleeding“ die Gäste sowie die Trap-Beats noch auf den Hip-Hop, doch letztlich geht es ihm um Pop.

„Allergic“ oder „Staring At The Sun“ sind sofort ins Ohr gehende Hits, die sowohl im Radio als auch in zahlreichen Playlists funktionieren. Dass der in Dallas aufgewachsene Post Malone das Streamingzeitalter verstanden hat, zeigt auch die hohe Songzahl auf seinem Album: „Hollywood’s Bleeding“ enthält 17 Lieder, wovon nur sieben länger als drei Minuten sind. Viel und kurz – die Zeichen für die Zwanziger stehen auf Häppchen.

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