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Ein tauender Eisblock hängt im frostigen Bühnenbild von Paolo Fantin bedrohlich über den Köpfen der Darsteller*innen.
© Bernd Uhlig

Klassik in Corona-Zeiten: Verloren am Orchestergraben

Simon Rattle und Kirill Petrenko feiern zwei Premieren an der Staatsoper und in der Philharmonie - mit Streaming-Aufführungen. Ist das die neue Normalität in der Klassik?

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Über die Folgen der Pandemie wird viel spekuliert. Auch unsere Vorstellung von Oper könnte sie hinwegfegen, denn mit jedem Stream aus einem Opernhaus wird das Musiktheater zwangsläufig stärker nach den Kriterien des Films bewertet. Niemand wechselt ungestraft das Medium, da können Musikwissenschaftler noch so sehr die Rolle der Oper beim Aufstieg des Kinos betonen. Daran denken Zuschauende nicht, die zu Hause vor dem Fernseher sitzen und plötzlich merken: Da sind ja alle viel zu alt für die Geschichten, die sie eigentlich erzählen wollen.

In riesigen Theaterräumen sind die Sängerinnen und Sänger kleine Lichtpunkte im großen Bühnendunkel, die ihre Aura im Wesentlichen ihren stimmlichen Möglichkeiten verdanken. Auf dem Bildschirm kann man so nahe rangehen, bis vom Opernzauber nur noch das vibrierende Rachenzäpfchen übrigbleibt. So weit lässt es die besonnene Kameraführung bei „Jenůfa“ aus der Staatsoper Unter den Linden zum Glück nicht kommen. Doch auch sie ist nah genug dran, um unübersehbar zu zeigen, was im Kino niemand akzeptieren würde: Diesem Drama unter sehr jungen Menschen in einer schicksalhaft verbandelten Dorfgesellschaft fehlt vor allem eines – Jugend.

Simon Rattle, der am Pult der Staatskapelle seinen Berliner Janáček-Zyklus fortsetzt, gibt klar den dramatischen Stimmen den Vorzug. Es sind Organe, die bereits Strauss- und Wagner-Gewitter bestanden haben. In diesem Fach debütiert man auch mit jugendlichen Rollen oft jenseits der 50, so wie jetzt in der Titelpartie Camilla Nylund, die dieser Tage auch die altersweise Marschallin Unter den Linden gesungen hätte.

So einfühlsam sie ihre Jenůfa auch angeht: Alternativlos ist diese Besetzung nicht, eher folgt die Staatsoper hier traditionellen Vorstellungen davon, was als Weltklasse-Cast gelten kann. Dabei hat das Haus keine Monsterausmaße wie die New Yorker Met, und Janáčeks Orchesterstärke ist, aktuell im Detail durch die Pandemie zusätzlich zart verringert, auch leichteren Stimmen keineswegs feindlich gesinnt.

Die Passion schrumpft durch die Kameras nicht

Egal, welche stimmliche Kraft und manchmal auch Brillanz aufgeboten wird auf der von gleißenden Plexiglaswänden begrenzten Staatsopernbühne – niemand tut es Evelyn Herlitzius gleich. Sie ist als Küsterin der Mittelpunkt der beklemmenden Geschichte von Generationsgrenzen überwindender Schuld, von Gewalt und Kindsmord. Herlitzius verkörpert Musiktheater mit jeder Faser, jeder Silbe, eine unbedingte Darstellerin, deren Passion durch die Objektive der Kameras nicht zu schrumpfen beginnt, sondern ungehindert fortglüht. Gegen die unheilvolle Macht der Küsterin, die die erlittene Gewalt nicht abzuschütteln vermag, helfen auch tapsige Wagner-Ausfallschritte (Stuart Skelton als Laca) und sich selbst zerstörende Lyrismen (Ladislav Elgr als Steva) nichts.

Die Staatsoper hat aus dem fahrigen „Lohengrin“ im Dezember gelernt, der erst nach Retuschen tatsächlich in der Arte-Mediathek auftauchte und inzwischen endgültig in der Versenkung verschwunden ist. Bei „Jenůfa“ bescheidet sich Regisseur Damiano Michieletto auf das Machbare und vertraut ansonsten auf eine Eis-Metapher: Erst wird ein massiver Block von Steva hereingewuchtet und mit dem Messer traktiert. Dann aber werden keine Drinks mit dem Eis gemixt, es dient vielmehr dazu, kalte Hände zu behalten. Schließlich taut ein umgestürzter Eisberg tropfend über dem Kopf der ohnehin schon begossenen Küsterin. Wer sich daran erinnert, wie Andrea Breth einst Katja Kabanowa in einen Kühlschrank sperrte, weiß schlagartig auch wieder, dass früher nicht alles besser war, nicht mal in der Oper.

Alle Wärme für die bis an ihre Seelen frierenden Menschen steckt in Janáčeks Musik. Simon Rattle weiß das und liebt sie dafür von Herzen. Mit den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle verbindet ihn ein lebendiges Einverständnis, das tiefer reicht, als es der Fernsehton vermitteln kann. Man spürt die nie stillstehenden feinen Bedeutungsverschiebungen im rhythmischen Pulsen mehr, als man sie tatsächlich hören kann. Was umso stärker auffällt: Die Idee, den leeren Zuschauerraum mit dem Chor zu bevölkern, ihn zum coronakonform platzierten Kommentator zu machen, bleibt nicht nur optisch unbefriedigend. An dieser Stelle bricht die Musik auf dem weiten Weg zwischen Bühne, Orchestergraben und Saal entzwei und treibt unaufhaltsam auseinander wie Schollen schmelzenden Polareises. Auch akustisch fehlt es, das Publikum. Ulrich Amling

Philharmonie: Fünfeck mit Aura und Akustik

In Notfällen muss es auch mal ein kleiner Selbstbetrug sein, um sich in die richtige Stimmung zu bringen. Mit der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker geht das sogar ziemlich einfach. Denn zunächst gilt es, ganz traditionell, eine Eintrittskarte erwerben, in diesem Fall den temporären Zugang zum Online-Portal, auf dem die Geisterkonzerte des Orchesters gestreamt werden. Dann muss die Vorfreude gesteigert werden: Also raus aus den Homeoffice-Klamotten und umziehen fürs Kulturerlebnis. Wer mag, wählt sogar richtig formell Hemd, Anzug und die guten Schuhe.

Als nächstes ein Glas Wein zur Hand nehmen und unter der Rubrik „Filme“ in der Concert Hall „Die Philharmonie – ein Fünfeck mit Aura“ auswählen. Ab Minute 37 sieht man, wie die Besucher herbeiströmen und das Haus sich füllt, wie froh gestimmte Menschen über die vielen Treppen des Scharoun-Baus ihren Sitzplätzen zustreben.

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Den letzten Kick gibt die Aufzeichnung eines Silvesterabends aus dem Konzertarchiv, zum Beispiel 1998 mit Claudio Abbado oder 2003 mit Simon Rattle. Dort ist die letzte Minute vor dem ersten Ton konserviert: das Meer der wogenden Köpfe im ausverkauften Saal, das erwartungsvolle Summen und Brummen, erste prophylaktische Huster und dann, in fast schon vergessener, umwerfender Klangpracht, der prasselnde Auftrittsapplaus für den Dirigenten.

Alles Autosuggestion, sicher, aber es wirkt. Jetzt kann es losgehen mit dem tatsächlichen philharmonischen Ereignis dieses Abends, dem Eröffnungskonzert eines neuen Festivalformats, finanziert aus den seit 2018 aufgestockten Bundeszuschüssen für das Orchester. „Die Goldenen Zwanziger“ stehen, wenig überraschend, im Mittelpunkt des Projekts, aber Chefdirigent Kirill Petrenko hat nichts Leichtgängiges ausgesucht, weder Chansons und Foxtrotts noch den Soundtrack zu „Babylon Berlin“, sondern höchst anspruchsvolle Kunstmusik.

Stilistische Askese mit Strawinsky

Kurt Weills 1. Sinfonie entstand 1921, als Übungsaufgabe eines 21-jährigen Studenten, der sich hier noch zwischen alle Stile setzt, mit süßer Solovioline und Fanfarengeschmetter, mal herb-expressionistisch, dann wieder pathetisch-filmmusikhaft. Die Talentprobe eines jungen Mannes, der bei seinen Komponistenkollegen genau hingehört hat, aber weit entfernt noch vom frechen, urbanen Tonfall seiner „Dreigroschenoper“. Beifall brandet nicht auf, aber der Zuschauer kann hören, wie der Orchesterwart „Pause!“ ruft, bevor – als Ersatz für den eigenen Gedankenaustausch beim Flanieren im Foyer – ein Gespräch eingespielt wird, das Cellist Martin Menking mit Kirill Petrenko geführt hat.

(„Jenůfa“ kann online bis zum 15. März auf www.3sat.de abgerufen werden. Das Konzert der Philharmoniker steht im Archiv der Digital Concert Hall.)

Von Reduzierung des Ausdrucks als künstlerischem Mittel spricht der Chefdirigent in Bezug auf das nun anstehende Opernoratorium „Oedipus Rex“, das Igor Strawinsky 1927 in lateinischer Sprache vertont hat, von „stilistischer Askese“, ja sogar von „Trockenheit“. Doch Petrenko ist einfach ein zu versierter Musiktheatermacher, um aus dem antitheatralischen Experimentalwerk nicht doch dramatische Funken schlagen zu können. Kraft und scharfes Profil hat diese Musik unter seiner Leitung auch dort, wo sie sich abstrakt und stachelig gibt, eckig und entfärbt.

Umrahmt von vier distinguiert intonierenden Herren (Michael Spyres, Andrea Mastroni, Krystian Adam und Derek Welton) macht Ekaterina Semenchuk den Auftritt der Iokaste zum Ereignis, singt ihre Arie, als stamme sie vom späten Verdi, mit glühender Leidenschaft, suggestiv, beschwörend. Die Schauspielerin Bibiana Beglau rezitiert dazu, schön altmodisch, mit Stentorstimme Jean Cocteaus Kommentare zur Handlung, die optisch effektvoll über die Blöcke E und H verteilten Herren des Berliner Rundfunkchores meistern ihre Aufgabe souverän. Das Finale der Tragödie entfaltet eine Wucht, die sich sogar online überträgt: Dank Petrenkos Dringlichkeitsdramaturgie kommt einem Strawinsky so nah, als wär’ man da. Frederik Hanssen

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