Valery Gergiev in Berlin : Märchen ohne Happy-End

Ein russischer Abend mit Valery Gergiev und den Berliner Philharmonikern.

Valery Gergiev
Valery GergievFoto: picture alliance / dpa

Üppiger Sound, pralle Tutti, knallige Farben: Wenn Valery Gergiev russische Werke dirigiert – Rimsky-Korsakow, Prokofjew, Strawinsky –, kann sich das Publikum darauf verlassen, dass er mit seiner berühmten elektrisierenden Zitterhand und energisch zuckenden Schultern für Opulenz sorgt. Der russische Maestro macht kräftig Stimmung mit den Berliner Philharmonikern, vor allem am Ende des Abends, wenn er bei Strawinskys etwas hölzernem, aber von irisierenden Jenseits-Einsprengseln und samtigen Streicherpassagen durchsetztem „Feuervogel“ vollste Klangwucht auffährt.

Schon beim „Höllentanz des Königs Kastschei“ entfesselt Gergiev das Orchester zu infernalischen Schlägen mit Xylophon, Blech, rasanten Posaunen-Glissandi und erbarmungslosen Streicher-Pizzicati. Wobei die eherne Vehemenz des Finales diese Hölle im Nachhinein fast harmlos erscheinen lässt.

Bunt und süß, aber nie harmlos

Strawinskys „Feuervogel“-Suite (1919), Auszüge aus Prokofjews Ballettmusik „Cinderella“ (1945) und zuvor ein Werk von deren beider Lehrer, Rimsky-Korsakows Orchesterbilder aus der Oper „Der goldene Hahn“ (1896): Die Welt der russischen Sagen präsentiert Gergiev insgesamt als keineswegs harmlos, aller Buntheit, aller Süße, allen Exotismen zum Trotz. Diese Märchen kennen kein Happy-End. Die Mazurka aus der „Cinderella“-Musik legt forcierte Heiterkeit an den Tag; Aschenputtels Tanz verleiht Gergiev mal die Mechanik einer Spieluhr, mal die Gewalt eines Mahlstroms, mit eher erzwungenen als fliegend-eleganten Drehungen. Ein böser Walzer, Holzblock und Mitternachtsglocke künden die Katastrophe an. Diese „Cinderella“ entstand gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es gibt etwas Unangenehmes, gleichwohl Bezwingendes am Dirigat des Mariinsky-Chefs und erklärten Putin-Freunds, der bei seinem Amtsantritt als Chef der Münchner Philharmoniker 2015 mit seiner Zustimmung zu Putins aggressiver Krim- und Ukraine-Politik für Unmut sorgte, später auch mit einem Konzert für Assads Truppen in Palmyra. Die Rubati nutzt er als Energiestau, um dem ohnehin klangdichten, vibratoreichen Spiel der Philharmoniker noch mehr Stringenz zu verleihen. Aber wenn die Klarinette Andreas Ottensamers im „Goldenen Hahn“ durch alle Oktaven in die Tiefe trudelt, wenn das tiefengrundierte Timbre mit Glanzpunkten aufgehellt wird und die Tanzmusiken bei aller Derbheit immer wieder in die Eleganz desertieren, kann sich die Hörerin der betörenden Wirkung schwerlich entziehen. Dazu tragen auch die mühelosen Tempo- und Dynamikwechsel bei voller Fahrt bei, die expressive Sinnlichkeit, die souveränen Wechsel in luzide, transzendente Sphären.

Pans Gesang als Lockruf der Moderne

Begonnen hat der Abend mit Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Medias in res: Kein selbstvergessener Naturlaut dringt allmählich ans Ohr, sondern Pans Gesang wird auf der Stelle zum Lockruf der Moderne, aus einer schweren, glutvollen Stille heraus – der Saal ist im Nu hypnotisiert. Tatjana Ruhland, Solo-Flötistin des SWR-Symphonieorchesters, hilft in Berlin aus, nach der kräftezehrenden Asientournee der Philharmoniker im November. Ein fabelhafter Faun, eine Vorbotin des Feuervogels. Schon für die ersten Takte ist der Jubel am Ende verdient.

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