Wendekrimi „Freies Land“ : Ost gegen West

Ein Fall 1992 in der ostdeutschen Provinz. Über die Wirren der Nachwendezeit hatte ein deutscher Thriller gefehlt. Die Auseinandersetzung bleibt problematisch.

Jan-Philipp Kohlmann
Ungleiche Ermittler. Stein (Trystan Pütter, l.) und Bach (Felix Kramer).
Ungleiche Ermittler. Stein (Trystan Pütter, l.) und Bach (Felix Kramer).Foto: Telepool

Kann gut sein, dass „Top Shots“ in ein paar Jahren als Arschgeweih unter den filmischen Stilmitteln gelten. Für kurze Zeit ein Eyecatcher, aber bald schon Zeichen einer plumpen Protz-Ästhetik. Wo man früher einen teuren Kran oder gar einen Helikopter brauchte, setzen Filmschaffende heute inflationär Drohnenkameras ein. Auch Christian Alvart, Regisseur und Kameramann von „Freies Land“, schwingt seine Drohne bei jeder Gelegenheit in die Lüfte.

Immerhin gelingt ihm damit eine atmosphärische Eröffnungssequenz: Die Kamera gleitet über eine winterliche Sumpflandschaft, ein Mercedes schiebt sich über einen Deich, vorbei an verfallenen Höfen und Industrieanlagen.

Kurz darauf kollidiert der Wagen beinahe mit einer Kuh und rast ungebremst in einen Wassergraben. Ein absaufender Mercedes, das ist eine treffende Metapher für das Setting von „Freies Land“ im Jahr 1992, mitten im provinziellen Sumpf der ostdeutschen Nachwendezeit.

„Hotel Fortschritt“ heißt dann auch der Gasthof, in dem sich der Kommissar Patrick Stein (Trystan Pütter) aus Hamburg und der Rostocker Ermittler Markus Bach (Felix Kramer) zum ersten Mal begegnen. Das Radio berichtet von Arbeitslosigkeit und Fabrikschließungen, der „Aufbau Ost“ hat sich als Illusion erwiesen.

„Willkommen in den blühenden Landschaften“, sagt Bach, der sich abwechselnd Tabletten, Bier und deftige Fleischgerichte einverleibt: „Bautzner Senf, so was können die im Westen gar nicht!“

Mädchen verschwinden, die in den Westen auswandern wollten

Für den Idealisten Stein ist der Auftrag eine Strafexkursion. In Hamburg hat er gegen den korrupten Polizeipräsidenten aufbegehrt. In der Provinz muss er nun mit Bach einen undankbaren Fall lösen: Zwei Schwestern sind spurlos verschwunden, es besteht Mordverdacht, ohne weitere Indizien. Bald stellt sich heraus, dass seit Jahren Mädchen aus dem Ort verschwinden, die in den Westen auswandern wollten.

Als die Leichen der Schwestern im Fluss gefunden werden, verstümmelt und vergewaltigt, gerät der Dorf-Casanova ins Visier der Ermittler. Die Fahndung nach einem Serienmörder stößt indes auf wenig Unterstützung. Die örtliche Polizei und der neue Fabrikbesitzer aus dem Westen verfolgen ihre eigene, durchaus kriminelle Agenda.

Ein Thriller über die Wirren der Nachwendezeit ist tatsächlich mal ein Stoff, der dem deutschen Kino gefehlt hat. Für die hegemoniale Erinnerung an 89/90 ist bezeichnend, dass der „Wendefilm“ zu einem Subgenre herangereift ist – mit dem Mauerfall als Klischee gewordenes Happy-end.

Über die Auswirkungen der Einheit auf ostdeutsche Verhältnisse hingegen gibt es kaum Spielfilme, lediglich eine Reihe hervorragender Dokumentarfilme. Genug zu erzählen gäbe es über diese Zeit, vor dem Hintergrund aktueller Debatten über die Bilanz der Einheit, ostdeutsche Identität und rechte Gewalt.

Originalgetreues Remake eines spanischen Films

Umso merkwürdiger, dass Alvart und Co-Autor Siegfried Kamml, die gemeinsam an mehreren Til-Schweiger-Tatorten gearbeitet haben, das Drehbuch eines spanischen Films als Folie nutzen: „Freies Land“ ist ein originalgetreues Remake von „La isla mínima“ (2014). Bild für Bild, Satz für Satz mag das dramaturgisch funktionieren, nicht aber für diesen spezifischen historischen Kontext.

Der Film von Alberto Rodriguez Librero spielt 1980 während der Transición von der Franco-Diktatur zur Demokratie, die ungleichen Ermittler sind ein Faschist und ein Republikaner. Klar, wem im Remake der Faschist als Vorlage dient.

Je genauer man in „Freies Land“ auf die Details achtet, desto absurder wird es. Das reale Dorf Löwitz in Mecklenburg-Vorpommern liegt im Film an der Neiße, die nicht mal durch dieses Bundesland fließt, und ständig berichtet über den Fall eine Lokalzeitung aus dem Berliner Umland. Dummheit ist das nicht, eher Ignoranz. Eine Haltung, die sich ein westdeutscher Regisseur bei einem sensiblen Thema wie der Wendezeit besser verkneifen sollte.
[In den Kinos b-ware!, Delphi Lux, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Tilsiter.]

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