Tankred Lerchs Jugendroman „Der Rüberbringer“ : Wenn alles schief geht

Der Chefautor für die „Krömer – Late Night Show“ legt einen Roman vor, der vielen Jugendlichen aus der Seele sprechen dürfte.

Ulrich Karger
Tankred Lerch widmet sich in seinem Buch dem schwierigen Thema Suizid.
Tankred Lerch widmet sich in seinem Buch dem schwierigen Thema Suizid.Foto: imago/Panthermedia

Seit er denken kann, schwebt über Red eine dunkle Wolke. Sie färbt Sonnentage grau und lässt das Gefühl der Nichtsnutzigkeit auf ihn herabregnen. Mit seinen sechzehn Jahren hält Red sich für einen ausgemachten Loser, einen „Megaspacko“, der nichts beginnen, geschweige denn zu Ende bringen kann. Selbst sein Suizidversuch ist offenbar missglückt. Red wacht auf einer Station in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf. Immerhin schützt ihn der Arzt vor den verständnislosen Eltern und verschreibt Red zuallererst Ruhe. Dazu noch entsprechende Medikamente und Gruppensitzungen. Doch da ist auch noch Joe, der schon kurz nach Reds erstem Aufwachen an seinem Bett sitzt und ihn mit seltsamen Fragen und Vorschlägen traktiert. Red würde Joe gern loswerden, dumm nur, dass außer ihm keiner Joe sieht. Jedenfalls fast keiner, denn Red wird zusammen mit Joe noch auf zwei andere treffen, die Joe auch schon kennengelernt haben – und froh sind, dass Joe nun Red und nicht mehr ihnen Gesellschaft leistet …

Tankred Lerch war unter anderem Chefautor für die „Krömer – Late Night Show“ (ARD). Nach seiner bislang einzigen Buchveröffentlichung als Co-Autor von Kurt Krömers „Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will. Zu Besuch in Afghanistan“ (2013) hat er mit „Der Rüberbringer oder Ein irrer Trip zwischen Leben und Tod“ einen Jugendroman vorgelegt. Darin gewinnt er selbst dem Selbstmordversuch eines Jugendlichen bizarre Situationskomik ab.

Zugleich hat er aber auch mit sehr viel Empathie für die Ich-Perspektive seines jugendlichen Antihelden einen Ton gefunden, der seine Resignation vor dem ihn überfordernden Weltschmerz glaubhaft macht. Kleinere sprachliche Widersprüchlichkeiten auf den ersten Seiten sind da zu vernachlässigen, wenn er zum Beispiel Red sich wenig altersgemäß über sich selbst „schmunzeln“ lässt. Dass Red hingegen eine Vorliebe für Oldies und anderes aus der Generation des Autors teilt, ist geschickt, hilft es doch, den Sprachcode Jugendlicher auf das Allernötigste zu reduzieren.

Joe ist nicht der einzige „Rüberbringer“ mit dem es Red zu tun bekommt. Den anderen lernt er erst am Schluss als solchen kennen. Reds Erlebnisse mit beiden und die überraschende Auflösung ihrer Herkunft und Motive werden hier natürlich nicht verraten. Zu Joe sei immerhin soviel gesagt, dass er ein geschickter Verführer ist, gerade weil er mit seinem Gerede über Mädchen und Frauen Reds Schüchternheit wie auch seinen Sinn für politische Korrektheit arg strapaziert – und zugleich den Nerv für Jungs in diesem Alter trifft. Joes mephistophelisch angehauchte Sicht wird zudem von (jungen) Frauen unterlaufen, die in diesem Roman mindestens gleich stark, wenn nicht stärker als die männlichen Protagonisten auftreten. Auch wenn die meisten Jugendlichen zum Glück vor einem Suizid zurückschrecken, dürfte dieser Entwicklungsroman (insgeheim) vielen aus der Seele sprechen und das, womit Joe Red zu verführen sucht, auch bei ihnen großen Anklang finden. Und manchmal hilft es ja schon, wenn man lernt, über sich selbst zu lachen.

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