"Tongue Twisters" von Modjgan Hashemian : Sag doch mal Rettungsinsel

Tanz mit Sprachlektion: Die Berliner Choreografin Modjgan Hashemian präsentiert "Tongue Twisters“ im Radialsystem.

Körpersprache. „Tongue Twisters“ ist in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater entstanden.
Körpersprache. „Tongue Twisters“ ist in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater entstanden.Foto: Dieter Hartwig

Münder, die sich öffnen und zusammenziehen, Zungen, die hervorschnellen und sich einrollen: Zu Beginn der Tanzperformance „Tongue Twister“ werden mithilfe von Vergrößerungsspiegeln erst mal die physiologischen Voraussetzungen des Sprechens untersucht. Fast wundert man sich, dass mittels dieser Werkzeuge tatsächlich Sinn produziert wird. Oder eben auch nicht. Modjgan Hashemian zeigt in ihrer neuen Arbeit, wie sehr das Sprechen an den Körper gebunden ist – und wie es umgekehrt auf ihn einwirkt. Sie zeigt aber auch, wie man mit dem Körper kommunizieren und damit vielleicht in ganz andere Bereiche vorstoßen kann.

Dass die Berliner Choreografin immer wieder das Verhältnis von Sprache und Körper untersucht, ist in ihrer Biografie begründet. Als Kind hatte Modjgan Hashemian das Gefühl, „immer mit der falschen Sprache am falschen Ort zu sein“. Ihre Eltern pendelten ständig zwischen Teheran und Berlin, bis sie nach der Islamischen Revolution schließlich ganz hierher zogen. Schon als Kind achtete Hashemian deshalb stark auf die Körpersprache. In ihren Stücken sieht man die Performer oft um freien Ausdruck ringen, in „Don’t Move“ etwa thematisiert sie das Tanzverbot im Iran. Oft integriert sie aber auch Sprache in ihre Stücke. Und sie denkt sich kreative Methode aus, wie man eine neue Sprache erlernen kann. Der iranische Tänzer Kaveh Ghaemi durfte keinen Deutschkurs besuchen, nachdem er einen Asylantrag gestellt hatte. Das brachte Hashemian auf die Idee, die Tanzproben mit Sprachlektionen zu kombinieren. So entstand das Workshop-Format „Der Die Das Körper“, das sie auch in Willkommensklassen an Schulen erprobt hat. Daran knüpft sie nun in „Tongue Twisters“ an.

Sprache ist auch ein Herrschaftsinstrument

Die Tänzer versuchen sich an Zungenbrechern aus verschiedenen Sprachen, auch ein Deutschtest muss absolviert werden. Die Performer rufen dem Italiener Michele Meloni je ein Wort zu wie Baum, Schnecke oder Rettungsinsel. Errät er den richtigen Artikel, darf er passieren, als Grenze dienen Neonstäbe. Anfangs ist alles ein vergnügliches Spiel. Doch die Wächter werden zu einer Art Sprachpolizei: „Ausländerbehörde“ rufen sie in scharfem Ton, „Asylrecht“. Die unselige Debatte über Integration schiebt sich kurz in den Vordergrund. Sprache ist auch ein Herrschaftsinstrument, das wird deutlich. Doch zum Glück stehen dem lernbegierigen Meloni patente Berliner Kids bei. Zwei Mädchen legen später einen kurzen Rap hin und stellen klar, dass Übersetzen für sie kein Problem ist – und die Zunge brechen sie sich schon gar nicht. Um Übersetzungen geht es im Tanzstück. Sprachregeln werden in „Tongue Twisters“ in choreografische Anweisungen umgewandelt, aber auch die Regeln von Spielanleitungen untersucht und in einen körperlichen Ausdruck übersetzt. Auch eigene Spiele hat die Gruppe sich ausgedacht.

Eine der stärksten und auch lustigsten Szenen zeigt das Besprechen der Körper. Candas Bas redet in verschiedenen Sprachen auf die Performer ein, mal einschmeichelnd, mal im bellenden Befehlston. Die Angesprochenen zucken bei den verbalen Attacken, verdrehen ihre Körper. Oder sie werden regelrecht zusammengestaucht von einem Wortschwall. In den Duos oder Trios deklinieren die Tänzer die Bewegungen auf absurde Weise. Docken die Performer in den Gruppenszenen aneinander an, kommen schon mal mal verrückte choreografische Phrasen dabei raus. Auf spielerische und humorvolle Weise bemüht sich das vielsprachige Ensemble um Verständigung. Man kann auf sehr vielfältige Weise kommunizieren, zeigt das Stück, die Regeln müssen dabei nicht immer strikt befolgt werden.

Das Radialsystem soll zeitgenössischer Berliner Tanz stärker zuhause sein

Mit „Tongue Twisters“ präsentiert das Radialsystem erstmals ein Kooperationsprojekt mit dem Maxim Gorki Theater. Am 8. Februar folgt „Hopeless“ von Sergiu Matis, ein gemeinsames Projekt mit der Tanzfabrik Berlin. Der neue Programmleiter Matthias Mohr will das Radialsystem stärker als Ort für die zeitgenössische Berliner Tanzszene etablieren. Möglich wird das stärkere Engagement für den Tanz, weil das Radialsystem für 2018/2019 erstmals eine infrastrukturelle Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro erhält. Proben und Aufführen sollen damit erschwinglicher werden. „Vorher konnten nur sehr gut geförderte Kompanien hier arbeiten“, sagt Mohr. „Jetzt könne wir ein anderes Segment, eine andere Generation von Künstlern ansprechen, die in der Mitte ihrer Karriere stehen, aber noch nicht an eine Institution gebunden sind. Künstler, die den kleineren Produktionsorten entwachsen sind und andere Aufmerksamkeit brauchen.“

Dass die Institutionen sich ins Gehege kommen, weil sie teils dieselben Künstler präsentieren, befürchtet Mohr nicht. „Ich glaube, der Kooperationsgedanke ist durchaus zeitgemäß: Nicht mehr diese einzelnen Institutionsburgen zu denken, sondern auch zu überlegen, wie kann man miteinander das Beste für die Künstler rausholen kann.“ Bedarf für einen Tanzort mittlerer Größe neben HAU und Sophiensälen gibt es durchaus. Ideal sei die Situation noch nicht, so Mohr, denn die Künstler müssen immer noch Geld mitbringen, wenn sie im Radialsystem auftreten wollen. Erstrebenswert fände er es, würde das Haus über eigene Programmmittel verfügen. Das ist Zukunftsmusik. Die Tanzszene kann sich erst mal über die stärkere Vernetzung der Häuser freuen.

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wieder am 3. Februar, 15 Uhr, Radialsystem

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