Südstaaten-Autorin Flannery O’Connor : Sünder sind immer die anderen

Neu zu entdecken: die amerikanische Meistererzählerin Flannery O’Connor und ihr böser Blick auf die Südstaaten.

Politische Korrektheit war ihr fremd. Flannery O'Connor auf ihrer Andalusia genannten Farm in Georgia (1962).
Politische Korrektheit war ihr fremd. Flannery O'Connor auf ihrer Andalusia genannten Farm in Georgia (1962).Foto: Joe Mctyre/picture-alliance/AP

Die Südstaaten sind das dunkle Gegenbild des urbanen Ostküstenamerika. Mal verklärt für ihre Ursprünglichkeit, öfter gescholten als rassistische Hillbilly-Provinz. In der Erzählwelt Flannery O’Connors findet sich wie bei William Faulkner beides dicht nebeneinander: einerseits die suggestive, liebevolle Vergegenwärtigung einer Welt, zu der sich die Schriftstellerin bekannte und die sie selbst nicht verlassen wollte; andererseits eine aufs Groteske spezialisierte Erzählkunst, die die befremdlichen, bizarren oder gar bösartigen Aspekte des „Südens“ deutlich herausstellt.

Flannery O'Connor wurde 1925 in Savannah, Georgia, geboren und starb mit nur 39 Jahren an einer Autoimmunkrankheit. Die längste Zeit ihres kurzen Lebens lebte sie fernab vom Literaturbetrieb zwischen Hühnern und Pfauen auf der Farm ihrer Vorfahren. Ihre Geschichten gehören in den Vereinigten Staaten zum Kanon der Moderne und haben viele Verehrer, darunter Bruce Springsteen, der sich für den prägenden Einfluss O’Connors bedankte, indem er einen Song nach einer ihrer Erzählungen benannte: „A Good Man is Hard to Find“. Im Band „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“, der in der präzisen Übersetzung von Anna und Dietrich Leube zehn der 31 Erzählungen O’Conners versammelt, ist diese berühmte Geschichte jetzt zu lesen.

Ihren Figuren ist alles zuzutrauen

„Alles wird schlimmer. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, da konnte man noch aus dem Haus gehen, ohne die Fliegentür zu verriegeln. Aber das ist vorbei“, klagt darin ein Gastwirt. Der pessimistische Befund wird vom Verlauf der Erzählung mehr als bestätigt. Gegen das Unheil, das hier triumphiert, hätte allerdings auch keine Fliegentür geholfen. Eine Familie mit einer schusseligen Großmutter verfährt sich beim Sonntagsausflug und wird massakriert vom „Outlaw“, einem Ausbrecher, von dem zuvor schon bedrohlich die Rede war wie von einer aufziehenden Gewitterwand. Zwar versucht die alte Frau dem Gangster noch einzureden, er sei doch eigentlich „ein guter Mensch“, aber nach kurzem Nachdenken betätigt der Outlaw dann doch den Revolver. Die Frage nach dem „guten Menschen“ ist ein Leitmotiv dieser Geschichten. Dem Menschenbild O'Connors entsprechend muss es sich dabei allerdings um eine beinahe ausgestorbene Spezies handeln.

Die Geschichten erzählen von alleinstehenden Farmerinnen, uralten Südstaatengenerälen, vernachlässigten Kindern, Scharlatanen und Wanderarbeitern, die seit der großen Depression unterwegs zu sein scheinen. Die Figuren O’Connors sind wunderliche, misstrauische und oft ziemlich hinterhältige Charaktere. Man darf ihnen wirklich nicht trauen, etwa dem zunächst etwas einfältig erscheinenden Bibelverkäufer in der Meistererzählung „Anständige Leute vom Land“.

Die Autorin bewegte sich am Ende auf Krücken

Eine anrührende Liebesgeschichte scheint sich da zu entwickeln, zwischen diesem offenbar grundanständigen Mann und der einbeinigen Philosophin Joy, die diesen Namen wegen ihrer Behinderung als Hohn empfindet und lieber Hulga heißen möchte – das klinge angemessen unschön. Der nette Bibelverkäufer aber lässt sich von Äußerlichkeiten nicht stören. So scheint es zumindest, bis er sich im makabren Finale als Prothesenfetischist entpuppt und der klugen jungen Frau, die hier doch nicht klug genug war, das Holzbein klaut. Überhaupt ist der Umgang mit Behinderten wenig korrekt in der Erzählwelt Flannery O’Connors, die sich in den letzten Jahren ihres Lebens selbst nur auf Krücken fortbewegen konnte. In der Geschichte „Das Leben, das du rettest, könnte dein eigenes sein“ wird eine taubstumme Farmerstochter von ihrer Mutter an einen einarmigen Wanderarbeiter verschachert, der sie dann auf der Hochzeitsreise in der ersten Raststätte sitzen lässt. Zuvor hatte er sich als rühriger Mann von „trotziger Würde“ empfohlen, der mit einem Arm mehr schafft als andere mit vieren. Man darf eben keinem trauen.

Dass O’Connor jetzt wiederentdeckt wird in Deutschland, hat auch damit zu tun, dass ihre Themen – das Misstrauen gegenüber Fremden und Migranten, der Rassismus, das evangelikal-ultrakonservative Amerika der Südstaaten – im Zeichen der Flüchtlingskrise und des Trumpismus gerade sehr aktuell wirken. Bei der 60-seitigen Erzählung „Der Flüchtling“ wird einem geradezu schwindlig im Spiegelkabinett der Vorurteile und Ressentiments.

Auch hier ist der Schauplatz eine kleine Farm, auch hier wird das „Idyll“ aufgestört durch „Eindringlinge“, ohne welche die knorrige Mrs. McIntyre ihr Gut allerdings nicht bewirtschaften könnte: „weißes Gesindel“, „Nigger“ (wie in der Erzählwelt Faulkners ist das N-Wort unvermeidbar) und dazu auch noch Holocaust-Flüchtlinge aus Europa. In diesem Fall ein Pole, der unermüdlich schuftet und repariert, aber sich gerade dadurch keine Freunde unter den anderen Randgruppen- und Minderheitenvertretern macht.

Ensemble hinterwäldlerischer Vorurteile

Der Rassismus wird am deutlichsten in „Alles, was aufsteigt, muss sich begegnen“. Ein junger, erfolgloser Schriftsteller begleitet seine Mutter zu ihrem „Abnehmkurs“ durch die Stadt. Seit der Aufhebung der Rassentrennung traut sie sich nicht mehr, alleine Bus zu fahren. Diese ältere Frau wird mit ihrem ganzen Ensemble hinterwäldlerischer Vorurteile vorgeführt; die eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist jedoch der Sohn, der seine Mutter und ihre Kleinkariertheit hasst. Und sich selbst für ungemein aufgeschlossen hält: „Wenn er allein mit dem Bus fuhr, legte er es darauf an, neben einem Neger zu sitzen, gewissermaßen als Wiedergutmachung der Sünden seiner Mutter.“

Gerne würde er ihr eine Lektion erteilen: „Er stellte sich vor, seine Mutter sei auf den Tod krank und er könne nur einen Negerarzt für sie auftreiben.“ Kurz: Dieser Sohn ist eine so fragwürdige Gestalt wie die Mutter, die am Ende der Busfahrt einem „niedlichen“ schwarzen Kind eine Münze schenken will und von dessen Mutter wegen dieser herablassenden Geste niedergeschlagen wird – auch diese „korpulente Farbige“ ist als Wutbürgerin anderer Art eine suspekte Figur.

Geht es aber nur darum, die Borniertheit und Selbstgerechtigkeit typischer Südstaatler aufzuspießen – damit wir uns bei der Lektüre wieder einmal besser fühlen? Wer Flannery O’Connor auf diese Weise für eine heutige Moral instrumentalisierte, würde einer anderen Form der Selbstgerechtigkeit in die Falle gehen. Die Südstaaten sind für sie keine verächtliche Welt, sondern ein repräsentatives Spielfeld des Menschlichen. Alabama ist überall, Georgia ebenso. Und von dort aus gesehen erscheint gerade das ferne, kriegerische Europa als „geheimnisvoll und böse, das Experimentierfeld des Teufels“. Vor allem bekommt hier eben auch die andere Seite ihr Fett weg.

Dynamik in einer verfestigten Welt

In der kafkaesk anmutenden Erzählung „Die Lahmen werden die ersten sein“ wird ein Gutmensch aufs Korn genommen, ein Sozialpädagoge. Seinen eigenen Sohn, den er für verwöhnt und unintelligent hält, behandelt er mit irritierender Lieblosigkeit, während er all seine Fürsorge und Zuneigung dem polizeibekannten Problemjugendlichen Rufus Johnson zuwendet, bei dem er viele verkannte Talente schlummern sieht. Er nimmt ihn sogar zu sich ins Haus auf, um seinem Sohn endlich das Teilen beizubringen – das Desaster ist vorprogrammiert.

Der üble Rufus mit dem Klumpfuß wirkt wie eine Allegorie des Bösen, ebenso die drei fremden Jungen, die in der Erzählung „Ein Kreis im Feuer“ die Farm von Mrs. Pritchard unsicher machen – sie kommen eines Tages daher wie eine perfide Ausgabe von Tick, Trick und Track. Die Farmerin versucht es mit einer bemühten Form von Willkommenskultur: „Ich freue mich, dass ihr hier seid, Jungs ... Aber ich erwarte auch, dass ihr euch wie Gentlemen benehmt.“ Nichts könnte ihnen ferner liegen. Sie lassen ihr „lästerliches Lachen“ aus den Büschen hören, reiten die Pferde ohne Sattel, lassen den großen Bullen frei und stecken schließlich den Wald in Brand.

Flannery O'Connor wedelt aber nie mit dem moralischen Zeigefinger, vielmehr ist den grotesken Bösewichten ihrer Geschichten eine subversive Sympathie sicher: weil sie Kräfte der Auflösung sind und Dynamik in die althergebrachte, verfestigte Welt bringen. Die Literatur könne nicht „in einem Klima gedeihen, in dem der Teufel nicht wahrgenommen“ werde – dieser sei vielmehr eine „dramatische Notwendigkeit für den Schriftsteller“. Das sagte eine Autorin, die zwar die religiöse Heuchelei aufgespießt hat, aber selbst eine gläubige Katholikin war und sich täglich zur Messe fahren ließ. Ihre Moral mag nicht von dieser Welt sein; ihre Erzählungen dagegen sind eine Welt für sich, die es zu entdecken lohnt.

Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys. Aus dem Englischen von Anna Leube und Dietrich Leube. Arche Verlag, Zürich 2018. 347 Seiten, 22 €.

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