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Die Handwerker aus Albano Laziale und der Frauenchor im Haus der Berliner Festspiele.

© Foto: Ruth Tromboukis

Wenn Handwerker Neue Musik machen : Der Klang der Welt

Giorgio Battistellis „Experimentum Mundi“ versammelt Schuster, Schmiede und Maurer zum Percussion-Zauberwerk. Mit dem Klassiker der Musique concrète gastieren sie in Berlin.

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Toktoktok, bummbummbumm, das Leben ist ein Schlagwerk. Herzschlag, Zungenschlag, Taktschlag, ohne Puls kommt kein Mensch aus. Erst recht keine Musik.

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat diesen Puls den Handwerkern seines Heimatstädtchens Albano Laziale südlich von Rom abgelauscht. Er war auf der Suche nach asymmetrischen Rhythmen, genau wie einst Stockhausen oder Lachenmann, probierte es zunächst mit der Notation nach Tonaufnahmen der traditionellen Gewerke und mit professionellen Musikern. Aber die pochten viel zu korrekt, zu präzise. Also holte er die Handwerker selbst auf die Bühne, mit ihren unendlich variablen, komplexen, beseelten Rhythmen. Leben bedeutet, aus dem Takt zu geraten.

Anfangs erklärten die Handwerker ihn für verrückt. Inzwischen touren sie seit gut 40 Jahren mit Battistelli und seinem Musiktheater „Experimentum mundi“ durch die Welt. 16 Männer, zwei Schuster, Straßenpflasterer, Schmiede, Scherenschleifer, Tischler, Küfer und Maurer, ein Bäcker, ein Steinmetz.  

Plopp, sagt das Ei, als es ins Mehl fällt. Der Pastabäcker zerdrückt die knisternde Schale vor dem Mikro und klappert minutenlang mit dem Rührstab. Ein schnelles, helles, Dingding, zu dem sich das sanfte Schaben der Schuster gesellt, bald darauf das Schieben und Schaufeln der Maurer, wenn sie den Mörtel anmischen, das Wischgeräusch der hobelnden Tischler, der hohe, harte Klopfton des Meißels. Der einzige „klassische“ Musiker in der Runde, der Schlagzeuger Nicola Raffone, verwandelt sich die Rhythmus-Collage kongenial an, mit Bongos, Trommeln, Becken, Maracas, Tambourines, Shakern und vielem mehr.  

Man schließt kurz die Augen im Haus der Berliner Festspiele, in dem die Deutsche Oper mit „Experimentum mundi“ zu Gast ist - und hört, wie ein Städtchen erwacht. Ein Crescendo in den Tag hinein, bis die Straßenpflasterer ihr Staccatoklopfen beschleunigen, die Küfer zu mächtigen Fasshammerschlägen ausholen und die Scherenschleifer die Funken sprühen lassen.

Tausend Arten, Dinge herzustellen, die das tägliche Leben am Laufen halten. Dazu murmeln und wispern die Frauen, es ist ein fünfköpfiger Chor. Ihr Flüstern schwillt manchmal mächtig an, keine Frage, wer hier eigentlich das Sagen hat.

Oder vielleicht doch der Sprecher? Am linken Bühnenrand rezitiert der Songwriter und Schauspieler Peppe Servillo in dem gut einstündigen Werk Bild-Erklärtexte zu den traditionellen Gewerken aus der Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, einem Schlüsselwerk der Aufklärung. Streichmaß, Stocksäge, Stecheisen, Spundhobel, Fugbank, Ofenwischer – lauter eigentümliche Wörter, die mit dem traditionellen Handwerk ins Vergessen geraten. Servillos mal lakonisches Parlando, mal pathetischer Singsang mit ironischem Einschlag kippt im Mittelteil ins Tänzerische, schließlich in die Psalmodie. Anrufungen, profane Lobgesänge, Gebete   – der Frauenchor verstärkt die Aura das Mysteriösen.

  Metallbaumeister Martin Richert schmiedet mit Hammer und Amboß in der Metallwerkstatt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ein Zierelement eines Metallzauns am Neuen Garten.
Hammerschlag und Funkenflug: Schmiede produzieren oft die kompliziertesten Rhythmen.

© / Foto: Jens Kalaene/dpa

Handwerk ist auch Magie. Der 69-jährige Battistelli, der auf der Biennale Venedig gerade mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und nächsten Juni seine Oper „Teorema“ an der Deutschen Oper zeigt, dirigiert mit wirbelnden Händen, hüpft und beschwört das Ensemble, verdichtet und schichtet die Rhythmen. Mit harschen Cuts sorgt er für Generalpausen, vereinzelt das Hämmern, Klingeln, Tackern, um es accelerando wieder zum Percussion-Cluster zu steigern. Die Bühne wird in rotes Licht getaucht, bis zur gewaltigen Apotheose am Ende.   

Battistellis Komposition ist ein Kultstück, ein Klassiker der Musique concrète, wie sie im 20. Jahrhundert zunächst in Frankreich ersonnen wurde. Ja, die Herren auf der Bühne sind in die Jahre gekommen: Einer der beiden Maurer ist noch derselbe wie bei der Uraufführung 1981, erzählte Battistelli dem RBB, er ist über 80 Jahre alt. Und die Frauen bleiben dann doch in der zweiten Reihe.

So ist „Experimentum Mundi“ nicht zuletzt  ein musikalische Hommage an aussterbende Berufe in Zeiten der industriellen Fertigung von Nudeln, Schuhen, Häusern: ein akustisches Heimatmuseum. Vor den Maschinen waren die Menschen und ihre Manufakturen, es gilt, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Battistellis kurzweiliges Museum hat viele Besucher verdient.

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