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Der Wasserturm in der Knaackstraße in Berlin Prenzlauer Berg
© Doris Spiekermann-Klaas

Prenzlauer Berg und die Lockerungen: War da was?

Am Wasserturm war am Wochenende wieder alles voll in den Läden - Müller auf, Etc.Bar auf, Hausbar auf, und vor dem Umami stehen die Leute Schlange.

Die Sonne steht schon recht tief an diesem Freitagabend, scheint aber noch schön und heiß in die Knaackstraße in Prenzlauer Berg herein. Es ist, als habe es nie eine Pandemie und einen Lockdown gegeben. Vor dem Pasternak sind alle Plätze draußen besetzt, vor der Bar Gagarin, vor der Hausbar.

Am allervollsten ist es jedoch wie stets im Umami, dem vietnamesischen Restaurant im Haus direkt gegenüber dem Wasserturm.

Bekanntermaßen war hier die Kommandantur zu Hause, eine kurz nach der Wende eröffnete Szenebar, der Schriftzug ist unter den Markisen des Umami noch immer zu sehen. Die Kommandantur schien alle ihre Nachfolger, die sich hier gastronomisch versuchten, ob Chinesen, Spanier, Italiener oder Deutsche, mit einem Fluch belegt zu haben, nie wurde was draus, eine unroyale Tristesse herrschte – bis die Umami–Jungs kamen (es scheint nur eine einzige weibliche Bedienung zu geben).

Das Publikum hier ist jung, nicht über die Maßen hip

Selbst die Räume der Eisdiele nebenan haben sich die Umami-Betreiber inzwischen einverleibt.

An diesem heißen Frühsommerabend steht eine Schlange von gut fünfzehn Menschen vor dem Laden und wartet auf einen der raren Plätze draußen. 

Dass mehr Abstand zwischen den großen Tischen besteht, lässt sich nur erahnen, und wenn, zumindest in Sachen Komfort ist das in jedem Fall ein Vorteil. Dass es Pandemie-Auflagen gibt, sieht man allein an den Masken der Bedienungen.

Das Publikum hier ist jung, nicht über die Maßen hip, durchaus international, aber keineswegs touristisch – und es kommt nicht aus Prenzlauer Berg.

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Es steht in einem auffälligen Kontrast zu der Bevölkerung des Bezirks, die älter ist, bürgerlicher oder noch mal jünger, eben noch nicht das Alter erreicht hat, um in Läden wie dem Umami einzukehren.

Die alten und neuen Locals, sie sitzen im Sommer neben dem vietnamesischen Restaurant, bei Müller, dem charmant runtergerockten Laden von Randolf Müller.

Der Gaststättenbetreiber, wie er sich selbst gern nennt, hat an diesem Abend nach dem Lockdown erstmals wieder aufgemacht, und auch bei ihm ist fast jeder Platz auf den wackeligen Stühlen und an den wackeligen Tischen besetzt.

Müller hat den ersten Tag auf

„Mir dir habe ich noch ein Wörtchen zu reden“, blafft er mich an. Was mich nach den Monaten, die ich ihn nicht gesehen habe, doch irritiert. „Ernsthaft, was war denn?“, frage ich. Doch Randolf Müller lacht nur, „Quatsch“, was mich beruhigt. Er ist in alter Knarzform, hat seinen seltsamen Humor nicht verloren.

Gut schaut er aus, braun gebrannt, in Ringelpulli, Jeans und Converse wie nach einer Segeltour. Auf die Frage, wie es ihm gehe, ob er sich freue, dass er wieder öffnen darf, sagt er nur: „Ach, nö, weiß nicht, geht so“, und auch das passt zu ihm.

Auch nebenan in der Etc.bar bei Peter stehen die Stühle draußen. Nur dass Müller gerade die Nase vorn hat beim Wein- und Bierausschank, im Etc. ist noch nichts los.

Im Müller sitzt dagegen auch schon wieder die Ärztin, die stets Rosé trinkt und mit allen um die Wette strahlt, auch der Kollege von der Zeitung ist da und winkt freundlich herüber.

Am Nebentisch jedoch fragt sich ein Pärchen, er in Schlabberlook mit Birkenstock, sie etwas zünftiger und mit Afghan-Whigs-T-Shirt, ob das alles wirklich schon wieder seine Richtigkeit haben kann nach dem Coronavirus-Schock. „Ich habe kein gutes Gefühl bei all dem Rummel“, sagt er. Sie beruhigt ihn: „Ach, passt schon, hilft doch alles nichts.“

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