Von Natur aus gemein : Ein Witz ist nie politisch korrekt

Der Tabubruch ist die Grundhaltung des Witzes - nur manchmal ist er einfach zu blöd. Eine Analyse von Chefwitz bis zu AKKs Toilettenwitz und warum wir lachen.

Der Künstler Jacques Tilly mit Karnevalsfigurgen von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Nahles.
Der Künstler Jacques Tilly mit Karnevalsfigurgen von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Nahles.Foto: Henning Kaiser/dpa

Wir leben in aggressiven, überhitzten, enthemmten Zeiten, die Meinungs- und Kunstfreiheit wird immer wieder heftig strapaziert. Ob Shitstorms im Schutzraum der Internet-Anonymität, Erdogan-Schmähgedichte, Trump-Gemeinheiten, Pegida-Pöbeleien oder mörderische Attacken wie die gegen „Charlie Hebdo“ oder andere Mohammed-Karikaturen - die Frage, wer wen überzeichnet und was Satire darf, ist politischer denn je. Der Witz als Gefahrenzone: In Diktaturen riskiert mancher mit Witzen sein Leben. In Demokratien steht höchstens die Karriere auf dem Spiel, oder zumindest der Job als TV-Comedian.

Blöde Witze wie der von Annegret Kramp-Karrenbauer beim Stockacher Narrengericht über Toiletten für Intersexuelle gehören angesichts des verschärften Grundtons im öffentlichen Diskurs zu den harmloseren Varianten. Ihre Chancen auf die Kanzlerkandidatur dürfte AKK damit wohl kaum gefährden. Trotzdem hat ihre wohl als Männerwitz gedachte, ziemlich misslungene Pointe über die Gender-Moralapostel und Typen, die nicht wissen, ob sie beim Pinkeln stehen dürfen oder sitzen müssen – weshalb sie dann eine „Toilette für das dritte Geschlecht“ brauchen -, eine neuerliche Debatte über Witz und Moral ausgelöst. Über politische Korrektheit und  Minderheiten-Rechte in der Mehrheitsgesellschaft.

Das Problem: Der Witz ist von Natur aus nie politisch korrekt. Ich sag jetzt mal, was man nicht sagen darf, ich trau mich was: Sein Grundgestus ist der Tabubruch, die Subversion, auch deshalb handelt er oft von Sex und Macht und Gott und Tod. Sein Material ist in sehr vielen Fällen ein Vorurteil, ein Ressentiment, unterdrückter Hass, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Gewaltfantasie, ein gesellschaftliches No-Go. Der Witz, schrieb Sigmund Freud in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ ist triebgesteuert. Will heißen, in der Pointe wird der Prozess der Zivilisation für einen Augenblick zurückgenommen, Freud nennt es „ersparten Hemmungsaufwand“. Jeder Witz ist potentiell unanständig, ungerecht, verachtungsvoll, herabwürdigend, beleidigend, rücksichtlos, grausam. Das Lachen grenzt den Verlachten aus, schneidet die Ehre ab, verweigert Respekt. Der Spott hat die gleiche Wortwurzel wie das Spucken.

Da sind zum einen die Chefwitze (also Politiker-, Lehrer-, Arzt-, Polizisten- oder blasphemische Witze), nach dem Motto: Wer das Sagen hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Was ist der Unterschied zwischen dem Bundestag und einem Theater? Im Theater werden gute Schauspieler schlecht bezahlt. Chefwitze zielen von unten nach oben, sie entgrenzen und entwaffnen, fungieren als Korrektiv gegen Machtanmaßung und -missbrauch. Dieses anarchische, rebellische Moment steckt auch in jeder Karnevalssitzung, der Fasching basiert auf der Narrenfreiheit der Ohnmächtigen. Dabei werden nicht selten Persönlichkeitsrechte tangiert. Kohl als Birne, selbst der eher gemütliche deutsche Nachkriegshumor macht sich über Körperliches lustig. Was konnte der Mann für seine Gesichtsform? Die Würde des Menschen ist angetastet im Witz.

Bei Opferwitzen kommt es oft darauf an, wer sie erzählt

Zum anderen gibt es die Kategorie der Opferwitze, bei  denen der Spott eben jenen Ohnmächtigen gilt, den Benachteiligten und Diskriminierten. Opferwitze zielen von oben nach unten, sie grenzen aus. Die oft altbackene Zote, wie sie sich in Witzbüchern, Abreißkalendern und im Kantinenhumor findet, adressiert gern Minderheiten. Auch sie untergräbt eine Autorität: die der Moral, des Respekt-Gebots. Ostfriesenwitze, Polenwitze, Blondinenwitze, Schwulenwitze, Judenwitze – schon die Begriffe niederzuschreiben, löst bei der Autorin ein Unbehagen aus. Beim Musikerwitz gehört der Bratscher-Witz in die Opfer-Kategorie, und im gerade zu Ende gehenden Karneval eben AKKs Witz, oder besser, ihr Witzversuch. Wobei Opferwitze nicht selten von den Opfern selbst erzählt werden, ist er doch eine Art Trauma-Arbeit zur Bewältigung des Verdrängten. Der Opferwitz versucht, die Übermacht des Nicht-Bewältigbaren zu brechen. Es ist ein Unterschied, ob ein Jude einen Judenwitz erzählt oder ein Goi, ein Nicht-Jude. Und die ersten 9/11-Witze kamen aus Amerika selbst („American Airlines: Wir fliegen Sie direkt ins Büro“).

"Satire darf keine Hetze sein", sagt Tagesspiegel-Karikaturist Stuttmann

Nun steckt der Witz zunehmend in einem Dilemma. Denn die nicht nur in den (a-)sozialen Medien schnell mal enthemmte Gesellschaft steht in immer größerem Widerspruch zur dankenswerterweise gestiegenen Sensibilität beim öffentlichen Sprachgebrauch. Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus gelten längst nicht mehr als Kavaliersdelikte. Political correctness und Respekt im Umgang miteinander verstehen sich im Parlament, in den Medien, an Schulen und Hochschulen von selbst. Abweichungen werden geahndet. Ein bundesdeutsches Parlament, in dem verbal attackiert wird wie zu Zeiten von Strauß („Hetzer!“, „Schnauze, Iwan!“) oder Wehner („Übelkrähe“ zu Jürgen Wohlrabe, „Hodentöter“ zu Jürgen Todenhöfer), ist in der Berliner Republik nicht mehr vorstellbar. Und auch in Diskussionen über Pippi Langstrumpfs „Negerkönig“-Papa und andere „schlimme Wörter“ in Kinderbüchern verständigt die Gesellschaft sich darüber, wo die Grenze zwischen womöglich notwendigen Eingriffen in Klassiker und übertriebener Moralapostelei verläuft.

„Satire darf keine Hetze sein“, sagte Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann 2016 anlässlich der Einstellung des Strafverfahrens gegen Jan Böhmermann wegen dessen Erdogan-Schmähung (die übrigens genau das thematisierte: den Witz und seine moralischen und juristischen Grenzen). „Sie darf nicht auf Menschen zielen, die sowieso schon gesellschaftliche Verlierer sind. Andere Grenzen gibt es für mich nicht,“ so Stuttmann. Nach dieser Regel wäre Kramp-Karrenbauers Toilettenwitz eine unzulässige moralische Grenzüberschreitung. Denn Intersexuelle haben es nicht leicht in der Gesellschaft, ihnen fehlt Anerkennung, beileibe nicht nur, wenn sie sich zwischen dem Männer- und dem Frauen-WC entscheiden müssen.

Lachen ist nicht nur rebellisch, es bestärkt auch das Kollektiv

Der Witz, die Satire, der Spott gehören zum Wesen der Demokratie. So schwer es fällt, auch das Recht auf schlechte Witze muss man verteidigen, ob es sich um Böhmermanns machohaften „Ziegenficker“-Tabubruch handelt oder um Kramp-Karrenbauers Versuch, sich des Schulterklopfens der konservativen CDUler zu vergewissern, indem sie sich über die Minderheiten-Sensibilität der „Latte-Macchiato-Fraktion“ mokiert. Lachen enthält ja nicht nur Widerstandspotential, es kann auch das Gemeinschaftsgefühl stärken, die Stammtisch-Stimmung. Das ist der unsympathische Reflex bei Kramp-Karrenbauers Toiletten-Witz: Dass er im Rahmen ihres Publikums nicht wider den Stachel löckt, sondern die dortige (jedenfalls vermeintliche) Mehrheitsüberzeugung bestärkt und bestätigt.

Aber wo kommen wir hin, wenn nur noch Witze gerissen werden dürfen, die man selber für gelungen hält? Wenn nur noch die "Richtigen" sie erzählen dürfen? Welcher Autorität müssten wir uns beugen, die das entscheidet? Kein Grund zur Beunruhigung: Da macht eine Politikerin einen schlechten Witz, viele regen sich auf, Argumente werden ausgetauscht. Und die Öffentlichkeit denkt einmal mehr laut nach, über das sich verändernde Bewusstsein im Umgang miteinander, über den Respekt der Mehrheit vor Minderheiten, über Macht und Moral, Freiheit und Gesetze. Gut so, man nennt es Demokratie. 

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