Ukraine-Roman „Das Mundstück“ : Fingernägel wie Monstranzen

Die Klagenfurter Autorin Bianca Kos erkundet in „Das Mundstück“ die Charkiw, die zweitgrößte der Ukraine. Ein rauer und urkomischer Roman.

Auf literarischen Streifzügen. Bianca Kos.
Auf literarischen Streifzügen. Bianca Kos.Foto: Assam

Was hat es nur mit diesem „Mundstück“ auf sich? Überall in der Charkiwer U-Bahn wird auf Plakaten mit einer griechischen Statue dafür geworben, bemerkt die Ich-Erzählerin in Bianka Kos’ Abenteuerroman.

Das ostukrainische Charkiw, 40 Kilometer südlich der russischen Grenze gelegen, erhielt 1975 als sechste Stadt der Sowjetunion eine U-Bahn mit drei Linien. Die rote führt zur Station „Traktorny Zavod“, der 1931 gegründeten Traktorenfabrik mit angeschlossenem Wohnviertel.

Aus der Perspektive einer österreichischen Lektorin, die an einer Charkiwer Universität Deutsch unterrichtet, lässt einen die Klagenfurter Autorin an der urkomischen Erkundung der zweitgrößten Stadt der Ukraine teilhaben.

Dabei fasziniert Charkiw Besucher nicht allein durch seine kühne konstruktivistische Architektur: „Um sich dieser Stadt sprachlich und auch seelisch etwas anzunähern, lässt man am besten ihre Vokale weg.

Sie klingt dann wie ‚Chrkw‘ und entspricht der ortsüblichen Aussprache. Für deutsche Zungen klingt das etwas rau, betrifft aber nur die äußere Schale. Der Kern dieser Stadt ist butterweich“, versichert die Ich-Erzählerin.

[Bianca Kos: Das Mundstück. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2019. 156 Seiten, 20 €.]

Sie staunt über die abweisend schweigsamen Babuschkas am Empfang der riesigen Verwaltungsgebäude oder über Maniküre-Gepflogenheiten: „Der heiligste Körperteil der ukrainischen Frau ist der Fingernagel, daher hat sie zehn heilige Körperteile und trägt diese immer bei sich. Sie werden hochgehalten wie Monstranzen.“

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Bianca Kos gelingt ein köstliches Capriccio über die Fährnisse des Kulturaustauschs mit Osteuropa. Charkiws berühmtester Poet Serhij Zhadan schwebt wie ein Phantom durch den Text, bis sie ihm in einem Nachtclub namens „Mundschtuk“ begegnet – so die Transkription. Das wundersame Charkiw hält noch viele weitere Überraschungen bereit.

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