Susanne Fritz' "Wie kommt der Krieg ins Kind?" : Halb im Schwarzwald, halb in Polen

Susanne Fritz' Mutter wurde 1945 mit 14 Jahren als Zwangsarbeiterin in Polen interniert. Die Autorin hat ein Buch über das Familientrauma geschrieben.

Susanne Fritz, geboren 1964 in Furtwangen im Schwarzwald.
Susanne Fritz, geboren 1964 in Furtwangen im Schwarzwald.Foto: Burkhard Riegels

Am liebsten, vermutet Susanne Fritz, „hätten meine Eltern mich eingefroren, ihr Kind konserviert“. Mit dem Beginn der Adoleszenz ging die Mutter zu ihr auf Distanz, wurde skeptisch und abweisend, als wollte sie die Zeit anhalten, um durch das Werden und Wachsen der 1964 geborenen Tochter nicht noch einmal an die eigene Jugend erinnert zu werden.

Im April 1945, mit 14 Jahren, war sie aus einem Treck deutscher Flüchtlinge in Polen herausgegriffen und als Zwangsarbeiterin interniert worden. Vier Jahre verbrachte sie im Lager von Potulice, heiratete nach der Freilassung einen Mann, der aus demselben polnischen Ort bei Poznan kam wie sie, zog in den Westen, in den Schwarzwald, bekam drei Söhne und dann die Tochter. Kinder, denen sie nur Fragmente ihrer frühen Biografie vermittelte, blitzhaft aus dem beklemmendem Schweigen ausbrechende Szenen. Dass sie im Lager kahl geschoren wurden. Dass sie sich nachts auf ihren Brettern und Strohsäcken nur auf Kommando eines Wärters umdrehen durften. Oder dass sie tagsüber schwere Waldarbeit verrichteten. Mit einem Bleistiftstummel schrieb die Mutter im Lager Gedichte.

Doch zu Hause sagte sie vor allem, dass „es nicht erzählt werden kann und nicht erzählt werden darf“. Was war „es“? Was verbarg sich hinter den „Ungereimtheiten“, den „Wissenslücken“? Jede Zeile der literarischen Archäologie ihrer Familie muss Susanne Fritz, zunehmend freier, dem mütterlichen Verbot entwinden: „Ich will etwas erzählen und darf es nicht.“ (Wie kommt der Krieg ins Kind? Wallstein Verlag, Göttingen, 268 S., 20 €.)

Polen und Schwarzwald, Damals und Gegenwart

Ohnehin wagt sich Susanne Fritz erst nach dem Tod ihrer Mutter an die Suche nach deren Geschichte und dem Herkunftsort der Eltern, dem Städtchen Schwersenz/Swarzed, „immer ein erzählter, fiktiver Ort, wie seine Bewohner erzählte, fiktive Bewohner waren, von denen manche plötzlich auf Besuch in unserem Garten standen“.

Im Schwarzwald waren „Polen-Pakete“ gepackt worden, Hilfssendungen an die Verwandten im Osten. Die Mutter, Ingrid Charlotte, geboren als Tochter eines Bäckers im Oktober 1930, lebte in zwei Zeiten und zwei unbewusst miteinander verwobenen Welten, in Polen und im Schwarzwald, im Damals und in der Gegenwart. In der Atmosphäre beider Welten wuchsen ihre Kinder auf – so kam der Krieg in die Kinder.

War der Großvater „Schutzpolizist“ im Lager?

Dem Gestrüpp aus Tabus und Skrupeln stellt sich das Erkenntnisinteresse der Tochter entgegen. Alles wird reflektiert: wie die Tochter den Fingerabdruck der Mutter in der Akte eines polnischen Archivs entdeckt, die Enkelin die NSDAP-Mitgliedschaft des Großvaters im Bundesarchiv erkundet und die Tagebücher der Mutter liest, in denen Daten ohne weitere Erklärung mit Ausrufezeichen markiert sind, auch Fotografien von Verwandten in Uniform oder Sonntagsstaat. Fritz verflicht eine Familiengeschichte über drei, vier Generationen mit der der großen deutsch-polnischen Geschichte, ohne je in den Klageton der Vertriebenenliteratur zu geraten. Um Halt zu finden, zitiert die Erzählerin Primo Levi, Thomas Mann, Hannah Arendt, Siegfried Lenz bei ihren Grabungsarbeiten.

Das Lager Potulice war, ehe ihre Mutter dort eintraf, ab 1942 ein NS-Außenlager des KZ Stutthof. War der Großvater als „Schutzpolizist“ hier tätig gewesen? Was hatte die Vorfahren der deutschen Minderheit bewogen, im 19. und 20. Jahrhundert wechselnde Loyalität mit Preußen oder polnischen Aufständischen zu zeigen? Was hatten sie nach dem Überfall der Wehrmacht über die Lager gewusst, was über die antisemitischen Gräueltaten? Wie in Millionen deutscher Familien überwölbten unerzählte Traumata und Schuldzusammenhänge die Tatsachen und erst recht die Affekte. Zu Lebzeiten hatte die Mutter der Tochter einmal ihr Tagebuch in die Hand gedrückt. Während sie darin las, war die Mutter „so nervös hinter mir auf und ab gegangen, dass ich kein Wort behielt“. Tatsächlich scheint oft erst mit dem Abschied von den Eltern die Arbeit an deutschen Tabus einsetzen zu können. Susanne Fritz zeigt dies überzeugend.

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