"The Kindness of Strangers" : Berlinale startet mit einem warmen Großstadtmärchen

Zur Eröffnung der Berlinale erzählt die dänische Regisseurin Lone Scherfig in „The Kindness of Strangers“ von einer Schicksalsgemeinschaft in New York.

Jeff (Caleb Landry Jones) und Alice (Andrea Riseborough) gehören zu den verlorenen Seelen New Yorks.
Jeff (Caleb Landry Jones) und Alice (Andrea Riseborough) gehören zu den verlorenen Seelen New Yorks.Foto: Per Arnesen

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Der Wettergott scheint es in diesem Jahr mit den Berlinale-Gästen gut zu meinen, jedenfalls pfeift am Eröffnungstag nicht dieser februar-typisch scharfe Wind durch die Häuserschluchten am Potsdamer Platz. Dafür geht es in Lone Scherfigs Ensemblefilm „The Kindness of Strangers“ winterlich, um nicht zu sagen weihnachtlich, zu. Pudelmützen werden zur Premiere trotzdem nicht ausgehändigt, stattdessen wärmt die dänische Regisseurin ihr Publikum ganz innerlich. Das madonnenhafte Gesicht Zoe Kazans, große Kinderaugen, eine Krankenschwester, die sich vor lauter Hilfsbereitschaft fast selbst aufopfert, und immer wieder der Blick in die Armenhäuser Amerikas, in denen die Obdachlosen New Yorks vor der Kälte Unterschlupf suchen – oder für eine wärmende Suppe.

Die Güte der Mitmenschen

Was ist das für eine Wohlstandsgesellschaft, die nicht mal für ihre schwächsten Mitglieder aufkommen kann, fragt „The Kindness of Strangers“ rhetorisch und liefert im Titel die Lösung gleich mit: Die Menschen am Rande der sozialen Peripherie müssen eine Schicksalsgemeinschaft bilden. „Ich war immer auf die Güte von Fremden angewiesen“, sagt Blanche am Schluss von „Endstation Sehnsucht“, Scherfig hat sich den Satz von Tennessee Williams für ihren Film geliehen, wendet die implizite Resignation aber in einen schwachen Ausdruck von Hoffnung. Zur Not müssen die working poor sich eben untereinander helfen, auch das zeichnet den Zusammenhalt einer Gesellschaft aus.

Lone Scherfig gewann 2001 mit „Italienisch für Anfänger“ den Großen Preis der Berlinale-Jury.
Lone Scherfig gewann 2001 mit „Italienisch für Anfänger“ den Großen Preis der Berlinale-Jury.Foto: AFP

Da ist Clara (Zoe Kazan, ihr Großvater verfilmte den Williams-Klassiker mit Marlon Brando und Vivien Leigh), die mit ihren zwei Söhnen vor ihrem gewalttätigen Ehemann, einem Polizisten, nach New York flüchtet und dort ihre letzten Habseligkeiten verliert. Oder Jeff (Caleb Landry Jones), der ebenfalls seinen Platz in der Gesellschaft sucht, aber Job um Job und schließlich sein Zimmer verliert – um dann in der Obhut von Alice (Andrea Riseborough) zu landen, die neben ihrem Job als Krankenschwester in der Notaufnahme noch eine Selbsthilfegruppe leitet und in der Suppenküche ihrer Kirchengemeinde aushilft. Und schließlich der Pro-Bono-Anwalt John (Jay Baruchel), der daran verzweifelt, dass er die Unschuldigen – wie seinen Schützling Marc (Tahar Ramin) – nicht vor dem Gefängnis bewahren kann, aber mitansehen muss, wie die Täter immer wieder freikommen.

Charles Dickens in New York

Scherfig versammelt dieses rührige Charles-Dickens-Personal in dem menschenfeindlichen Moloch, dessen verborgene Schönheit man noch erahnen kann, wenn man die Fenster zum benachbarten Konzerthaus öffnet – und wo dann, weil „The Kindness of Strangers“ es mit gut gemeinten Klischees eben doch schwer übertreibt, natürlich Smetanas „Moldau“ erklingt. „Ihr habt eine Bildung verdient“, beschwört Clara ihre beiden Söhne, wenn sie diese in der Bibliothek zurücklässt, um sich auf ihre Streifzüge nach Essen – oder einem Paar High Heels – zu begeben.

Berlinale 2019 - Die Wettbewerbsfilme
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1 von 25Foto: Per Amesen / Berlinale
29.01.2019 09:18Der chinesische Regisseur Wang Quan’an kehrt mit "Öndög" in die mongolische Steppe zurück, wo auch schon sein Bären-Gewinner...

In einer gerechten Welt würde „The Kindness of Strangers“ als großes Starkino durchgehen. Kazan, Riseborough, Jones, Ramin, Baruchel, dazu Bill Nighy, der den Besitzer eines russischen Restaurants spielt, in dem sich die Wege der Verlorenen immer wieder kreuzen, liefern auch ohne den ganz großen Hollywood-Glamour kleine Sternstunden, die ihnen Scherfigs Drehbuch schenkt. Ihre Miniaturen von Situationskomik sind in „The Kindness of Strangers“ allerdings stärker als die Dramaturgie des Films. Die Dialoge klingen meist genauso gestanzt wie der penetrante Einsatz von Streichern konfektioniert.

Aber man muss Scherfig diese Konzessionen an das Mainstreamkino wohl nachsehen. Schlimm genug, dass es zuletzt auffällig oft europäische Regisseurinnen waren, die Amerika von außen zu verstehen versuchten - etwa Andrea Arnold mit „American Honey". Wenn es der eigene Präsident schon nicht schafft.

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