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Uruk in 3D: Virtueller Mauerbau

Am Computer entsteht Uruk - die erste Weltstadt der Geschichte - aufs Neue. Ein Projekt der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts

Sieh an seine Mauer, deren Friese wie Bronzeschalen scheinen!/ Ihren Sockel beschau, dem niemands Werk gleicht! Der Mann hat Riesen und Ungeheuer besiegt, ganze Wälder gerodet, sich der höchsten Göttin verweigert, ist bis ans Ende der Welt gereist und vergeblich der Unsterblichkeit hinterhergejagt. Doch das Lied zu seinem Andenken, sein rund 3500 Jahre altes Epos, hebt an mit dem Lobgesang auf die prächtigen Mauern, die er seiner Stadt errichtete. Gilgamesch und Uruk gehören seit Jahrtausenden zusammen wie Rom und der Papst. Von der Stadt des Helden ist aber nicht mehr viel übrig, der besungene Stadtwall konnte sie nicht vor dem Lauf der unbarmherzigen Zeit bewahren. Viele der Bauwerke sind nur noch als Grundmauern erhalten. Manche dieser verwitterten Gemäuer ragen heute kaum noch wenige Zentimeter aus dem Wüstensand.

Den Wissenschaftlern aber genügen mitunter die mickrigsten Ruinen. „Vor dem inneren Auge von Archäologen entstehen die Gebäude auch dann innerhalb weniger Minuten, wenn nur noch Grundrisse erhalten sind“, sagt Margarete van Ess, wissenschaftliche Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und eine der Macherinnen der Ausstellung „Uruk – 5000 Jahre Megacity“. „Für Laien aber ist es schwer, sich die jahrtausendealten Bauten zu vergegenwärtigen.“ Womit der relativ große Stellenwert erklärt ist, den die virtuellen Rekonstruktionen im Rahmen der Schau im Pergamonmuseum einnehmen. Sie sind das Produkt einer jahrelangen Arbeit, zahlreicher Diskussionen, penibler Analyse, wissenschaftlicher Entscheidungen und einer Menge Rechenleistung.

Erst aber musste Margarete van Ess die richtigen Leute für den Job finden. Bei dem Berliner Grafikstudio „Artefacts“ wurde sie fündig. Dessen Gründer und Betreiber, Sandra Grabowski und Sebastian Hageneuer, sind nicht nur studierte Archäologen, sondern können entscheidende zusätzliche Qualifikationen einbringen: Grabowski hat vor ihrem Archäologiestudium eine Ausbildung zur Grafikdesignerin absolviert, Hageneuer ist ein vielseitiger Computerfreak.

Vier Epochen der Stadtgeschichte werden sichtbar

Erster Rekonstruktionsversuch des Nordwesttores von Conrad Preußer 1928. Rechts vom Eingang sieht man die ursprünglichen Türme, davor abgeschnitten die Reste des jüngeren Turms, wie links vom Eingang.

© Conrad Preußer DOG

„Eigentlich haben wir uns die eigenen Jobs erschaffen“, sagt Hageneuer – und dabei aus der Not eine Tugend gemacht. Angesichts der eher tristen Jobaussichten für junge Archäologen beschäftigten sich die beiden bereits während des Studiums mit virtuellen Modellen antiker Stätten, inzwischen wurden sie mit ihrem Büro begehrte Partner für mehrere Museen und Universitäten im In- und Ausland. Mit der Rekonstruktion von Uruk übernahmen sie ihr bisher größtes Projekt.

Wobei sich das so leicht dahinsagt: die Rekonstruktion von Uruk. Die Stadt, heute heißt sie Warka, blickt auf eine mehr als 5000-jährige Geschichte zurück. Die deutschen Archäologen, die mit Unterbrechungen seit nunmehr einem Jahrhundert dort arbeiten, sehen sich 35 Bauschichten gegenüber, von denen manche kaum noch zu rekonstruieren sind.

So beschränkten sich Grabowski und Hageneuer in enger Zusammenarbeit mit dem DAI darauf, vier Epochen der Stadtgeschichte wieder sichtbar zu machen – von der archaischen Periode der sogenannten Uruk-Zeit (etwa 3500 v. Chr.) bis zur Herrschaft der hellenistischen Seleukiden im 3. Jahrhundert v. Chr. Für ihre virtuellen Modelle konnten die Grafiker auf verschiedene Quellen zurückgreifen. Vor allem auf archäologische Daten aus Uruk und vergleichbaren Städten des mesopotamischen Altertums sowie auf Schriftquellen. Unzählige tönerne Keilschrifttäfelchen liefern Detailinformationen zur Farbe, Funktion oder zur Konstruktion von Gebäuden. Diese beschreiben zwar nicht unmittelbar Uruk selbst, sondern beinhalten beispielsweise juristische Informationen, zur Ausbildung von Schreibern konstruierte Mathematikaufgaben oder auch Direktiven zur sakralen Funktion bestimmter Farben. Die Archäologen nutzen all diese Hinweise, um auf die ausgegrabenen Gebäude zurückzuschließen.

Margarete van Ess und ihre Mitarbeiter sichteten das umfangreiche Quellenmaterial, filterten die enthaltene Information und stellten ihre Erkenntnisse Grabowski und Hageneuer zur Verfügung. Diese wiederum entwickelten statisch und architektonisch nachvollziehbare Skizzen und prüften das Material mithilfe erster digitaler Rekonstruktionen auf seine innere Logik. Danach wurden die Entwürfe in vielen Diskussionen von allen Beteiligten präzisiert und weiterentwickelt.

Rekonstruktion am Computer ist Work in Progress

Der seleukidische Tempel Bit Resch für den altorientalischen Himmelsgott An aus dem 3./2. Jahrhundert vor Christus wurde mit Hilfe naturwissenschaftlicher und archäologischer Informationen digital rekonstruiert.

© artefacts-berlin.de; wissenschaftliches Material: Deutsches Archäologisches Institut DAI

Je mehr Information vorhanden war, desto kürzer und einfacher verliefen die Diskussionen um Einzelheiten, desto umfangreicher und langwieriger wurde aber auch die Arbeit am virtuellen Modell an sich. Aus der seleukidischen Periode etwa ist noch verhältnismäßig gut erhaltenes Material verfügbar. Allein um dieses in einer sowohl wissenschaftlich korrekten als auch ästhetisch sorgfältigen Rekonstruktion zu verarbeiten, brauchten die jungen Archäologen etwa ein Jahr. Wo hingegen, wie etwa aus der archaischen Zeit, nur noch zehn Zentimeter hohe Reste der Grundmauern vorhanden waren, nahmen die Diskussionen mit den Ausstellungsmachern weit mehr Zeit in Anspruch als die konkrete grafische Umsetzung ihrer Ergebnisse.

So entstanden in fünf Jahren Kleinarbeit zwei Rekonstruktionsansätze für die ausgewählten Bauperioden Uruks. Ein Modell zur wissenschaftlichen Nutzung, an dem Archäologen und Althistoriker arbeiten, das sie weiterentwickeln können. „Unsere Arbeit stellt kein endgültiges Ergebnis dar“, sagt Hageneuer, „sondern ein Zwischenprodukt auf dem aktuellen Stand der archäologischen Erkenntnis.“ Sollten die Forscher vom DAI unter der Leitung von Margarete van Ess, wenn sie nun nach der vor einem Jahrzehnt durch den Irakkrieg erzwungenen Unterbrechung endlich wieder ihre Arbeit in Uruk aufnehmen dürfen, neue Einsichten gewinnen, könnten diese mühelos in die virtuellen Rekonstruktionen eingearbeitet werden. Zum anderen schufen die Grafiker-Archäologen „klare und verständliche“ Ansichten für die Ausstellung im Pergamonmuseum, auf dass die antiken Bauten auch vor den inneren Augen von Laien wiederauferstehen mögen und die Friese wie Bronzeschalen scheinen.

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