Webers "Freischütz" im Heimathafen Neukölln : Ins Blaue geschossen

Der 20-jährige Dirigent Gregor Böttcher bringt mit Studienfreunden Webers „Freischütz“-Oper in den Heimathafen Neukölln.

Gregor Böttcher bei der Probe.
Gregor Böttcher bei der Probe.Foto: Mike Wolff

Gregor Böttcher entdeckt die Welt am liebsten auf eigene Faust. Mit der Trompete, die ihm seine Eltern in die Hand drückten, tat er sich schwer. Viel neugieriger war er aufs Klavier: Er fing an herumzufingern, wurde schnell besser, übte dann konsequent. „Ich wollte so werden wie Bodo Wartke, der singende Pianokabarettist“, sagt Gregor Böttcher. Auch als er mit 18 Jahren beschloss, Dirigent für klassische Musik zu werden, wählte er wieder den autodidaktischen Weg, gründete erst einmal ein Orchester, griff sich einen Taktstock und legte los.

„Klangrausch“ nannte er die Formation, in Potsdam, wo der gebürtige Hamburger aufgewachsen ist und das musikbetonte Gymnasium Hermannswerder besucht hat, traten sie auf, mit anspruchsvollen Programmen und der Chuzpe von Heranwachsenden. Parallel dazu bereitete sich Gregor Böttcher auf die Aufnahmeprüfung an der Berliner Akademie der Künste vor, mit dem Horn als Hauptinstrument – das er erst ein Jahr zuvor überhaupt erlernt hatte. Er wurde angenommen, lässt jetzt, nach dem dritten Semester, aber das Studium schon wieder ruhen. „Ich habe gerade einfach zu viel zu tun als Dirigent“, sagt Gregor Böttcher nicht ohne Stolz. Der Mitschnitt einer seiner Auftritte auf DVD genügte, um ein Profiorchester aus Kiew zu überzeugen: Sie luden den jungen Mann in die Ukraine ein, dort wiederum saß ein Musikmanager aus Kasachstan im Publikum, der ihm ebenfalls eine Chance gab. Auch in Litauen wird er demnächst debütieren – und die Kiewer haben ihn gleich für ein weiteres Konzert eingeladen.

Gregor Böttcher macht das mit links

Gregor Böttcher ist also ein Macher. Aber keiner, der schneller durchkommt als andere, weil er die Ellenbogen besonders gut ausfahren kann, sondern einer, der seinen Gegenüber durch leuchtende Augen überzeugt. Die vom Feuer künden, das in seinem Inneren brennt. Und von der Leidenschaft, die ihn vorantreibt. Inzwischen nimmt er auch Dirigierunterricht.

Wer Gregor Böttcher bei der Probe im Orchestergraben des Neuköllner Heimathafens beobachtet, der sieht: Er macht das mit links. Ganz konkret, weil er den Taktstock in der anderen Hand hält als die allermeisten seiner Kollegen. Aber auch, weil er eine natürliche Autorität hat. Souverän vermittelt er zwischen den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne und den drei Dutzend Musikerinnen und Musikern zu seinen Füßen, gibt auf nette, aber bestimmte Art Hinweise zu Tempo, Klangbalance und Zusammenspiel.

Probeszene aus dem „Der Freischütz“ im Heimathafen Neukölln.
Probeszene aus dem „Der Freischütz“ im Heimathafen Neukölln.Foto: Mike Wolff

Webers „Freischütz“ ist bereits das dritte Projekt des „Ensemble ConTutti“, das Gregor Böttcher gleich in seinem ersten Semester an der UdK zusammen mit einem Freund gegründet hat. Neben dem Orchester gehört auch ein Chor dazu, nach der „Nelson-Messe“ von Haydn und Faurés Requiem haben die „ConTuttis“ sich jetzt die deutscheste aller Opern vorgenommen. 80 junge Leute machen mit, im Orchester sitzen viele angehende Musikpädagogen. Die Bühnen- und die Kostümbildnerin kommen von der Kunsthochschule Weißensee, die meisten Solisten von der Eisler-Musikhochschule, ebenso wie der Regisseur Tilman aus dem Siepen. Er ist, wie Gregor Böttcher, 20 Jahre jung, beide kennen sich aus gemeinsamen Grundschulzeiten.

„Seit einem Dreivierteljahr laufen die Vorbereitungen, alle machen unentgeltlich in ihrer Freizeit mit, als zehnköpfiges Organisationsteam konnten wir einige universitäre Fördergelder einwerben – und doch bleibt das Projekt ein finanzielles Risiko“, erzählt Gregor Böttcher. Angehende Künstler seines Schlages schreckt das allerdings wenig. Nicht zögern, einfach machen, lautet die Devise. Darin ist er dem jungen Simon Rattle ähnlich, der als 18-Jähriger in London ebenfalls seine Kommilitonen zusammentrommelte und ein eigenes Sinfonieorchester auf die Beine stellte, weil er davon träumte, Gustav Mahlers monumentale zweite Sinfonie aufzuführen. Zumindest in Rattles Fall hat der Übergang in die Profikarriere dann ja ziemlich gut geklappt.

Heimathafen Neukölln, Aufführungen am Sonntag und Montag, jeweils 20 Uhr.

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