Wandel in der Musikindustrie : Wie klingt ein Hit für 100 Euro?

Bei „Fiverr“ kann man Gitarrensoli, Songtexte oder Beats zu Ramschpreisen kaufen. Das verändert die Art, Musik zu machen. Ein Selbstversuch.

Bei "Fiverr" kann man sich einen Hit für 100 Euro zusammenstellen.
Bei "Fiverr" kann man sich einen Hit für 100 Euro zusammenstellen.Foto: istockphoto

Als Fools Garden 1995 plötzlich an der Spitze der Charts standen, war das eher ein Versehen. Die Band aus Pforzheim spielte „Lemon Tree“ in einem unscheinbaren Pub, ein Radiomoderator stand im Publikum, nahm den Song mit in seine Show. Er wurde ein Hit. Wie sich die Musiker wohl in dem Moment gefühlt haben? Von jetzt auf gleich berühmt und erfolgreich, ein Popstar sein, das gehört in die Top-Ten der Kindheitsträume. Aber man kann ja nicht ewig darauf warten, entdeckt zu werden.

Blöd nur, wenn man selbst keine Ahnung hat, was einen Hit ausmacht. Doch: Muss man das überhaupt wissen? Wo es doch im Internet praktisch alles zu kaufen gibt. In Berlin hängen an jeder Ecke Werbeplakate für die Plattform „Fiverr“.

Das ist eine Art Ebay Kleinanzeigen für Dienstleistungen, die geistiges Eigentum erschaffen, vor allem für Audio und Video. Man kann hier so ziemlich alles kaufen, von Jingles für einen Podcast über Sounds für eine App bis zur professionellen Synchronstimme für einen Werbespot – und eben verkaufen. Auch Musiker nutzen den Dienst. Das Unternehmen mit Sitz in Israel gehörte schon zu den 200 beliebtesten Webseiten der Welt.

Dem Jazzstandard fehlt ein Schlagzeugbeat? Der Rockballade täte ein Gitarrensolo gut? Eine soulige Backgroundsängerin würde den Refrain aufpeppen? Der Song passt, aber die Spuren sind nicht richtig abgemischt? Bei Fiverr gibt es vermutlich jemanden, der das Problem löst.

Zeit für ein Experiment: Kann man sich einen kompletten Song kaufen, ohne eine Note selbst zu schreiben? Bloß, indem man den richtigen Musikern die richtigen Aufträge erteilt? Was würde ein Welthit kosten? Versuchen wir es mit 100 Euro.

Ein Fünftel der Top-100-Charts 2018 waren Hip-Hop-Songs

Ein Hip-Hop-Song soll es werden, das scheint am günstigsten zu sein – nicht zu viele Instrumente, trotzdem Hit-tauglich. Allein in den deutschen Charts war 2018 ein Fünftel der Top100 Rapsongs. Kurz ein paar alte Lieblingsalben durchgehört, dann ist klar, welche Songs als Vorbild dienen sollen.

Testosterongeladene Hip-Hopper gibt es genug, deshalb wird diesmal eine Frau rappen. Der Songtext muss einer sein, auf den sich alle einigen können. Englisch, für den internationalen Erfolg, eh klar. Nicht sexistisch, rassistisch oder homophob, keine Kraftausdrücke. Es soll um ein Thema gehen, das schon oft funktioniert hat: „Big City Life“.

Kein Hit ohne Beat. Der Musiker, der die Bestellung per Kreditkarte für 18,67 Euro annimmt, nennt sich „Splacyice“. Als er hört, dass sein Werk irgendwie klingen soll wie Jay-Z, mit Drums, Bass, ein bisschen Synthesizer, zwei Strophen und Refrain, alles etwa zwei Minuten lang, beschwert er sich nicht über zu genaue Vorgaben. „Thanks, I am on it“, schreibt er in den Messenger und verspricht in 48 Stunden zu liefern.

Nicht zu kompliziert soll es sein, das wussten schon 1988 Bill Drummond und Jimmy Cauty, besser bekannt als „The KLF“. In ihrem Kultbuch „The Manual – How to have a number one the easy way“ beschrieben sie ironisch und detailliert, wie ein Hit entsteht, ohne dass dafür musikalische Fähigkeiten nötig wären. The KLF hatten nach eben dieser Anleitung selbst einen Nummer-1-Hit mit „Doctorin’ the Tardis“.

„Splacyice“ kommt laut Profil aus Nigeria und schreibt über sich: „Your satisfaction is my priority.“ Deshalb wird er nach der Lieferung auch mehrfach daran erinnern, ihm gutes Feedback zu geben, also maximal fünf Sterne. Er beurteilt seine Kunden übrigens auch. „I had a great experience with him“, wird er im Anschluss an diesen Gig, so heißen die einzelnen Aufträge hier, schreiben. Satisfaction hat auch dann noch Priorität.

Musiker unterliegen bei Fiverr der Logik von Google und Tripadvisor

Bei Fiverr ist man nicht Künstler, sondern Dienstleister, und unterliegt damit der gleichen Logik der Bewertung, wie sie Pizzarestaurants, Zahnärzte und Budgethotels bei Tripadvisor, Jameda und Google erfahren. „Splacyice“ liefert viel schneller als versprochen, dreieinhalb Stunden braucht er für die Ware. Die klingt dann auch weniger nach Jay-Zs „99 Problems“ und mehr nach 08/15. Im Supermarkt für Hitparaden gilt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und 100 Euro Gesamtbudget, das stellt sich schnell heraus, sind eher Discounterpreis.

Musik war nie bloß das Ausleben der eigenen Kreativität, sondern immer auch Broterwerb. Mozarts „Requiem“ war natürlich eine Auftragsarbeit für den exzentrischen Grafen Franz von Walsegg, Studiomusiker spielen heute ganze Alben auf Bestellung ein. Wenn Hans Zimmer den Soundtrack für einen Film komponiert, lässt er ihn von den Londoner Philharmonikern aufnehmen.

Das New Yorker Brill Building versammelte Anfang der 60er Jahre dermaßen viele Songwriter unter einem Dach, dass der „Brill Building Pop“ zu einem eigenen Genre avancierte. Hier wurden Hits für andere in Fließbandarbeit produziert und direkt an die Plattenfirmen verkauft, die sie dann ihren Künstlern praktisch zuteilten.

Tryna live my life I need the money not the fame. „Gucciboymelv“ nennt sich der Mann, von dem die Zeile stammt. Das ist nicht sein Künstler-, sondern sein Benutzername, unter dem er „professional rap lyrics“ anbietet. Klingt nach Blingbling, auf seinem Profilfoto trägt der Amerikaner ein Stirnband der Modemarke. Doch statt Ruhm und Reichtum bekommt er 37,42 Euro – bei Lieferung binnen 48 Stunden. Für den Songtext.

Zwei Strophen, die vom Leben in der Großstadt erzählen, von den Beschwerlichkeiten, den Problemen – und von den Hoffnungen, so lautete sein Auftrag. Die Stadt soll nicht konkret benannt werden, es könnte New York sein oder Chicago, London oder Berlin. Damit sich möglichst viele Hörer darin wiederfinden. Die Strophen entsprechen dem, was gewünscht war. Leider wartet man beim Hören vergeblich auf den Refrain. Geliefert wird wirklich nur, was bestellt war.

Als „Gucciboymelv“ die MP3-Datei mit dem Beat seines Kollegen „Splacyice“ über den Messenger erhält, beklagt er sich nicht, dass die Ware seinen künstlerischen Anspruch unterschreite. Auch die weiteren unverschämt-genauen Anweisungen nimmt er gelassen entgegen: Eine Strophe gern düster, wie „The Message“ von Grandmaster Flash, hinten raus bitte etwas fröhlicher. Frank Sinatra hat New York ja schon recht gut gelaunt besungen. „Gucciboymelv“ liefert zwölf Stunden vor Fristablauf.

Wer bei Fiverr seine Talente anbietet, tut das nicht, um berühmt zu werden. Und auch eher nicht reich. Zwischen fünf (daher der Name der Plattform) und 250 Dollar bewegt sich der Großteil der musikalischen Angebote, je nach Aufwand und Grad der Professionalität. Für die meisten Anbieter ist das eine Mischung aus Hobby und Taschengeld. Straßenmusik an der Datenautobahn.

All these great advantages I hopin’ to get paid. Das Thema Geld taucht in beiden Strophen von Gucciboymelv auf. Doch für wen sind die Möglichkeiten bei Fiverr eigentlich so großartig? Nie war Musik so billig zu haben wie heute, das gilt auf jeder Ebene. Stapelweise Platten wurden vielfach durch günstige digitale Abos bei Spotify und Co. ersetzt, fabrikneue Einsteigergitarren hängen in Schaufenstern für weit weniger als 100 Euro. Aufnahmetechnik ist längst fürs Wohnzimmer erschwinglich.

Bei Spotify bekommen Künstler pro Stream 0,0038 US-Dollar

The KLF haben bereits im „Manual“ prophezeit, dass bald Technologie verfügbar sein würde, mit der man die gesamte Produktion zu Hause erledigen könne. „Dann wirst du in der Lage sein, auf den Mist verzichten zu können, in ein Studio gehen zu müssen“, heißt es dort. Apples Programm „Garage Band“ ist sogar kostenlos, damit lassen sich ganze Songs auf dem Handy komponieren. Musik zu hören, zu entdecken und selbst zu machen, ist zugänglicher denn je.

Der Beat, so viel verrät „Splacyice“ in einer seiner knappen Nachrichten, ist mit FL Studios gebaut, einer Software, die etwa 200 Euro kostet, nach zehn Gigs hat er die Ausgaben wieder drin. Doch es sind nicht nur die Investitionsausgaben für Musik, Programme und Instrumente gesunken, sondern auch die Einnahmen. Bei Spotify etwa bekommen Künstler derzeit pro Stream 0,0038 US-Dollar ausgezahlt.

Um das Gleiche zu verdienen wie bei Fiverr, müsste der Beat von „Splacyice“ dort mehrere tausend Mal abgerufen werden. Und er liefert ja bloß ein Bauteil. Bei Fiverr darf der Komponist 80 Prozent des Preises behalten, 20 Prozent bleiben beim Unternehmen.

Das prekäre Bezahlsystem Spotify hat messbare Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen. So haben Studien beispielsweise ergeben, dass Popsongs immer früher enden. Allein von 2013 bis 2018 wurden die Lieder im Durchschnitt um 20 Sekunden kürzer. Waren 2004 noch weniger als ein halbes Prozent der „Billboard Hot 100“-Charts kürzer als 2:30 Minuten, lag der Wert im vergangenen Jahr bereits bei sechs Prozent.

Die Vermutung dahinter: Weil jeder Stream gleich viel wert ist, sind kürzere Songs lukrativer. Der Baukasten-Song übers Leben in der Stadt, den die Musiker unabhängig voneinander „trouble“ taufen, dauert ziemlich genau zweieinhalb Minuten. Vielleicht ist das auch ihre subtile Art, den Frust über diesen maßlosen Kunden rauszulassen.

„Gucciboymelv“ ist Songwriter, kein Performer. Was er liefert, ist eine pdf-Datei mit dem Text, außerdem eine grob eingesungene Fassung, damit der Käufer nachvollziehen kann, wie Rhythmus, Melodie und Timing zusammenpassen. Die Stimme muss man später separat erwerben. Weil das Budget knapp ist, fällt die Wahl auf „Lifestalax“: 4,68 Euro.

„Lifestalax“ ist Italienerin und bietet bei Fiverr nicht nur ihre Stimme, sondern auch Englisch-Übersetzungen an (ab 9,41 Euro) und Modeljobs (ab 14,11 Euro). Bei Bedarf schneidet sie auch Youtube-Videos (ab 9,41 Euro). In ihrem Profil steht „I believe in dreams“ und der Aufruf, sie auch im Internet zu suchen, um ihr Album „Chikitakabum!“ anzuhören. Sie hat ein Video in ihrem Profil, die Stimme klingt lieblich, stilistisch ein wenig wie Kate Nash. Eine gute Entscheidung.

„Lifestalax“ nutzt Fiverr, um sich Reichweite zu verschaffen, wie sie im Chat erklärt. Berühmtheit ist ihr wichtiger als Geld, auch wenn sie am Ende für „trouble“ etwas anderes singen wird. Vom Demotape für den Auftrag ist sie begeistert, das schreibt sie jedenfalls. Ihre Aufnahme ist am Ende ein bisschen neben dem Beat – vielleicht wäre es besser gewesen, sie singen statt rappen zu lassen.

Wie simpel Popsongs funktionieren, hatte Böhmermann 2017 vorgeführt

Der Song nimmt Gestalt an, aber irgendwas fehlt noch. Dabei hilft „Pepercorn“. Der Serbe ist laut eigenen Angaben professioneller Gitarrist und nutzt Fiverr seit knapp zwei Jahren. Für ihn, sagt er, sei das ein tägliches Business. „Ich spiele in zwei Bands und gebe auch Konzerte in Serbien“, aber mittlerweile verdiene er sein Geld eben auch über die Plattform.

„Pepercorn“ hat zahlreiche positive Bewertungen in seinem Profil, seine Lieferzeit ist mit fünf Tagen etwas länger als die der anderen Musiker. Für 60 Sekunden Akustikgitarre bekommt er 9,41 Euro. Um davon leben zu können, muss er schon einige Gigs am Tag abschließen, selbst wenn Miete und Essen in seiner Heimat weniger kosten als etwa in den USA.

„Pepercorn“ leistet buchstäblich Akkordarbeit, die nach dem immer gleichen Prinzip funktioniert. Simpel sein, eingängig, beim ersten Hören muss der Sound im Kopf bleiben. So, wie es Jan Böhmermann 2017 parodiert hat. Der Satiriker sammelte Fragmente aus Werbeslogans und ließ sie im Zoo von einem Schimpansen zusammenwürfeln. Daraus machte er einen Song, der es tatsächlich in die Charts schaffte. Das lag natürlich auch an Böhmermanns enormer PR-Reichweite und daran, dass das Lied „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ mit großen finanziellen Ressourcen produziert werden konnte. Die meisten Kunden bei Fiverr haben diese Ressourcen nicht. Aber genau darin besteht eine Chance – hier kann sich praktisch jeder einen Studiomusiker leisten.

„Pepercorns“ Einspielung klingt überraschend gut. Vier Akkorde, dezentes Fingerpicking auf einer Akustikgitarre. Sauber eingespielt und aufgenommen. Den vorgegebenen Referenzsong – „Thugz Mansion“ von Nas – hat er sich offenbar wirklich angehört. Geliefert wie bestellt. „Pepercorn“ erlaubt, die Tonspur zu kopieren und an anderer Stelle im Song noch einmal zu verwenden. Die Frage danach ist eher eine Höflichkeit, schließlich hat man die Musik ja bezahlt. Und damit treten die Urheber laut den AGBs der Plattform alle Rechte an den Käufer ab.

Manche erheben extra Preise für die Nutzung zu „kommerziellen Zwecken“, aber selbst dann ist es mit einer geringen Einmalzahlung abgegolten. Das bedeutet: Würde aus „Trouble“ wider Erwarten ein Hit, so erhielten „Splacyice“, „Gucciboymelv“, „Lifestalax“ und „Pepercorn“ keinen Cent vom Erfolg.

Der Tonmischer rät, den Cloudrap-Filter zu entfernen

„Pepercorn“ ist als Profi eher eine Minderheit auf Fiverr, und umgekehrt scheint die Plattform unter Berufsmusikern bisher eine kleine Rolle zu spielen. Ein Berliner Studiogitarrist erzählt, dass zwar auch im professionellen Bereich seit langem Tracks hin und her geschickt werden, man also längst nicht mehr zwangsläufig im gleichen Raum sitzen muss, während die Musik entsteht. Die wirkliche High-End-Produktion passiere aber immer noch im Studio – „und das kostet dann richtig Geld“.

Der Song hat endlich alle Zutaten beisammen. Jetzt braucht es noch jemanden, der sie würzt und serviert. Mixing und Mastering heißen diese Arbeitsschritte. Dabei werden die einzelnen Tonspuren übereinandergelegt, abgemischt und zu einem Gesamtwerk gepegelt. Für 18,73 Euro übernimmt das „guitatrplyr“ aus den USA. Er holt erstaunlich viel aus dem Material heraus.

Das fehlende Ohrwurm-Potenzial im Refrain kann auch er nicht ausgleichen, bietet aber immerhin verschiedene Versionen an. Auf die Bitte, einen für Cloudrap typischen Filter über die Stimme zu legen, hört er sich ins Genre ein, und schlägt ein Sample vor. Er empfiehlt jedoch, darauf zu verzichten. Er hat recht. Aber hören Sie selbst!

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