Kultur : Ständig dieselben Gesichter

Jan Böttcher erzählt in seinem Roman „Das Kaff“ von der Rückkehr eines Architekten in seine alte Kleinstadt.

Heimatobsession. Jan Böttchers Herz schlägt für Lüneburg.
Heimatobsession. Jan Böttchers Herz schlägt für Lüneburg.Foto: Tim Kölln

Wer aus einem Provinzstädtchen stammt und dann in einer Metropole heimisch geworden ist, kennt dieses Gefühl bei einer Rückkehr in die Heimat: Man fühlt sich gleichermaßen zuhause wie fremd. Man wird von Erinnerungen überrollt, von einer gewissen Melancholie befallen, bleibt aber distanziert, weil doch das Glück überwiegt, so lange nicht hier gewesen zu sein und nicht wieder zurück zu müssen.

Auch Michael Schürtz, dem Helden von Jan Böttchers Roman „Das Kaff“ geht das so. Von einsetzenden „Verdrängungskräften“ spricht er, als er nach langer Zeit wieder in seiner norddeutschen Heimatstadt bei einem Abiturjubiläumstreffen aufschlägt und behauptet, „mindestens drei Viertel der Anwesenden nie in meinem Leben gesehen zu haben“. Die Lokalzeitung sieht genau so aus wie früher und hat noch immer keinen Anspruch, „kann ich eigentlich nicht lesen, konnte ich noch nie“, und dann ist er hier tatsächlich ständig denselben Gesichtern ausgesetzt.

Ein paar Wochen darauf ist Schürtz nicht nur kurz auf Besuch, sondern gleich für drei, vier Monate aus Berlin zurückgekommen. Er ist Architekt, hat eine Bauleitung übernommen und beaufsichtigt für ein Investorenbüro das Entstehen eines zweigeschossigen Townhouse-Komplexes mit sechzehn Wohnungen. Schürtz wohnt quasi unentgeltlich bei einem alten Schulfreund, der eine mehrmonatige Urlaubsreise macht, und so schreitet er vor wie nach der Arbeit bekannte Wege ab: meldet sich bei den Geschwistern, geht auf den Fußballplatz, folgt der Einladung des Bürgermeisters zu einem Empfang im „Gewölbekeller“.

Die Vermessung der Provinz

Man ist ihm des Öfteren in der deutschsprachigen Literatur schon begegnet, diesem Ich-Erzähler von Jan Böttcher. Als „Icks“ in Ralf Bönts gleichnamigen Debütroman aus dem Jahr 1999, der zurückkehrt nach Bielefeld. Als Thomas Weidmann, den es in Stephan Thomes 2014 veröffentlichten Debütroman „Grenzgang“ von Berlin wieder in sein hessisches Heimatstädtchen Bergenstadt zieht. Oder als Andreas, dem Ich-Erzähler aus Andreas Maiers Romanzyklus „Ortsumgehung“, der von Frankfurt aus Erkundungen in seiner Bad Nauheimer und Friedberger Vergangenheit macht. Die Provinz, sie ist literarisch ordentlich vermessen worden, parallel zum Aufkommen des Metropolen-, speziell Berlin-Romans kurz nach der Wende, als geradezu naturgemäße Gegenbewegung dazu.

Jan Böttcher, der 1973 in Lüneburg geboren wurde, dem mutmaßlichen Vorbild für sein namenloses „Kaff“, weiß natürlich um diese exakte Provinzvermessung und kennt die Fallen, in die er mit seinem inzwischen fünften Roman tappen könnte: die der ewigen Wiederholung und der typischen Klischees, zum Beispiel dem sattsam bekannten Kampf zwischen den Kräften der Beharrung (Provinz) und der Moderne (Großstadt). Doch zeigt sich die Moderne manchmal nicht schneller in der Provinz als in der Metropole? Können die Uhren nicht auch hier durchaus schnell ticken?

Klar, Schürtz ist wie so viele Rückkehrer ein wenig hochnäsig in puncto Geisteshaltung, von wegen der Lokalzeitung, oder in puncto Style, – „Schwarzes Oberhemd, Levi's, meine Budapester von Forzieri“ –, also in einer gewissen Abwehrhaltung gefangen. Überhaupt ist er ein manchmal ätzender Typ, gerade was das Verhältnis zu seinen Geschwistern angeht: zu Nuss, seinem älteren Bruder, dem „Kaff“-Historiker, und zu Julia, die erst als Altenpflegerin arbeitet und später in einer Flüchtlingsunterkunft, überdies lesbisch und eine durchaus nicht unzimperliche Feministin ist.

Böttchers Sprache ist böse und melancholisch

Doch ähnlich zwiegespalten ist die Einstellung zu seinem in der Metropole erlernten Beruf, der eigenen, nicht so wahnsinnig berühmten Karriere. Der Auftrag, den er im „Kaff“ hat, nervt ihn und noch mehr seine Chefs und die zukünftigen Eigentümer, mit denen er sich ständig auseinandersetzen muss. Die Angst vorm Scheitern schwingt da ständig mit.

Schürtz gibt sich deshalb durchaus bereitwillig seinen Erinnerungen hin. Er badet an der Ull, dem Flüsschen des Ortes, übernimmt, ohne lange zu überlegen, im Fußballverein eine Jugendmannschaft als Trainer, besucht den alten, bei einem Autounfall schwer verunglückten Platzwart des Vereins oder seinen alten Tischlermeister Sancho, um diesen wegen einer Panne zu einer Türenschnelllieferung zu bewegen. Es wird schnell klar, dass Schürtz nicht ungern wieder Platz nimmt auf seinem Heimatsofa, zumal einige Dinge aus der Vergangenheit aufgearbeitet werden wollen.

Böttcher schafft es, seinen Erzähler gleichermaßen böse wie melancholisch vor sich hin räsonieren zu lassen, ohne viel Federlesen, in einer nüchtern-realistischen Sprache. Geschickt zeichnet er Schürtz als ambivalente, mal komische und sympathische Figur, mal als ziemlichen Idioten. Ja, und nicht weniger geschickt packt Böttcher sein Provinzpanorama in viele kleine erzählerische Hickselkästchen, die überschrieben sind mit kurzen Titeln wie „Meister“, „Gewölbekeller“, „Derby“, „Sommerregen“ oder „Utopie“. Das Ganze wirkt bisweilen wie ein szenischer Reigen.

In der Kleinstadt bleiben die Farben blass

Doch leider kommt der Roman nach gut zwei Dritteln ein wenig ins Stocken. Man fragt sich: Wo will Böttcher jetzt eigentlich hin? Es gibt unvermittelte Zeitsprünge, Schürtz verliebt sich arg schnell in eine der Townhouse-Eigentümerinnen, wird gleich zum verantwortlichen Stiefvater, bricht alle Zelte in Berlin mir nichts, dir nichts ab.

Das hat ein bisschen was von einer literarischen Brechstange, um doch noch eine Dramaturgie in den Roman zu zwängen. Es fehlen jedoch einige Fenster und Türen im Psychogramm des Heldens, um im Bild zu bleiben, seine tieferen Beweggründe, und auch im Porträt der Provinzstadt bleibt manche Farbe blass. Und so passt das versöhnliche, leicht kitschige Ende dieses Romans. Schürtz ist ganz bei sich und seinem Städtchen und legt auf einer Wiese ein neues Fußball-Spielfeld an. Als er die Umrandungen weißelt, muss er sich von seinem alten Betreuer und Masseur Gerwin sagen lassen: „Du hast den Mittelkreis vergessen“. Der liegt womöglich wirklich irgendwo zwischen Provinz und Metropole, ohne dass Jan Böttcher ihn mit seinem Roman gefunden hätte.

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Jan Böttcher: Das Kaff. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 268 Seiten, 20 €.

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