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Der Flughafen Tempelhof wird erstmals seit 2015 wieder zur Konzert-Location.

© Claudius Pflug

Tagesspiegel Plus

Tempelhof Sounds Festival: „Das sind die Momente, in denen ich weiß, warum wir das machen“

An diesem Wochenende startet das erste Musikfestival Tempelhof Sounds in Berlin. Veranstalter Stephan Thanscheidt über seine Highlights, Lärmschutz und Gendergerechtigkeit.

Stephan Thanscheidt, Tempelhof Sounds ist das erste große Pop-Festival in Berlin seit Pandemiebeginn. Nach dieser langen Zeit des Bangens und ständigen Verschiebens – können Sie es überhaupt fassen, dass es wieder losgeht?
Wir glauben total daran und es fühlt sich ganz hervorragend an. Als wir das Festival im vergangenen Oktober angekündigt haben, gingen wir davon aus, dass wir pandemiebedingt aus dem Gröbsten raus sind. Doch die Omikron-Welle hat uns dann ja noch einmal länger beschäftigt als erwartet.

Die Planungen für ein Projekt dieser Größenordnung gingen aufgrund unserer Erfahrungen und Kontakte zwar gut von der Hand, aber die äußeren Umstände waren dennoch herausfordernd. Die öffentliche Begeisterung war glücklicherweise schon am ersten Tag der Ankündigung spürbar.

Wird es auf dem Festivalgelände noch Corona-Sicherheitsmaßnahmen geben?
Nein, nach derzeitigem Stand nicht. Es gibt Dinge, die empfohlen werden, aber nichts, was verpflichtend eingehalten werden muss. Es wird Mehraufwände im Sanitärbereich geben und selbstverständlich können alle, die es möchten, eine Maske tragen. Darüber hinaus ist aber nichts geplant.

Der Start von Tempelhof Sounds ist gleichzeitig das Comeback des Flughafens Tempelhof als Konzertlocation. Seit über sechs Jahren gab es dort kein Festival mehr. Wie kam es zu dieser Ortswahl?
Wir lieben den Flughafen, das ist eine ganz tolle Konzertlocation – so wie das Tempelhofer Feld für ganz Berlin ein wichtiger Ort ist. Wir haben dort schon andere Konzerte veranstaltet, kennen das Gelände gut und fanden, dass es der perfekte Ort ist für ein großes, cooles Festival.

Stephan Thanscheidt, 45, ist Geschäftsführer des Veranstalters FKP Scorpio.
Stephan Thanscheidt, 45, ist Geschäftsführer des Veranstalters FKP Scorpio.

© Carsten Christians/FKP Scorpio

Der Flughafen ist mitten in der Stadt. Bei Festivals gibt es oft Lärmbeschwerden. Kann es überhaupt richtig laut werden?
Wir achten sehr darauf, die Lärmemissionen in den vorgegebenen Limits zu halten. Beim Aufbau der Soundanlage und der Konzeption des gesamten Festivals haben wir uns diesbezüglich viele Gedanken gemacht. Und wir glauben, dass es absolut ausreicht, um tolle, druckvolle und energetische Konzerte zu erleben, ohne das Umfeld zu stark zu belasten.

Wie viele Bühnen wird es geben?
Es wird drei Bühnen geben, die alle auf der Betonfläche vor der historischen Kulisse des Tempelhofer Flughafens stehen. Wir haben uns bemüht, das Festival relativ kompakt zu halten, um eine schöne Atmosphäre zu gewährleisten, in der die Musik im Mittelpunkt steht. Wir haben keinen Rummelplatz oder ähnliche Dinge. 

Schluss ist schon um 22 Uhr, da ist es noch hell. Ist das dem Lärmschutz geschuldet?
Das ist eine Auflage, die innerstädtisch in Deutschland in vielen Städten Standard ist. Insofern ist um 22 Uhr Schluss mit dem Bühnenprogramm. Die Gäste können noch ihr Bier in Ruhe austrinken und einem DJ zuhören, aber das Bühnenprogramm ist dann beendet.

Die britische Musikerin Holly Humberstone tritt in Tempelhof auf.
Die britische Musikerin Holly Humberstone tritt in Tempelhof auf.

© Promo

Das Tempelhof Sounds Festival wird als inklusiv, nachhaltig und diskriminierungsfrei angekündigt. Wie sieht das aus?
Ökologische Nachhaltigkeit steht bei uns ganz vorn. Wir werden den Großteil unserer Infrastruktur mit Feststrom versorgen und nicht mit Dieselaggregaten arbeiten, wie das sonst bei Festivals oft üblich ist. Wir haben eine neue Form des Abfallmanagements, bei dem wir stark darauf achten, Müll zu vermeiden. Es sollen möglichst wenig Plastik- und Einwegprodukte verwendet werden. Außerdem gibt es ein hochwertiges, nachhaltiges Speiseangebot.

Im Sanitärbereich setzen wir auf Komposttoiletten und Wassertoiletten, also keine Dixi-Klos mit Chemie. Wir haben die Anreise unserer Gäste so angelegt, dass Emissionen ausgeglichen werden können. Das gilt auch für alle Crews, Künstler*innen und unser Team. Es gibt Fahrradparkplätze und eine ÖPNV-Karte ist in unserem Ticket enthalten.

Wie sieht es in Sachen Gendergerechtigkeit beim Line-up aus?
Wir sind stolz, als erstes Major-Festival in Deutschland ein Line-up mit einem höheren Prozentsatz an weiblichen als männlichen Acts zu haben.

Die britische Post-Punk-Band Idles.
Die britische Post-Punk-Band Idles.

© Promo

Das funktioniert aber nur, wenn man gemischte Acts als weiblich zählt.
Seit einigen Jahren wird das international auf diese Weise gezählt. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, wenn es sich um weibliche Protagonisten handelt. Aber auch wenn man die gemischten Bands nicht mitrechnet, haben wir immer noch mit Abstand die beste Quote unter den deutschen Festivals in unserer Größenordnung.

Bei Diversität geht es ja nicht nur um die Genderfrage. Uns ist aufgefallen, dass fast nur weiße Menschen spielen.
Darüber haben wir uns natürlich auch Gedanken gemacht. Es war am Ende den Verfügbarkeiten geschuldet. Aber in der gesamten Gemengelage ist es ein sehr gutes Ergebnis. Die nächsten Jahre lässt sich das noch weiter auf- und ausbauen.

Dass das Line-up so weiß ist, hat natürlich auch mit dem Fokus auf Gitarrenmusik zu tun. Wie kam es zu dieser Setzung?
Das war genau das, was wir machen wollten. Es gibt in Berlin ja schon Festivals, die andere Bereiche abdecken, mehr in Richtung Pop oder Elektronik gehen. Unser Ziel war es, ein internationales, erwachsenes Gitarrenfestival zu konzipieren. Es gibt einige Ausflüge in andere Bereiche, aber letztlich hält die Gitarre das Line-up von Tempelhof Sounds zusammen. Sie ist das Instrument, das im Vordergrund steht.

Man kann es auch als Retro-Line-up bezeichnen, teils standen die Headliner schon vor 20 Jahren in ihrem Zenit. Eine Beschimpfung oder ein Lob?
Weder noch, weil es nicht stimmt. Natürlich gibt es mit Muse, Interpol oder The Strokes Bands, die schon lange dabei sind. Aber man muss auch schauen, was noch auf der Hauptbühne passiert: Wir haben die Sleaford Mods, Idles, Alt-J, Fontaines D.C. und Royal Blood – das sind alles aktuellere Acts.

Oder Griff auf der dritten Bühne als Headliner am Sonntag, die gerade ein aufgehender Stern am britischen Musikhimmel ist. Und da gibt es viele weitere wie etwa Holly Humberstone. Aber natürlich braucht man die großen Namen mit der Strahlkraft und dem Wiedererkennungseffekt. Die Mischung muss am Ende stimmen.

Griff zählt zu den hoffnungsvollen Newcomerinnen, die beim Festival zu sehen sein werden.
Griff zählt zu den hoffnungsvollen Newcomerinnen, die beim Festival zu sehen sein werden.

© Riccardo Castano

Internationales Rockfestival bedeutet auch, dass keine deutschen Bands als Headliner auftreten. Aber mit den Ärzten, den Toten Hosen oder den Beatsteaks gäbe es ja durchaus auch einige Bands, die da reinpassen würden.
Das Konzept war einfach ein anderes und wir wollten diesem roten Faden treu bleiben. Es bringt ja nichts, ein weiteres Hurricane Festival oder ein weiteres Highfield Festival auf dem Tempelhofer Flughafen zu veranstalten. Die gibt es in unserem Festival-Portfolio ja schon. Wir wollten etwas anderes anbieten, und wie der sensationelle Vorverkauf andeutet, funktioniert es ja auch. 

Wie viele Zuschauer*innen erwarten Sie pro Tag?
Wir erwarten an allen drei Tagen je über 30 000 Besucher*innen. Der Großteil der Besucher*innen hat Tickets für das gesamte Wochenende gekauft.

Berlin hat mit dem Pop-Kultur-Festival, Lollapalooza sowie vielen kleineren Events eine hohe Festivaldichte. Jetzt kommt noch Tempelhof Sounds dazu. Fürchten Sie nicht eine Übersättigung?
Das ist schwierig zu beantworten. Wann ist ein Markt gesättigt? Wir haben uns den Markt genau angeguckt und ein Konzept entwickelt, das sich stark unterscheidet von den anderen Festivals. Und genau das ist es, was uns schon im ersten Jahr einen sehr großen Erfolg beschert hat.

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Angesichts der Klimakatastrophe könnte man sich auch fragen, ob man große Festivals überhaupt noch verantworten kann. Hat sich das Format nicht überlebt?
Das sehe ich überhaupt nicht so, Festivals werden dringend gebraucht. Kultur ist der soziale Kitt unserer Gesellschaft. Das haben uns die letzten zweieinhalb Jahre deutlich gezeigt.

Natürlich muss man damit verantwortlich umgehen und alles Notwendige tun, um den Fußabdruck zu minimieren oder sogar komplett verschwinden zu lassen. Glücklicherweise gibt es dazu heute Möglichkeiten. Unverantwortlich ist es, diese Maßnahmen nicht zu ergreifen und dann so ein Festival durchzuführen.

Können wir denn davon ausgehen, dass Ihr Festival in Serie geht?
Das ist selbstverständlich, für ein Mal wäre der Aufwand deutlich zu groß. Gerade solche Großprojekte konzipieren wir nicht nur für ein Jahr. Wir wollen im Juni 2023 mit der zweiten Ausgabe von Tempelhof Sounds zurück sein.

Eine persönliche Frage: Was ist der Moment, dem Sie entgegenfiebern?
Gerade bei einem neuen Festival ist immer der Moment besonders schön, wenn die Tore zum ersten Mal aufgehen und man die strahlenden Gesichter der Menschen sieht, die sich umgucken, neugierig sind und euphorisch. Ebenfalls überwältigend ist für mich der Moment, wenn die Headliner spielen und alle Menschen vor der Hauptbühne die Zeit ihres Lebens haben. Das sind die Momente, in denen ich weiß, warum wir das machen. Das ist auch ein bisschen der Handwerkerpart: Ich fühle dann, dass das, woran wir ein Jahr gebaut haben, funktioniert.

Verrät der Handwerker auch sein persönliches Highlight?
Ja, obwohl das für Booker immer schwer zu sagen ist. Ich freue mich sehr auf die Sleaford Mods, auf die Idles und die Strokes. Aber auch auf Griff und Holly Humberstone. Als Booker zählt für mich das Programm in seiner Gesamtheit in der richtigen Mischung. Und ich bin wirklich begeistert, viele der Acts jetzt endlich zu sehen, die wir über die Monate versucht haben, für unser neues Lieblingsfestival zu gewinnen.

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