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Die erste Version. 2009 wurde das Gemälde für rund 2,5 Millionen Euro bei Christie’s in London versteigert. 

© Foto: Estate Martin Kippenberger

Tagesspiegel Plus

Der Paris-Bar-Code: Streit um Kippenbergers bekanntestes Bild

Vor 30 Jahren gab Martin Kippenberger sein „Paris Bar“-Gemälde bei einem Plakatmaler in Auftrag. Der will späte Gerechtigkeit.

Ein spannender Rechtsfall und zugleich künstlerisches Verwirrspiel: Wer hat die Versionen 1, 2 oder 3 des berühmten „Paris Bar“-Bildes denn nun gemacht, das so viel vom alten West-Berliner Flair erzählt? Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Martin Kippenberger hat keine davon gemalt, Götz Valien führte den Pinsel.

Kippenberger fotografierte die Szene und lieferte die Vorlage bei einem Unternehmen für Kinoplakate ab, Valien übernahm dort den Auftrag. Aber wer ist der Urheber, wem gehören die Anrechte auf das wohl bekannteste Bild Kippenbergers, der 1997 verstarb?

Gewinner kann es bei dem Streit keine geben

Der Streit um eines seiner teuersten Werke – dessen erste Version (2,07 mal 3,8 Meter) wurde 2009 für rund 2,5 Millionen Euro bei Christie’s in London versteigert – geht in die nächste Runde. Eine Götz-Valien-Ausstellung ab 28. Januar im Haus am Lützowplatz soll dem Ausführenden von damals Gerechtigkeit widerfahren lassen. Im Zentrum hängt die von Valien angefertigte dritte Version, die er für sich persönlich in den darauffolgenden Jahren bis 2010 schuf, um Fehler beim Ursprungsbild noch einmal zu korrigieren.

Götz Valien mit „Paris Bar“ (Variante 1) vor einem ebenfalls von ihm gemalten „Basic Instinct“-Plakat, Juli 1992.

© Foto: Rasit Karabas

Gewinner kann es trotzdem keine geben, auch wenn sich das Haus am Lützowplatz durch ein juristisches Gutachten von Peter Raue auf der sicheren Seite befindet. Es erkennt nicht einmal eine „(Mit-)Urheberschaft von Kippenberger“ an.

Der von der Galerie Gisela Capitain in Köln betreute Estate Martin Kippenbergers entschied sich nur widerwillig, keinen Widerspruch gegen die Präsentation des Werks in der Ausstellung zu erheben. Das erklärte Ziel von Kurator Marc Wellmann, Direktor vom Haus am Lützowplatz, eine generelle Diskussion über das Thema Werk und Autorschaft anstoßen, dürfte dabei eher ins Hintertreffen geraten.

Vor allem soll Öffentlichkeit generiert werden

Es geht vor allem um verletzten Stolz und den Wunsch nach später Anerkennung. Kippenbergers überragende Bedeutung steht dabei kaum infrage, auch nicht seine Strategie, Auftragsmalerei zum künstlerischen Konzept zu erheben. Also wenigstens Fairness für Götz Valien, den verkannten Maler? Bei der Ausstellung handelt es sich wohl eher um den durchschaubaren Versuch, Öffentlichkeit mittels eines prominenten Künstlernamens zu generieren. Das Haus am Lützowplatz spielt da ein gefährliches Spiel, will es als Institution weiterhin ernst genommen werden.

Doch der Reihe nach. Verletzter Stolz stand auch am Anfang der Geschichte. Kippenberger kränkte es damals, dass er von Christos Joachimides nicht zur großen „Metropolis“-Ausstellung in den Martin-Gropius-Bau eingeladen worden war, und er installierte in der Nacht vor der Eröffnung im legendären Künstlerlokal an der Kantstraße, in das später auch das Vernissagenpublikum strömen würde, einen Teil seiner Sammlung von Künstlerkollegen an die rückwärtige Wand. Anschließend machte er ein Foto der Inszenierung und bestellte bei „Werner Werbung“, einem auf Kinoplakate spezialisierten Unternehmen in Reinickendorf, ein fotorealistisches Gemälde davon.

Mit Heinrich Werner hatte der Künstler schon zehn Jahre zuvor für seine Ausstellung „Lieber Maler, male mir ...“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst zusammengearbeitet. Damals ließ er sich von ihm eine großformatige Serie malen, die ihn mal sitzend auf einem Sofa an einer Kreuzung in Manhattan zeigt, mal mit Hut und gefüttertem Mantel vor einem Souvenirstand an der ehemaligen Mauer in Berlin.

Vor allem war es eine Kampfansage an die Moritzplatz-Boys, die nicht weit vom NGBK ihre Ateliers hatten, eine ironische Volte gegen den Neo-Expressionismus der „Neuen Wilden“, an Fetting & Co. Und doch steckte mehr dahinter, dem cleveren Denker ging es immer auch ums Bildermachen selbst, um Kunst- und Künstlersozialgeschichte, die Entlarvung der Mechanismen des Kunstmarktes.

Kippenberger verwandelte die Niederlage in Kunst

Mit dem „Paris Bar“-Gemälde verwandelte er die Niederlage, sein Fehlen bei der „Metropolis“-Ausstellung mit ansonsten allen wichtigen Zeitgenossen, in ein eigenes Werk, das enorme Strahlkraft entfaltete. Auch seine Venedig-Arbeiten entstanden als Antwort auf die ausbleibende Einladung zur Biennale. Das „Paris Bar“-Bild aber blieb am Ort, als Geschenk an seinen Freund, den Gastwirt Michel Würthle, von dem er wie schon zuvor als Gegenleistung frei Essen und Trinken bekam.

Als 1993 das Centre Pompidou das Gemälde als Leihgabe für eine Ausstellung haben wollte, das inzwischen zum Inbegriff des alten West-Berlin, der Boheme und Berlinale, des ausgelassenen Lebens der Künstler und Schauspielercliquen geworden war, bestellte Kippenberger bei „Werner Werbung“ eine zweite Version. Die erste sollte an ihrem Platz an der rückwärtigen Barwand verbleiben.

Der Künstler lieferte nun aber eine andere Vorlage ab, mit dem Ur-Bild im Bild. Die erste Version ist im Anschnitt zu sehen, davor wieder die Lederbank und die manierlich gedeckten Tische, darauf stehen Stoffservietten und Salzstreuer. Heute gehört diese zweite Version dem Sammler François Pinault und hängt in der Pariser Bourse de Commerce.

Götz Valien, der weiterhin für Werner als Kinoplakatemaler arbeitete, wurde 1993 erneut eingesetzt. Er hatte als Absolvent der Wiener Hochschule für Angewandte Künste schon vorher seine Sache gut gemacht, war selbstständig in die Paris Bar gegangen, um als genauere Vorlage eigene Fotos zu machen.

Der eine erteilt den Auftrag, der andere malt für ihn

So hätte es bleiben können, der eine erteilt den Auftrag, der andere malt. Gewiss, der Auftraggeber verleibt sich das Können des anderen ein, das Werk firmiert unter seinem Namen. Die Strategie gibt es schon länger, wenn auch nicht als künstlerisches Konzept: Große Maler wie Rembrandt, Rubens, Tizian unterhielten immer schon erfolgreich laufende Ateliers, in denen Schüler und Angestellte ihnen zuarbeiteten. Nicht anders funktioniert es heute in den Studios eines Jeff Koons oder Damien Hirst.

Vor diesem Hintergrund und der künstlerischen Position und Leistung von Martin Kippenberger finden wir das “Re-Enactment” von Herrn Valien mehr als befremdlich. 

Nachlass Martin Kippenberger

In Bildhauerwerkstätten gehört es zum Konzept, dass eingereichte Pläne entsprechend ausgeführt werden. In Berlin haben sich mittlerweile zahlreiche Künstler:innen als Broterwerb darauf spezialisiert. Die Urheberschaft für das abgelieferte Werk steht dabei nicht infrage. Doch tauchen bei Ausstellungen an den Museumswänden zunehmend die Namen derjenigen auf, die an der Realisierung ebenfalls beteiligt waren – eine wichtige Geste.

Für Valien aber kam das Gefühl einer Demütigung mit der Versteigerung bei Christie’s 2009 auf. Fünf Jahre zuvor hatte sich Paris-Bar-Chef Michel Würthle wegen Steuernachzahlungen vom Bild trennen müssen. Über den Berliner Galeristen Volker Diehl ging es an Saatchi nach London und von dort in die Auktion.

Der Ausführende wird im Katalog nicht genannt

Das Bild zierte den Titel des Katalogs, nur drinnen stand kein Wort vom eigentlich Ausführenden. Genannt wird nur Kippenberger. Als das Bild für eine Rekordsumme an einen unbekannten Sammler in den USA ging, rühmte sich Valien damals bitter, eines der teuersten Kippenberger-Werke für 1000 Mark Honorar hergestellt zu haben. Heute hängt in der Paris Bar ein „nach Kippenberger“ gemaltes Bild von Daniel Richter.

Auch das Haus am Lützowplatz kreist schon länger um das legendäre Werk. 2016 zeigte es in der Christian-Jankowski-Ausstellung „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“ dessen Nachahmung des Kippenberger-Bildes – allerdings mit eigenen Werken als Hängung im Hintergrund. 2021 ist in Margret Eichers Ausstellung „Lob der Malkunst“ ein gleichnamiges Werk zu sehen, das sich ebenfalls auf Kippenberger bezieht. Seit seinem Entstehen hat es Virulenz entwickelt, ist es zum Bezugspunkt für andere Künstler, ja Topos geworden.

Das Haus am Lützowplatz geht offensiv in den Streit

Mit Valiens Schau und der Präsentation seiner dritten Version in Anlehnung an die erste geht das Haus am Lützowplatz allerdings in einen offenen Streit mit dem Kippenberger-Nachlass, der noch höflich „das ,Re-Enactment‘ von Herrn Valien mehr als befremdlich“ findet. Es sei die Wiederholung der Ideen und Konzepte eines anderen. Allein der Ausstellungstitel „Lieber Maler“ bezeuge, dass er die Bekanntheit Martin Kippenbergers öffentlichkeitswirksam für sich nutze.

Die Bitternis muss immens sein, wenn ein Maler mit seinem größten Erfolg, der eben doch nicht seiner ist, als Kopie auf die Bühne tritt. Man müsste ihn eigentlich bedauern. Marc Wellmann gibt zu verstehen, dass er eine eigene Valien-Ausstellung ohne den Kippenberger-Fall nicht ins Programm genommen hätte. Valiens stark von der Kinoplakatmalerei geprägtes eigenes Werk im Stil des „Virtuellen Realismus“, wie er ihn nennt, hätte die Hürde nicht geschafft. Süßliche Porträts von Angela Merkel, ein Verschnitt von Gustave Moreaus „Sphinx“ allein überzeugten wohl auch den Kurator nicht. Gut möglich, dass es Kippenberger selbst in dieser Umgebung gefallen hätte.

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