Wie arbeiten jüngere Dirigenten? : „Teamwork ist möglich“

Gibt es Alternativen zu Daniel Barenboims autoritärem Führungsstil, wenn große Kunst entstehen soll? Ja, sagt der britische Dirigent Edward Gardner. Ein Gespräch.

Wider den tierischen Ernst. Edward Gardner mag Proben, bei denen auch mal gelacht wird.
Wider den tierischen Ernst. Edward Gardner mag Proben, bei denen auch mal gelacht wird.Foto: Benjamin Ealovega

Edward Gardner, geboren 1974 in Gloucester, ist seit 2015 Chefdirigent des Bergen Philharmonic Orchestra in Norwegen. Zuvor war er acht Jahre Musikdirektor der Londoner English National Opera. Am Sonntag begeisterte Gardner das Publikum in der Philharmonie bei seinem Debüt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Der Brite ist ein Augenblicksmusiker, dem es gelingt, die Besonderheit des Live-Erlebnisses spürbar zu machen und enorm viel Energie von der Bühne in den Saal strömen zu lassen. Bei dem klug zusammengestellten Programm zum Thema Wasser mit Debussys „La mer“, Wagners „Holländer“-Ouvertüre, Mendelssohns „Meeresstille und glückliche Fahrt“ sowie Chaussons „Poème de l’amour et de la mer“ ermöglichte es Gardner dem RSB, als Kollektiv zu glänzen.

Herr Gardner, wann wussten Sie, dass Sie Dirigent werden wollen?

Als Kind haben ich viel im Chor gesungen und schon damals hat mich interessiert, wie sich Musik formen lässt, wie aus den schwarzen Punkten Emotionen entstehen. Denn es ist ja die Aufgabe von uns Interpreten, beschriebenes Notenpapier zum Leben zu erwecken. Und das geht nur, wenn alle Ausführenden untereinander in einen intensiven Kommunikationsprozess geraten. Der Maestro als Diktator, der eine Gruppe von Dienern befehligt, das ist nicht mein Konzept. In meiner Generation geht es darum, die Orchester zu überzeugen, durch eine persönliche Leidenschaft für die Werke.

Ihr Chordirektor muss ein toller Pädagoge gewesen sein, wenn sich Ihnen schon so früh solche Grundfragen erschlossen haben.

Er war ein warmherziger Mensch mit natürlicher Autorität und einer großen Fähigkeit, seine Gedanken zu vermitteln. Er konnte uns Kinder wirklich für die Werke begeistern. Er war eine Art Vaterfigur für mich, ich habe sehr viel von ihm gelernt. Und ich hatte das Glück, weitere, ähnliche Persönlichkeiten auf meinem Karriereweg zu treffen.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Sinfoniekonzert?

Ich habe Orchestermusik recht spät für mich entdeckt. Als ich schon Teenager war, kam Simon Rattle mit seinem Orchester aus Birmingham zu uns in die Region. Also der ideale Repräsentant des neuen Dirigententyps. Der in Berlin aber zunächst Probleme damit hatte, dass wir in Großbritannien in den Proben ganz anders mit den Musikern reden. In Deutschland werden klare Ansagen gemacht, bei uns hingegen bevorzugt man eine Leichtigkeit in der Ansprache, da wird viel mit Worten gespielt, mit bewussten Übertreibungen, bei denen der Dirigent das Gegenteil von dem fordert, was er gerade sagt. „Können wir das vielleicht noch lauter machen?“, bedeutet zum Beispiel: „Bitte spielen Sie leiser!“

Geht es darum, die Probenatmosphäre aufzulockern?

Ist es nicht wunderbar, wenn wir in diesem hochkonzentrierten, immer von Zeitdruck geprägten Prozess auch mal lachen können? Die Fantasie der Musiker anzuregen, das wird für mich immer wichtiger bei der gemeinsamen Arbeit. Wir sollten wegkommen von den technischen Begriffen, mehr in Farben denken, also atmosphärischer. Carlos Kleiber ist da mein Vorbild: Dieser geniale Künstler hat eine unglaublich metaphernreiche, ja geradezu comichafte Sprache entwickelt, um zu beschreiben, wo er hinwollte.

Andererseits können Musiker Dirigenten nicht leiden, die zu viel reden.

Das stimmt. Darum ist es wichtig, auch dem Orchester zuzuhören. Ich habe natürlich meine Sicht auf das Stück, die ich verteidige, aber ich will den Musikern das Gefühl geben, dass ich offen für Gegenargumente bin. Jedes Orchester hat seine eigene Identität, und die muss ich respektieren.

Wie lange dauert es, bis Sie spüren, ob die Chemie zwischen Ihnen und einem Orchester stimmt?

Das geht normalerweise ganz schnell. Dann aber kann es auch passieren, dass wir zwei Tage lang richtig Spaß zusammen hatten und kurz vor der Generalprobe kommt dann plötzlich diese bierernste Jetzt-Müssen-Wir-Alles-Korrekt- Machen-Stimmung auf. Da versuche ich dann, die Lockerheit zurückzuholen, die Musik im Fluss zu halten. Darauf kommt es ja auch im Konzert an.

Wie schnell werden Sie wütend, wenn Sie den Eindruck haben, dass die Musiker nicht alles geben?

Heutzutage gibt es keine Orchester mehr, die unwillig sind oder gar böswillig. Aber wenn ich Widerstand spüre, versuche ich das sofort zu thematisieren. Wo es um interpretatorische Details geht, die mir wichtig sind, da insistiere ich, versuche, aus den Muskeln der Musiker herauszumassieren, was darin steckt.

Wenn Sie ein Orchester auf ein höheres Niveau heben wollen, müssen Sie es aus der Komfortzone herausholen?

Dazu muss man auch mal streng sein. Von 95 auf 100 Prozent zu kommen, das ist mühsam. Das können dann schon mal zehn unangenehme Minuten werden. Wenn es ein Problem gibt, versuche ich, es so früh wie möglich anzusprechen, nicht erst kurz vor der Generalprobe. Damit die Betreffenden meine Kritik aufnehmen, verarbeiten und sich dann auch wieder entspannen können. Denn die feinen Schattierungen, die mir so wichtig sind, gehen verloren, wenn die Leute zu sehr darauf bedacht sind, alles korrekt zu machen. Den Musikern muss klar sein, dass es um die Sache geht, nicht um den einen oder anderen persönlich.

Ein ehemaliger Musiker der Staatskapelle hat sich beschwert, dass Daniel Barenboim ihn in den Proben immer nur „Pauke“ genannt hat. Der Maestro antwortete ihm, er solle sich nicht so anstellen, denn wenn er in die Partitur vertieft sei, denke er in Instrumenten und sage darum „Pauke“. Wie halten Sie es damit?

Ich versuche immer, jeden beim Namen zu nennen. Denn es handelt sich schließlich um Individuen.

Wie wichtig ist es, jenseits der Proben einen Kontakt zu den Musikern zu haben?

Sehr wichtig, denn ich bin doch ein Teil von ihnen. Darum muss ich ansprechbar sein, gerade auch, wenn es um Kritik geht. Diese Atmosphäre des Miteinanders muss ich als Dirigent schaffen. In Norwegen, wo ich als Chefdirigent arbeite, funktioniert das, denn dieses Land ist durch und durch demokratisch. Davon kann ich persönlich nur profitieren.

Wurden Sie im Studium darauf vorbereitet, dass es beim Dirigieren auch um Personalführung geht?

Das lernt man vor allem in der Praxis, auch ex negativo, durch Beobachtung von erfahrenen Dirigenten. Mark Elder, bei dem ich viel assistiert habe, ist da mein Vorbild. Rattle natürlich auch – und John Eliott Gardiner, wegen der völligen Hingabe an seine Ideen.

Im Team arbeiten – ist das eine Illusion im Klassikbetrieb?

Nein! Ich arbeite in den Proben zwar sehr im Detail, aber dabei geht es nicht um totale Kontrolle. Sondern darum, dass wir uns in der Aufführung dann ganz frei fühlen, gemeinsam atmen können. Im Endeffekt sind es doch die Musiker, die die Klänge erzeugen, nicht ich.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

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