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In "Schacko" von Kaufmann & Co geht es um eine Operndiva.

© Lutz Anthes

Kasperle muss draußen bleiben: Das Duo Kaufmann & Co zeigt modernes Objekttheater auf dem Festival Berlin Showcase.

„Die Schöpfungsgeschichte ist nur entstanden, weil wir unbedingt mal was mit Klebeband machen wollten.“ Eva Kaufmann lacht. Aus diesem Gedanken habe sich „Licht Bitte!“ entwickelt, in dem zwei konkurrierende Engel ihren Chef beeindrucken wollen. Sie streiten und basteln drauflos, bis Erde mit Mensch darauf erschaffen sind. Das Leben: ein missglücktes Prestigeprojekt. „So ist es oft“, sagt Alexandra Kaufmann, „man kommt vom Ding zur Geschichte.“ Manchmal bleibe dabei das Ding auf der Strecke: Im fertigen Stück kommt kein Klebeband mehr vor.

Objekttheater, wie es die beiden verstehen, funktioniert so: Gegenstände befragen, Bezüge herstellen, Geschichten entwickeln. Da finden sich die rivalisierenden Familien in „Romeo und Julia“ schnell durch kratzbürstige Spreewaldgurkengläser symbolisiert, die blutige Fehde zwischen ihnen endet in einem Gemüsemassaker. Besonnener geht es in ihrer neuen Inszenierung „Schacko“ zu, die am Samstag beim Puppentheaterfestival Berlin Showcase zu sehen ist. Erzählt wird die Lebensgeschichte der Opernsängerin Maria Schacko. Alexandra Kaufmann fand den Nachlass der Diva auf dem Speicher ihrer Tante und beschloss, die Memoiren mit der Gruppe Kaufmann & Co auf die Bühne zu bringen. Das Ensemble benutzt kaum Requisiten, um sich in die Biografie einer Frau zu tasten, die mit der kulturellen Prominenz des 20. Jahrhunderts verwandt, befreundet oder liiert war – und zeitlebens daran scheiterte, selbst berühmt zu werden.

„Normalerweise bringen wir mit unseren Festivals internationale Produktionen nach Berlin“, sagt Silvia Brendenal. „Mit Showcase wollen wir einem internationalen Publikum Berliner Produktionen zeigen.“ Brendenal ist künstlerische Leiterin der Schaubude, die das Festival veranstaltet. Das Programm ist ihr persönliches Anliegen. Nach 18 Jahren gibt sie kommenden Sommer ihren Posten ab. Vor dem Ruhestand wollte sie unbedingt noch einmal eine Auswahl der Produktionen präsentieren, die sie begeistert haben: „Puppentheater ist die spannendste Theaterszene, die es gibt!“

Nein, mit dem Begriff haben auch Alexandra und Eva Kaufmann kein Problem, obwohl er an kreischende Kinder und lieblos dekorierte Stoffhandschuhe denken lässt. Dass ihr Berliner Kollege René Marik mit seinem „Rapante Rapante“-Maulwurf der Szene die Tür zur Comedy aufgestoßen hat, freut sie. „Ist doch schön, wenn eine Form, ein Name bekannt wird“, sagt Alexandra Kaufmann, „dann kann ich neuen Bekannten erklären: Wir machen so was wie der – nur ganz anders.“ Ganz anders sind alle 15 Produktionen (vier für Kinder, elf für Erwachsene), die in der Festivalwoche gezeigt werden. Den meisten Besuchern fiele es schwer, das Gezeigte überhaupt in eine Sparte zu drücken, und sicher wäre es nicht die Sparte Puppenspiel. Brendenal hat schon vor Jahren erkannt, dass Kaufmann und Kaufmann das Label mit neuartigen Inhalten anreichern würden. Da waren die beiden erstmals an der Schaubude und wussten selbst noch nichts davon.

Inzwischen bedient sich auch ihr Theater der Dinge munter bei den Schwestern Performance und bildende Kunst. Schwestern sind sie selbst übrigens keine, auch nicht verheiratet. „Im Gegenteil“, sagt Eva Kaufmann, „ich kam damals aus Wien hierher und dachte, was fällt der denn ein, auch so zu heißen?“ Vom ersten Irritationsmoment ist nur ein kribbelnder Kontrast geblieben, wenn sie Sätze hin- und herwerfen, in österreichischem Deutsch und Alexandras Berlinerisch. Dass sie dieselbe Bühnensprache sprechen, bemerkten sie schon nach wenigen gemeinsamen Monaten an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

Ein sanfter Trend: Das Puppentheaterpublikum wächst

Alexandra und Eva Kaufmann sind zusammen Kaufmann & Co.
Alexandra und Eva Kaufmann sind zusammen Kaufmann & Co.

© Sebastian Dudey

„Das Puppenspielstudium ist dem Schauspielstudium sehr ähnlich“, sagt Eva Kaufmann. Außer in Berlin wird es nur noch in Stuttgart als staatlich anerkannte Ausbildung angeboten. Kurse in Darstellung und Gesang, Improvisation und Charakterstudien, aber auch Weiterbildung im Schnitzen und intensive Beschäftigung mit Material. So ziemlich jedem: „Wenn ein Schauspieler ein Glas Wasser sieht“, sagt Alexandra Kaufmann und schiebt ein imaginäres Wasserglas auf dem Tisch hin und her, „überlegt er, wie er es austrinkt, hinstellt und ignoriert, was er damit über seine Figur erzählen kann. Ein Puppenspieler überlegt, was das Glas Wasser erzählt.“ Nicht nur im Scheinwerferlicht. Berufskrankheit: Die Objekte der Umgebung gedanklich in neue Kontexte zu stellen, ihr Verhältnis zu untersuchen. Kugelschreiber, Stuhlbein, Bierdeckel: „Wir leben in einer Welt der Dinge“, sagt Brendenal, „aber erst, wenn wir mit ihnen spielen, nehmen wir sie wieder wahr.“

Aus Erfahrung kann Silvia Brendenal Lieder davon singen, wie dieses Atem-Einhauchen auf die Menschen wirkt. Einmal sei eine Frau zu ihr gekommen, verstört, und habe den Eintritt zurückgefordert, weil es ja gar kein Kasperletheater gewesen sei. In derselben Aufführung sei ein Pärchen noch lange nach dem Schlussapplaus sitzen geblieben, habe sich an den Händen gehalten, die Frau habe vor Rührung geweint. „Geschichten mit spartanischen Mitteln zu erzählen“, sagt sie, „beflügelt die Fantasie. Der Kontakt mit dem Erlebten wird intensiver. Viele wollen das. Viele vermissen das.“

Einen sanften Trend können auch Alexandra und Eva Kaufmann erkennen: Trotzdem die staatliche Förderung notorisch schrumpft, kommen mehr Leute als noch vor zehn Jahren, und immer mehr kommen immer wieder. Hallen füllen sie trotzdem nicht. Wollen sie auch nicht: Man müsse einen gemeinsamen Assoziationsrahmen mit dem Publikum finden, „es muss Klick machen“, sagt Alexandra Kaufmann, und Klick macht es nicht, wenn 500 Augenpaare versuchen, eine Nussschale zu sehen.

Im intimen Rahmen dagegen erweckt die schamanische Kunst ihre Requisiten. Wenn es gut läuft, sind die beiden nur mehr Regisseurinnen, rücken Darsteller aus Holz und Plastik zurecht, damit die miteinander ins Gespräch kommen. Selbst die Sprache wird dann Objekt, löst sich von ihrer Trägerfunktion, entwickelt Eigenleben. Dabei mischen die Kaufmanns eigentlich selbst gerne mit. Als Körper und Figuren: In „Schacko“ gibt Eva Kaufmann eine Schauspielerin, der von Alexandra das Prinzip Objekttheater erklärt wird. Wie alle ihre Inszenierungen balanciert auch dieses Stück zwischen Komik und Tragik. Komik findet sich durchaus in den Texten Maria Schackos, die so gern unvergessen gewesen wäre. Tragisch ist ihr Schicksal: Die Sängerin erkrankte an Alzheimer und vergaß sich schlussendlich selbst.

Große Bögen mit kleinen Mitteln schlagen: Seit 2005 tourt Kaufmann & Co, von Bühnenbildner Werner Wallner komplettiert, durch den deutschsprachigen Raum. Mit ungebrochener Lust, Stoffe zu entwickeln, zu improvisieren, beharrlich einer absurden Idee zu folgen. Dem Klebeband zum Beispiel. „Gekommen bin ich darauf, als ich in einem Kurs etwas erklären wollte und blindlings nach Tape gegriffen habe“, sagt Eva Kaufmann. Und Alexandra Kaufmann ergänzt: „Wir würden gern mal ein Stück machen mit all den Ideen, die vom Tisch gefallen sind. Es wäre doch schade um all die Einfälle.“ Wäre es.

Festival Berlin Showcase, bis 6. November. „Schacko – von Diven, Dirigenten und anderen Dramen“, 1. November, 20 Uhr, Schaubude Berlin, Greifswalder Str. 81-84

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