• Stilvoller Grusel: Zwei Hollywood-Stars kämpfen in „Der Leuchtturm“ um ihren Verstand

Stilvoller Grusel : Zwei Hollywood-Stars kämpfen in „Der Leuchtturm“ um ihren Verstand

Roger Eggers schickt Willem Dafoe und Robert Pattinson auf eine verlassene Insel. Er mixt Märchen und Historie zu einem kunstvollen aber auch vagen Horrorfilm.

Simon Rayss
Lehrling und Lehrmeister. Willem Dafoe und Robert Pattinson.
Lehrling und Lehrmeister. Willem Dafoe und Robert Pattinson.Foto: Eric Chakeen

Die einen Leuchtturmwärter gehen, die anderen kommen. Grußlos ziehen sie aneinander vorüber. Am Eingang zu ihrer Hütte halten die beiden Neuen inne und blicken in die Kamera, wie für ein Porträt aus den Anfangstagen der Fotografie. Der eine alt, das Gesicht zerfurcht und bartumwuchert. Der andere jung, mit Schnauzer und hängenden Augenlidern, die eine tiefe Müdigkeit offenbaren. Beide bringen ihre Geheimnisse auf die Insel mit.

Erst nach einer Weile sehen wir, wohin sie schauen: Es ist das Schiff, das sie auf diesen gottverlassenen Felsen im Atlantik gebracht hat. Und es trägt ihre Vorgänger fort.

Vier Wochen sollen Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) an diesem Ort aushalten. Im Schein der Petroleumlampe sitzen sie zusammen, essen, der Alte erzählt, der Junge schweigt. Das Licht gräbt tiefe Schatten in ihre Gesichter. „Yes, sir“, antwortet der Lehrling. „Aye, sir“, berichtigt ihn der Lehrmeister, der von seinen Jahren auf See ein Holzbein davongetragen hat.

Die Protagonisten sprechen im  zerknautschten Singsang eines alten Dialekts aus Maine. Regisseur Robert Eggers, der selbst aus New Hampshire kommt, hat ihn in den Büchern der zeitgenössischen Autorin Sarah Orne Jewett gefunden. Teile der Handlung entstammen den Aufzeichnungen tatsächlicher Leuchtturmwärter aus dem 19. Jahrhundert. Eggers macht sich hier wie ein Historiker an die Arbeit, wie schon bei seinem Debüt „The Witch“ vor vier Jahren.

Für seinen Hexenfilm ließ er sich damals von Volksmärchen, Tagebucheinträgen und Gerichtsakten des 17. Jahrhunderts inspirieren. Er entnahm ihnen ganze Auszüge und schrieb sie seinen Darstellern in dien frühneuenglischen Dialoge. Für beide Filme hat Robert Eggers, Jahrgang 1983, selbst das Drehbuch verfasst, diesmal gemeinsam mit seinem Bruder Max. Erneut erschafft er filmisch eine Vergangenheit, die historisch akkurat scheint, und doch durchwirkt ist von märchenhaftem Aberglaube.

Verlor die puritanische Familie in „The Witch“ ein Kind nach dem anderen in den finsteren Wäldern Neuenglands, bekommen es die beiden Männer diesmal mit anderen Urkräften zu tun, die den seltsamen Horrorfantasien H.P. Lovecrafts Tribut zollen. Immer wieder zeigt Eggers, wie sich die Wellen um die Insel auftürmen. Über ihr hängen Möwen wie an Schnüren im Wind.

„Ärgere sie nicht“, ermahnt Leuchtturmwärter Wake seinen Gehilfen, „das bringt Unglück.“ Doch Winslow will nicht hören. Er erschlägt eine Möwe, die ihn besonders piesackt. Kaum ist das Tier tot, dreht der Wind und lässt einen Sturm aufziehen. Er schneidet die beiden endgültig von der Außenwelt ab.

Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen

Eggers Vorliebe für das Historische spiegelt sich auch auf Ebene der Technik wieder. Der Regisseur und sein Kameramann Jarin Blaschke tauchen das Geschehen in schwarz-weiße Bilder. Sie wählen Linsen aus den 30er-Jahren und ein beinahe quadratisches Bildformat, wie es in den frühen Jahren des Tonfilms benutzt wurde. Alles scheint darin in die Höhe zu streben: die Felsen, der Leuchtturm, die hageren Silhouetten der Männer.

Das Team hat die Leuchtturm-Anlage extra für den Film gebaut. Die Hütte der Wärter, der mehr als zwanzig Meter hohe Turm und der Vorbau mit den schrägsitzenden Fenstern muten wie ein Kunstwerk an. Dasselbe gilt für die rätselhaft-schöne Fresnel-Linse, eine Gerätschaft aus dem 19. Jahrhundert. Sie dreht sich oben im Leuchtturm, und schickt das Licht in die Ferne.

Der Stilwille des Regisseurs, der seine Karriere als Szenenbildner begann, ist unübersehbar – und auch unüberhörbar. Da dröhnt das Nebelhorn, kreischen die Möwen, donnern die Bläser, dass man von Beginn an ahnt: Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen.

Meerjungfrauen und Tentakelmonster

„Langeweile verwandelt Männer in Schurken“, prophezeit der alte Wärter. Und tatsächlich: Die Figuren driften weiter in den Wahnsinn ab – und mit ihnen der Film.

Eggers erzählt die Geschichte in alle Richtungen, ohne sich je für eine zu entscheiden. Meerjungfrauen, Tentakelmonster, homoerotische Regungen: Er häuft Andeutung auf Andeutung, bis einen das Gefühl beschleicht, dass sich der Regisseur in seinem eigenen Seemannsgarn verrannt hat.

Er vertraut seinem sorgfältig konstruierten Setting nicht und reißt es mit dem Holzhammer wieder ein. So funktioniert der Film wie die Fresnel-Linse oben im Leuchtturm. Wunderbar anzuschauen. Doch am Ende dreht er sich nur um sich selbst.

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