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Nemi El Hassan sollte die WDR-Sendung „Quarks“ moderieren.

© WDR/Tilman Schenk

Tagesspiegel Plus

Umgang mit anti-israelischen Äußerungen: Was die Fälle von Nemi El-Hassan und Helen Fares unterscheidet

Dass der SWR bei Moderatorin Fares schnell und hart entschieden hat, war für einen öffentlich-rechtlichen Sender alternativlos. Die Probleme dahinter hören damit jedoch nicht auf.

Ein Kommentar von Kurt Sagatz

Im Oktober 2021 verzichtete der WDR darauf, die Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan als Moderatorin der Wissenschaftssendung „Quarks“ einzusetzen. Sie hatte den Begriff Dschihad relativiert und im Jahr 2014 an einer Al-Quds-Demonstration teilgenommen.

Doch es dauerte über einen Monat, bevor der WDR endgültig die Zusammenarbeit mit der jungen Frau – einer gebürtigen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln – beendete. Inzwischen war die öffentliche Diskussion um ihre Person immer weiter eskaliert, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr vorstellbar.

Der SWR hat sofort und mit voller Härte reagiert, als er sich am Montagabend von der Moderatorin und Psychologin Helen Fares getrennt hat. Der implizite Aufruf zum Boykott von Produkten aus Israel oder von Unternehmen, die Israel in der einen oder anderen Weise unterstützen, war dabei nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Bereits zuvor hatte Fares – wiederum eine in Deutschland geborene Frau, in diesem Fall mit syrischen Wurzeln – in ihrer Israel-Kritik eine Grenze überschritten, die mit einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht zu vereinbaren ist.

Als Moderatorin einer Sendung, die mit Beitragsgeldern finanziert wird, darf man weder zu einem solchen Boykott anstiften noch Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu auf Instagram als Faschisten bezeichnen. Insbesondere dann nicht, wenn dies fast 100.000 Abonnenten ihres Kanals lesen können. Das hat dem SWR wenig Spielraum für längeres Abwägen gelassen.

Das Dilemma der Öffentlich-Rechtlichen

Der aktuelle Fall macht aber zugleich auf ein anderes Dilemma aufmerksam, das weder bei Nemi El-Hassan anfängt noch bei Helen Fares aufhört. Die Medien in Deutschland wollen und müssen diverser werden, so wie die Gesellschaft sich immer weiter verändert. Dazu gehört auch eine stärkere Sichtbarkeit von Menschen mit migrantischem Hintergrund vor der Kamera.

Der SWR hat im Fall Helen Fares schnell die Notbremse gezogen und sich von der Moderatorin und Psychologin getrennt.

© IMAGO/Frederic Kern

Es sollte dabei selbstverständlich sein, dass es dabei keine Sympathien für Terrorakte wie dem der Hamas am 7. Oktober 2023 geben darf.

Genauso naheliegend und beinahe zwangsläufig ist aber auch die Empathie für das Leiden der Menschen in Gaza nicht erst seit Beginn des neuerlichen Kriegs im Nahen Osten. Und das nicht nur bei öffentlich-rechtlichen Moderatorinnen mit migrantischen Wurzeln.

Was wiederum ein großes Fragezeichen hinterlässt, ist die Boykott-App, die Helen Fares in ihrem Supermarkt-Video eingesetzt hat, um die nach ihrer Meinung nach richtige Einkaufsentscheidung für Schoko-Milch zu treffen.

Der palästinensische Entwickler macht aus seinen Beweggründen keinen Hehl. Er hat 2020 seine Schwester verloren, weil sie nicht rechtzeitig die nötige medizinische Versorgung erhielt. Dafür macht er Israel genauso verantwortlich wie für den Tod seines Bruders, der im vergangenen Oktober bei einem Luftangriff ums Leben kam.

So weit, so schrecklich. Doch warum steht diese politische motivierte Boykott-App in den App-Stores ohne irgendeinen speziellen Hinweis oder eine Einordnung? Ist das mit den Grundsätzen von Unternehmen wie Apple oder Google vereinbar, deren Reichweite um einiges größer ist als die öffentlich-rechtlicher Rundfunkunternehmen?

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