zum Hauptinhalt

Günter Grass und Martin Walser: Über die narzisstische Gekränktheit alter Männer

Ihre Handlungen sind selbstdestruktiv: Sie widersprechen ihren bewussten politischen Zielen, beschädigen ihr öffentliches Ansehen und lassen Zweifel an ihrer moralischen Integrität aufkommen.

„Wer in seiner Jugend nicht Sozialist war, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand!“ Die Volksweisheit formuliert die Erfahrung, dass man die Dinge im Alter oft gelassener sieht. Günter Grass widerspricht diesem Muster ebenso offensichtlich, wie es sein Schriftstellerkollege Martin Walser mit der Friedenspreisrede 1998 getan hat. Welcher Hafer hat sie gestochen, dass sie den Popanz einer „fast gleichgeschalteten“ Medienmacht aufbauen müssen, um sich dieser Übermacht dann heroisch entgegenzustemmen?

Beide, Grass und Walser, genießen Weltruhm. Sie wurden für ihr literarisches Werk vielfach ausgezeichnet, bewundert und als moralische Autoritäten geachtet, denn ihr gesellschaftspolitisches Engagement und ihre kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands wurde ihnen hoch angerechnet. Im Alter kam es dann bei beiden zu Skandalen, die jeweils zwei Höhepunkte hatten. Im ersten Anlauf entfachte Walser mit seiner provokanten Dankesrede auf die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die Walser-Bubis-Debatte, in der er sich uneinsichtig zeigte. 2002 setzte er mit seinem Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ noch eins drauf, indem er Marcel Reich-Ranicki in der kaum verhüllten Figur eines jüdischen Literaturkritikers zum Opfer eines Mordanschlags machte. Reich-Ranicki sagte dazu noch im Mai 2010: „Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten. Aber es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kritiker, der ihn angeblich am meisten gequält hat, auch noch Jude ist ... Sehen Sie, es hat von Grass nie eine antisemitische Zeile oder Bemerkung gegeben, keine einzige. Und über dessen Bücher habe ich gewiss nicht nur positiv geschrieben.“

In Bezug auf Grass sollte sich Reich-Ranicki getäuscht haben. 2006 löste Grass mit dem späten Bekenntnis, als 17-Jähriger zur Waffen-SS gehört zu haben, eine Debatte über seine Rolle als moralische Instanz in der Bundesrepublik aus. Sechs Jahre später nun sein Gedicht, in dem er vor Israel als einer Gefahr für den Weltfrieden warnt. Beide Schriftsteller handeln in der Überzeugung, nicht nur im Recht zu sein, sondern zur Wahrung ihrer Identität gar nicht anders handeln zu können, nach dem Motto: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Beide sind unbelehrbar, halsstarrig, selbstverliebt. Die Tragik besteht in der trotzig zur Schau gestellten Uneinsichtigkeit, der Weigerung zur Reue und der Selbstinszenierung als Opfer.

Walser und Grass agieren in hohem Maße politisch destruktiv. Ihre Verwendung antisemitischer Stereotypen könnte in Deutschland latent vorhandene Ressentiments nähren, findet bei den Ultrarechten offenen Beifall und spielt in Israel den Scharfmachern in die Hände. Allerdings entsprechen diese Auswirkungen nicht den öffentlich vertretenen Auffassungen der beiden. Sie sind keine ausgewiesenen Antisemiten. Insofern sind ihre Handlungen in hohem Maße selbstdestruktiv: Sie widersprechen ihren bewussten politischen Zielen, beschädigen ihr öffentliches Ansehen und lassen Zweifel an ihrer moralischen Integrität aufkommen.

Dass beide in einem zweiten Anlauf die erste Entgleisung noch überbieten, lässt auf einen unbewussten Wiederholungszwang schließen. Sie stehen im Bann eines inneren Konflikts, den sie ausagieren müssen, koste es, was es wolle. Grass artikuliert diesen inneren Zwang im Titel seines Gedichts: „Was gesagt werden muss“.

Bewusste Provokationen?

Warum sind Martin Walser und Günter Grass weder in der Lage, die erwartbaren Reaktionen vorherzusehen, noch sie selbstkritisch zu verwerten? Sind ihre Provokationen bewusst und absichtsvoll inszeniert? Charlotte Knobloch, damals Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte die Vermutung, bei dem späten Waffen-SS-Bekenntnis von Grass, das kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buchs gekommen sei, handele es sich um eine PR-Maßnahme. Aber selbst das macht nicht verständlich, warum beide Großschriftsteller zwei Mal hintereinander das Risiko der öffentlichen Demontage eingingen. Walser und Grass ernteten so zwar große öffentliche Aufmerksamkeit, aber die selbst verschuldete Beschädigung ihres öffentlichen Ansehens wiegt doch beträchtlich und bedarf einer psychologischen Erklärung.

Grass hält sich für einen der größten lebenden Schriftsteller. Er will beachtet und bewundert werden, auch für seine vermeintliche Weitsicht, die ihn die Probleme der Welt scheinbar besonders klar sehen lässt. Die Fähigkeit zu Selbstzweifeln, zur Einfühlung in die Befindlichkeit anderer hat er deshalb womöglich weitgehend verloren. Mit dem wachsenden Weltruhm schoss bei Grass wie bei Walser die Eitelkeit ins Kraut. Das Ergebnis ist eine Selbstüberhöhung, die im Alter groteske Formen annimmt. Der Altersnarzissmus hat begonnen, ihre Persönlichkeit zu untergraben, ihre soziale und politische Sensibilität zu zerstören und ihre kritische Selbstreflexion auszuschalten. Es handelt sich um jene „ganz gemeine Eitelkeit“, die der Soziologe Max Weber im Essay „Politik als Beruf“ als gefährlichste Berufskrankheit von Politikern ausmachte.

Das Altwerden geht mit Kränkungen einher, die das seelische Gleichgewicht auf eine harte Probe stellen. Zu den fundamentalen narzisstischen Kränkungen gehört das Nachlassen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit ebenso wie das Überflügeltwerden durch Jüngere und das Nachlassen der sexuellen Potenz. Im Alter wird man stärker abhängig von anderen Menschen, was das Selbstbild infrage stellt, ein autonomes Individuum zu sein. Insbesondere für Männer ist die reale oder gefürchtete Pflegebedürftigkeit oft eine Schreckensfantasie. Ihr Selbstbild von Unverletzlichkeit, Stärke und letztlich Unsterblichkeit wird brüchig. Sigmund Freud sah im Tod eine große narzisstische Kränkung.

Von einem 17-Jährigen erwartet man nicht, dass er immer den richtigen Ton findet. Von einem Nobelpreisträger schon.

Bei Günter Grass und Martin Walser hat sich über die Jahrzehnte ein aufgeblähtes Größenselbst entwickelt, das nun im Alter zu verblassen droht, weil die literarische Schaffenskraft nachlässt, die letzte Tinte im Füller versiegt und das Lebensende näher rückt. Die öffentliche Bühne wird ihnen nach und nach entzogen. Der Glanz in den Augen der Leser verblasst, er reicht nicht mehr aus als Quell narzisstischer Zufuhr. Dieser demütigenden Erfahrung stemmt Grass sich entgegen. Es findet eine Regression in jene Lebensphase statt, in der er sich als phallisch-narzisstischer Siegfried fühlen konnte und mit 17 Mitglied der Waffen-SS wurde. Die Verführungskraft nationalistischer, totalitärer, verbrecherischer Organisationen beruht ja darauf, dass sie Omnipotenzfantasien aufgreifen und instrumentalisieren, die zur Adoleszenz gehören.

Natürlich vertritt Grass heute nicht mehr die nationalsozialistische Ideologie. Aber in seinem Gedicht spricht er nicht mit der Weisheit eines Nobelpreisträgers, sondern ist von den Affekten gesteuert, die der emotionalen Welt eines fanatisierten, draufgängerischen Jugendlichen entstammen. Von einem 17-Jährigen erwartet man nicht, dass er immer den richtigen Ton findet. Von einem Nobelpreisträger ist ein feines Gespür für Takt, Anstand und Einfühlung hingegen nicht zu viel verlangt.

Der 84-jährige Günter Grass entspricht dem Typus des unbeirrbaren Narzissten. Sein öffentliches Agieren ist arrogant und aggressiv, ohne dass ihm dies bewusst wäre. Er möchte wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und greift zu einem Mittel, das hundertprozentig funktioniert: Da der Holocaust nach wie vor das zentrale Thema der Zeitgeschichte ist, garantiert eine provokante Äußerung zu diesem sensiblen Thema die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Offenbar tappen nicht nur geltungssüchtige Politiker in die Narzissmusfalle. Auch Großschriftsteller müssen zu dieser Spezies gerechnet werden.

Hans-Jürgen Wirth lehrt Sozialpsychologie an der Uni Frankfurt. Sein Buch „Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik“ ist im Gießener Psychosozial-Verlag erschienen.

Hans-Jürgen Wirth

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false