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In der Menge statt auf der Bühne. Nina Hoss bei der Premiere von "Schwesterlein" im Berlinale Palast.
© Christoph Soeder/dpa

Keine Bühne für den Applaus: Wie die 70. Berlinale Filmemachern ihren Glücksmoment nimmt

Warum werden die Filmemacher beim Wettbewerb nicht mehr zum Applaus auf die Bühne geholt? Das bringt so um ihren verdienten Glücksmoment. Ein Gastkommentar.

Alice Agneskirchner ist Filmregisseurin, 1989 hat sie erstmals die Berlinale besucht und seitdem sind diese zehn Tage im Februar als fünfte Jahreszeit des Filmeschauens und Branchenmeetings ein fester Bestandteil ihres Jahreskalenders. Zuletzt liefen ihre Dokumentarfilme „Auf der Jagd – wem gehört die Natur?“ im Kino und „Wie HOLOCAUST ins Fernsehen kam“ im Fernsehen.

Weltpremiere eines Films im Wettbewerb der Berlinale. Was kann eine Regisseurin oder ein Regisseur mit einem Film noch mehr erreichen? Vielleicht den Oscar gewinnen, oder den Goldenen Bären. Aber jetzt präsentiert das Filmteam der Öffentlichkeit erstmals den Film, an dem sie alle jahrelang gearbeitet haben, für den sie gekämpft, gestritten, gelitten haben.

Dafür kommen die Filmemacher aus aller Welt nach Berlin, dafür kommen die Zuschauer zur Berlinale. Im Berlinale Palast werden die meisten Wettbewerbsfilme in Anwesenheit des Filmteams wirklich zum allerersten Mal einem Publikum gezeigt. Und dann, nach dem Abspann? Geschieht nichts.

Keiner holt die Filmcrew auf die Bühne. Sie stehen an ihren Plätzen und winken, wirken irgendwie irritiert, werden dabei gefilmt und das wird live auf die Leinwand übertragen. Im Hintergrund sieht man die Zuschauer, die auch etwas irritiert sind, schließlich aufstehen und gehen, einer winkt dabei in die Kamera.

Zuerst denke ich, Carlo Chatrian der neue künstlerische Direktor, wurde aufgehalten und konnte die Crew nicht auf die Bühne holen. Aber dann sehe ich, er steht schräg hinter dem Filmteam. Es ist also Absicht. Keiner hatte die Absicht, die Filmemacher für ihren verdienten Applaus auf die Bühne zu holen. So war das mehrfach in den letzten Tagen. Es gab auch Regisseure und ihre Crews, die gerade das Bad in der Menge mitten im Saal genießen, aber in meinem Empfinden ersetzt das nicht die Geste, sie nach vorne und nach oben – auf die Bühne - zu bitten.

Das Applaus-Protokoll ist neu, in den Jahren von Dieter Kosslick kamen die Regisseure, Schauspieler und anderen Teammitglieder nach dem Film bei ihrer Weltpremiere immer auf die Bühne. In den anderen Reihen des Festivals, im Panorama, beim Forum, bei Generation und bei der Perspektive Deutsches Kino, ist es nach wie vor üblich. Die Teams freuen sich über den Applaus und mit ihnen freut sich das Publikum, ein wunderbarer, ein magischer Moment.

Noch heute beglückt mich die Erinnerung an das Gefühl, als Dieter Kosslick nach der Weltpremiere meines Filmes „Lampenfieber“ in der Special-Reihe 2019 mich und mein Team auf die Bühne geholt hat. Es war der letzte Applaus-Vorhang, den er in seiner Funktion als Direktor der Berlinale moderiert hat. 1200 applaudierende Gäste.

Ganz klein standen wir da, auf der großen Bühne im Friedrichstadt-Palast und waren zu Tränen gerührt. Ein solch überwältigender Moment ist gewiss nicht der einzige Grund, aber auch deshalb kommen Filmschaffende und Zuschauer auf ein A-Festival. Auf ein Festival, das Weltpremieren zeigt. Naturgemäß finden Filmvorführungen normalerweise ohne die Filmemacher statt, aber diesen Glücksmoment der Würdigung des langen Arbeitsprozesses, durch den Applaus der Zuschauer, den wünsche ich meinen Kolleginnen und Kollegen für die Zukunft – auch im Wettbewerb der Berlinale. 

Alice Agneskirchner

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