Streaming-Tipp für die Digital Concert Hall : Salonlöwe trifft Tastentiger

Die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker spielt Camille Saint-Saens' "Karneval der Tiere". Mit dabei sind auch die Jussen-Brüder und Nina Hoss.

Greifen tierisch in die Tasten: die Pianisten-Brüder Arthur und Lucas Jussen
Greifen tierisch in die Tasten: die Pianisten-Brüder Arthur und Lucas JussenFoto: Marco Borggreve

Echter, prasselnder Applaus! Ja, selbst bei Konzerten, deren Mitschnitte man nur auf dem Fernseher oder Computerbildschirm verfolgen kann, macht es einen Unterschied, ob Menschen im Saal sitzen oder nicht. Denn die Atmosphäre, die entsteht, wenn Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Publikum kommunizieren, ist nun einmal unersetzbar.

Im Fall dieser „Karneval der Tiere“- Aufführung sind die Reihen sogar außergewöhnlich dicht besetzt, denn es handelt sich um den ersten und einzigen Abend, der im Kammermusiksaal nach dem Schachbrett-Prinzip stattfinden konnte, also mit einer Platzauslastung von 50 Prozent. Am 1. November sorgte hier die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker für Begeisterung, tags drauf trat der zweite Kultur- Lockdown in Kraft.

Nachzusehen ist dieses besondere Ereignis jetzt in der Digital Concert Hall des Orchesters. Und zwar im kostenlosen Bereich der Website: Neben vielen Gesprächen mit klugen Interpreten, darunter auch mit Chefdirigent Kirill Petrenko, der sich ja notorisch allen Presse-Interviews verweigert, lassen sich hier die Aufzeichnungen von Projekten des orchestereigenen Nachwuchs-Förderprogramms gratis abrufen.

Nina Hoss liest die Zwischentexte von Loriot

Dirigentin Nodoka Okisawa leitet die jungen Musikerinnen und Musiker zuerst durch Maurice Ravels exquisite Märchen-Suite „Ma mère l'oye“, dann folgt Camille Saint-Saens tierischer Hit. An den beiden Klavieren sitzen die brillanten Brüder Arthur und Lucas Jussen, Nina Hoss liest auf höchst charmante Weise die längst klassischen gewordenen Zwischentexte von Loriot.

Wer mag, kann sich die tierische Vollversammlung, die Loriot beschreibt, als Zusammenkunft heutiger Staatenlenker vorstellen. Donald Trump wäre der Löwe, der eitel und orangemähnig seine Ehrenrunde dreht, der „Hahn im Napoleonkostüm“ natürlich Emmanuel Macron. Die ballettöse Elefantendame erinnert an Boris Johnson und ein Bürschlein aus Österreich schaut kurz vorbei, um „Kuckuck“ zu sagen. Angela Merkel wäre der weise Marabu, der das Spektakel dirigiert – und der stolze Schwan, der am Ende zu Saint-Saens Melodie seine Bahnen zieht? Kanadas fotogener Premier Justin Trudeau vielleicht?

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