• Ukrainischer Autor Serhij Zhadan: „Die Realität des Krieges ist nicht schwarz-weiß“

Ukrainischer Autor Serhij Zhadan : „Die Realität des Krieges ist nicht schwarz-weiß“

Im Gespräch mit dem ukrainischen Schriftsteller und Rockstar Serhij Zhadan, der mit „Internat“ einen Roman über die Verwerfungen in seiner Heimat geschrieben hat.

Jutta Sommerbauer
Frontverlauf. Straße auf der Grenze zwischen den Pro-Moskau-Rebellen und ukrainischen Truppen in der Region Luhansk.
Frontverlauf. Straße auf der Grenze zwischen den Pro-Moskau-Rebellen und ukrainischen Truppen in der Region Luhansk.Fotos: Reuters/V. Ogirenko

Herr Zhadan, der Krieg in der Ostukraine ist noch im Gang, und schon haben Sie mit „Internat“ einen Roman darüber geschrieben. Ist dazu nicht mehr Abstand notwendig?

Ich höre das ständig. Ich bringe dann als Gegenargument immer Michail Scholochows Roman „Der stille Don“ über den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution. Er schrieb ihn als direkte Reaktion auf das, was vor sich ging. Ja, man kann zehn Jahre warten, bis Blut und Tränen sich in einen Stoff verwandelt haben, aber ich habe sofort über den Krieg geschrieben, als er ausbrach. Für mich ist er eine große Tragödie, die sich in meinem Land ereignet, mit meinen Landsleuten, in meiner unmittelbaren Heimat. Ich stamme ja selbst aus dem Luhansker Gebiet. Deshalb ist es mir besonders wichtig, darüber zu sprechen.

Der Lehrer Pascha, Protagonist von „Internat“, ist ein Zivilist. Warum haben Sie einen Helden gewählt, der keiner ist?

Mittlerweile sind zahlreiche Bücher über den Krieg erschienen, von Soldaten, Journalisten, freiwilligen Helfern. Mir hat von Anfang an die Stimme der Zivilisten gefehlt. Auch wenn sie eine nicht immer verständliche Position einnehmen, war es mir wichtig, die Stimme der Menschen festzuhalten, die in der Konfliktzone leben. Es sind ihre Stimmen, die keinen Eingang in die Nachrichten finden und denen Politiker keine Aufmerksamkeit schenken. Für mich ist das sehr schmerzhaft.

Wie positionieren Sie sich als Schriftsteller in diesem Krieg, wo sehen Sie Ihre Rolle?

Ich habe eine eindeutige Position: Ich unterstütze die ukrainische Armee. Ich bin für eine geeinte Ukraine; für mich ist Russland der Aggressor. In diesem Konflikt versuche ich erst gar nicht, eine neutrale Position einzunehmen. Gleichzeitig ist mir klar, dass die Realität des Krieges nicht schwarz-weiß ist, es gibt viele Schattierungen. Mir scheint, es ist richtiger, genau darüber zu sprechen. Selbst wenn die Nuancen nicht sehr sympathisch sind und nicht unserem komfortablen Bild vom Krieg entsprechen.

Wie gehen Sie mit den Widersprüchen um? Etwa dem, dass nicht alle Bürger eine geeinte Ukraine unterstützen?

Schwierigkeiten entstehen, wenn man nicht ehrlich zu sich selbst ist. Natürlich verstehe ich, dass bei Weitem nicht alle ukrainischen Bürger die Ukraine unterstützen. Ja, viele Bürger haben im Donbass die Waffe gegen ihr Land ergriffen. Auf der anderen Seite der Front kämpfen teilweise Ukrainer gegen uns. Diese Leute, die gestern meine Landsleute waren, stehen heute auf der anderen Seite. Ich habe nie die Idee eines naiven Pazifismus unterstützt à la „Kommt, lasst uns wieder gut sein“. Vermutlich kann man mit einem Menschen, der zur Waffe gegriffen hat, nicht reden.

Zur Person

Serhij Zhadan wurde 1974 in Starobilsk (Ukraine) geboren. Er lebt mit seiner Familie in Charkiw. Sein neuester Roman „Internat“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen (300 Seiten, 22 €). Die Übersetzung von Juri Durkot und Sabine Stöhr wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 ausgezeichnet. Zhadan ist Sänger der Band Sobaki v kosmosi (Hunde im Weltraum). In den letzten Jahren war er als Musiker und Autor häufig im ostukrainischen Kriegsgebiet unterwegs. Schon sein Vorgängerband „Warum ich nicht im Netz bin“ enthält Essays und Gedichte über den Krieg in seiner Heimat.

Serhij Zhadan
Serhij ZhadanFoto: imago/Leemage

Andererseits warten viele auf der anderen Seite auf die Rückkehr der ukrainischen Staatsmacht. Handelt es sich in Ihren Augen um einen Bürgerkrieg?

Der Begriff erscheint mir nicht korrekt. Es ist ein Krieg Russlands gegen die Ukraine: Russland hat teils anti-ukrainische Einstellungen in der Bevölkerung benutzt, um den Krieg zu entfachen. Die Menschen auf der anderen Seite sind zu Geiseln geworden. Die Separatisten sind Terroristen, denn sie halten eine ganze Region in Geiselhaft. Ja, Kommunikation mit der anderen Seite ist schwierig, manchmal ist sie unmöglich, aber es ist wichtig, es probiert zu haben.

Und wie treten diese Unentschiedenen, von denen es im Donbass so viele gibt, in Ihrem Buch auf?

Als vollwertige Protagonisten. Das Buch ist so aufgebaut, dass es keinen Autor gibt. Es gibt Pascha, den Lehrer an der Frontlinie, wir sehen die Lage mit seinen Augen. Er ist weder für die einen noch für die anderen. Ein Bürger der Ukraine, der seine Arbeit macht. Er hat weder am Separatistenreferendum noch an den ukrainischen Wahlen teilgenommen. Er ist nicht gegen die Ukraine, es ist ihm einfach nicht so wichtig. Das ist ein weit verbreiteter Typus in der Region: Wenn ein Mensch sich nicht von der Politik angesprochen fühlt, denkt er, das gibt ihm die Möglichkeit, außerhalb der Politik zu stehen. Aber so funktioniert es nicht. Denn die Politik tritt in dein Leben, auch wenn du dich nicht für sie interessierst: Der Krieg kommt in dein Dorf.

Die Sprache des Romans ist weniger literarisch als in Ihren früheren Werken, sie ist härter.

Ich wollte ein Abbild der Lage bieten. Die Ukraine wird sich das besetzte Territorium zurückholen, wir werden wieder ein geeintes Land sein. Dann wird eine Rekonstruktion der Ereignisse beginnen. Ich will nicht, dass dies aus einer ideologischen oder politischen Position getan wird, sondern aus der Position realer Menschen: Menschen, die gekämpft haben, Binnenflüchtlinge.

Sie sagten, Sie zweifeln nicht daran, dass der abtrünnige Donbass wieder zur Ukraine zurückkehrt. Wovon hängt das ab?

Von politischen und militärischen Entwicklungen. Leider nicht von Schriftstellern. In der Ukraine verstehen leider nicht alle, wie wichtig es ist, heute schon darüber nachzudenken, wie wir weiterleben wollen. Unsere Bevölkerung bleibt die gleiche. Die Beziehungen müssen geklärt werden – wer hat was gemacht während der Okkupation.

Wie soll die Aufarbeitung vor sich gehen?

Man muss jedem Menschen einzeln begegnen. Man darf nicht alle, die sich auf der anderen Seite befinden, zu Kollaborateuren, Feinden und Verrätern erklären. Das ist eine stalinistische Position. Andererseits darf man nicht alle entschuldigen und von Verantwortung freisprechen. Im Krieg gibt es immer konkrete Ausführende. Nicht Putin schießt von der anderen Seite. Das sind konkrete Menschen, die in Luhansk und Donezk leben.

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