Uraufführung am Maxim Gorki Theater : Deine Zeit ist vorbei, alter Mann!

Lässig-ironische Emanzipation vom Patriarchat: „Papa liebt dich“ von Sivan Ben Yishai im Studio des Maxim Gorki Theaters.

Auf dem Sprung. Die nächste Pointe wartet schon.
Auf dem Sprung. Die nächste Pointe wartet schon.Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO

Wenn das mal kein dramatisches Alleinstellungsmerkmal ist: „Pathos“, stellt Vidina Popov im Studio des Maxim Gorki Theaters klar und turnt zur Unterstützung hochtourig vor der bühneneigenen Stuhlreihe herum, sei hier „absolut willkommen“. Und Vernesa Berbo bekräftigt den Sachverhalt vorsichtshalber noch mal mit doppelt unterstrichenem Dackelblick: wirklich „absolut!“

Klar: Pathos mit Ansage – sprich: mit gehobenem Ironie-Drive – ist nicht die schlechteste Voraussetzung für generationenbedingte Auseinandersetzungen. Zumal Popov und Berbo unmittelbar zuvor mit ihren Kolleginnen Stella Hilb, Elena Schmidt und Linda Vaher eine Art Gender-Paradies entworfen hatten – mit „nackten, schwarzbärtigen Frauen“ und allem, was der gemeinen Zeitgenossin (und dem gemeinen Zeitgenossen) sonst noch so fehlen mag zum ultimativen Daseinsglück: „Und um jede Frau, die unter dem Himmel tanzt, ist jemand, der an ihrem Nacken und ihren Lippen saugt.“

Ein „Generationenporträt über die Emanzipation vom Patriarchat“ nennt das Maxim Gorki Theater das Stück „Papa liebt dich“, das es – mutmaßlich lange vor der MeToo-Debatte – bei der in Israel geborenen und seit fünf Jahren in Berlin lebenden Autorin Sivan Ben Yishai in Auftrag gegeben hat. Und die 39-Jährige, die letztes Jahr im Gorki bereits mit ihrer „Geschichte vom Leben und Sterben des neuen Juppi Ja Jey Juden“ bei den Radikalen Jüdischen Kulturtagen für Furore sorgte und außerdem mit „Your Very Own Double Crisis Club“ bei den Autorentheatertagen am Berliner Deutschen Theater vertreten war, wählt dafür ein maximal symbolträchtiges Setting.

Das Szenario (Bühne und Kostüme: Moïra Gilliéron) ist ein Zugabteil mit potenziell unendlich vielen einschlagbaren Pfaden, Abzweigungs- und Verästelungsmöglichkeiten. Die reichen von der (deutsch-israelischen) Geschichte über jeweils zeittypische Frauen-Biografien – mit Grandezza zu dekonstruierende Stereotype inklusive – bis hin zur MeToo-inspirierten Kampfansage: „Deine Zeit ist vorbei, alter Mann“, schmettert das erfreulich energiegeladene Schauspielerinnen-Quintett gegen Ende etwa über die Rampe, ohne seinen lässig ironiegeschwängerten Duktus zu verlieren: „Und wir haben die Waffen.“

Die junge weibliche Ich-Erzählerin wird clever auf fünf Schauspielerinnen vervielfältigt

Da trifft auf einer Text-Ebene zum Beispiel jene junge Frau, die da leitmotivisch im Zug sitzt und dabei nicht ohne den echter (Nächsten-)Liebe wahrscheinlich notwendig eigenen Sarkasmus eine gegenüber hockende Gruppe älterer Frauen – neun „Königinnen“ – unter die emanzipatorische Lupe nimmt, auf ihre Mutter. Deren Anblick – die Mutter liegt schmal, schutzlos und mit herausgenommenem Gebiss wegen eines Routine-Eingriffs im Krankenhaus – führt zur töchterlichen Hinterfragung der männlichen und weiblichen Rede-Quantität in Durchschnittsehen sowie der eigenen Verbal-Dominanz gegenüber der Mutter und zu entsprechenden Schuldgefühlen.

Auf einer anderen, durchgehenden historischen Ebene wird der Zug zur Metapher für die Transporte in NS-Vernichtungslager. „Wir, sieben Jahre alte Schulkinder“, denkt Linda Vaher in diesem Zusammenhang über das Gedenken nach, „stehen vor 70 Jahre alten Fotos ... voll von weiblichen Bäuchen und weiblichen Brüsten ... Die Hände der Frauen schirmen sie ab ... gegen die Augen der Soldaten und vielleicht gegen unsere Augen auch.“

Vor allem aber bringt die ebenfalls noch junge Uraufführungsregisseurin Suna Gürler, die man auch selbst als Gorki-Schauspielerin etwa aus Sebastian Nüblings Sibylle-Berg-Inszenierungen kennt, diese in besagten fünf Schauspielerinnen clever vervielfältigte junge weibliche Ich-Erzählerin des Textes bestens zur Geltung: Mit oft komödiantisch schräger und pointierter, wo nötig aber auch angemessen stiller und im Übrigen durchgängig hyperchoreografischer Energie holen sie alle Facetten aus Sivan Ben Yishais Fünfundsiebzigminüter heraus.
Nächste Vorstellungen am m 6./7. März, 20.30 Uhr

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